Dokumentation Gesangstexte
Elektra op. 58

relevant für die veröffentlichten Bände: I/4 Elektra
Edierter Gesangstext
(Der innere Hof, begrenzt von der Rückseite des Palastes und niedrigen Gebäuden, in denen die Diener wohnen. Dienerinnen am Ziehbrunnen, links vorn. Aufseherinnen unter ihnen.)
(Vorhang auf)
1. Magd
(ihr Wassergefäß aufhebend)
Wo bleibt Elektra?
2. Magd
Ist doch ihre Stunde,
die Stunde, wo sie um den Vater heult,
daß alle Wände schallen.
(Elektra kommt aus der [sic] schon dunkelnden Hausflur gelaufen. Alle drehen sich nach ihr um.)
(Elektra springt zurück wie ein Tier in seinen Schlupfwinkel, den einen Arm vor dem Gesicht.)
1. Magd
Habt ihr gesehn, wie sie uns ansah?
2. Magd
Giftig,
wie eine wilde Katze.
3. Magd
Neulich lag sie da
und stöhnte …
1. Magd
Immer, wenn die Sonne tief steht,
liegt sie und stöhnt.
3. Magd
Da gingen wir zu zweit
und kamen ihr zu nah –
1. Magd
sie hält’s nicht aus,
wenn man sie ansieht.
3. Magd
Ja, wir kamen ihr
zu nah: da pfauchte sie wie eine Katze
uns an. »Fort, Fliegen!« schrie sie, »fort!«
4. Magd
»Schmeißfliegen, fort!«
3. Magd
»Sitzt nicht auf meinen Wunden!«
und schlug nach uns mit einem Strohwisch.
4. Magd
»Schmeißfliegen, fort!«
3. Magd
»Ihr sollt das Süße nicht
abweiden von der Qual. Ihr sollt nicht schmatzen
nach meiner Krämpfe Schaum.«
4. Magd
»Geht ab, verkriecht euch«,
schrie sie uns nach. »Eßt Fettes, und eßt Süßes,
und geht zu Bett mit euren Männern«, schrie sie,
und die –
3. Magd
Ich war nicht faul –
4. Magd
die gab ihr Antwort!
3. Magd
»Ja, wenn du hungrig bist«, gab ich zur Antwort,
»so ißt du auch!« Da sprang sie auf und schoß
gräßliche Blicke, reckte ihre Finger
wie Krallen gegen uns und schrie: »Ich füttre
mir einen Geier auf im Leib!«
2. Magd
Und du?
3. Magd
»Drum hockst du immerfort,« gab ich
zurück, »wo Aasgeruch dich hält, und scharrst
nach einer alten Leiche.«
2. Magd
Und was sagte
sie da?
3. Magd
Sie heulte nur und warf sich
in ihren Winkel.
1. Magd
Daß die Königin
solch einen Dämon frei in Haus und Hof
sein Wesen treiben läßt.
2. Magd
Das eigne Kind!
1. Magd
Wär’ sie mein Kind, ich hielte, ich – bei Gott! –
sie unter Schloß und Riegel!
4. Magd
Sind sie dir
nicht hart genug mit ihr? Setzt man ihr nicht
den Napf mit Essen zu den Hunden?
Hast du
den Herrn nie sie schlagen sehn?
5. Magd
(ganz jung)
(mit zitternder, erregter Stimme)
Ich will
vor ihr mich niederwerfen und die Füße
ihr küssen. Ist sie nicht ein Königskind
und duldet solche Schmach? Ich will die Füße
ihr salben und mit meinem Haar sie trocknen.
Aufseherin
(stößt sie)
Hinein mit dir!
5. Magd
Es gibt nichts auf der Welt,
das königlicher ist als sie. Sie liegt
in Lumpen auf der Schwelle, aber Niemand,
Niemand ist hier im Haus, der ihren Blick
aushält.
Aufseherin
(stößt sie in die offene niedere Tür links vorn)
Hinein!
5. Magd
(in die Tür geklemmt)
Ihr alle seid nicht wert,
die Luft zu atmen, die sie atmet! O
könnt ich euch alle, euch erhängt am Halse
in einer Scheuer Dunkel hängen sehn
um dessen willen, was ihr an Elektra
getan.
Aufseherin
(schlägt die Tür zu)
Hört ihr das? Wir, an Elektra,
die ihren Napf von unserm Tische stieß,
als man mit uns sie essen hieß, die ausspie
vor uns und Hündinnen uns nannte.
1. Magd
Was?
sie sagte: keinen Hund kann man erniedern,
wozu man uns hat abgerichtet: daß wir
mit Wasser und mit immer frischem Wasser
das ewige Blut des Mordes von der Diele
abspülen –
3. Magd
»und die Schmach«, so sagte sie,
»die Schmach, die sich bei Tag und Nacht erneut,
in Winkel fegen.«
1. Magd
»Unser Leib«, so schreit sie,
»starrt von dem Unrat, dem wir dienstbar sind.«
(Die Mägde tragen die Gefäße ins Haus links.)
Aufseherin
(die ihnen die Tür aufgemacht hat)
Und wenn sie uns mit unsern Kindern sieht,
so schreit sie: »Nichts kann so verflucht sein, nichts,
als Kinder, die wir hündisch auf der Treppe
im Blute glitschend hier in diesem Hause
empfangen und geboren haben.« Sagt sie
das oder nicht?
1.–4. Magd
(im Abgehen)
Ja, ja!
Aufseherin
Sagt sie das oder nicht?
(Die Aufseherin geht hinein, die Tür fällt zu.)
1.–4. Magd
(alle schon drinnen)
Ja, ja.
5. Magd
(innen)
Sie schlagen mich.
(Elektra tritt aus dem Hause.)
Elektra
Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort,
hinabgescheucht in seine kalten Klüfte …
(gegen den Boden)
Agamemnon! Agamemnon!
Wo bist du, Vater? Hast du nicht die Kraft,
dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen?
(leise)
Es ist die Stunde, unsre Stunde ist’s,
die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben,
dein Weib und der mit ihr in einem Bette,
in deinem königlichen Bette schläft.
Sie schlugen dich im Bade tot, dein Blut
rann über deine Augen, und das Bad
dampfte von deinem Blut. Da nahm er dich,
der Feige, bei den Schultern, zerrte dich
hinaus aus dem Gemach, den Kopf voraus,
die Beine schleifend hinterher: Dein Auge,
das starre, offne, sah herein ins Haus.
So kommst du wieder, setzest Fuß vor Fuß
und stehst auf einmal da, die beiden Augen
weit offen, und ein königlicher Reif
von Purpur ist um deine Stirn, der speist sich
aus des Hauptes offner Wunde.
Agamemnon! Vater!
Ich will dich sehn, laß mich heute nicht allein!
Nur so wie gestern, wie ein Schatten, dort
im Mauerwinkel zeig dich deinem Kind!
Vater! Agamemnon, dein Tag wird kommen. Von den Sternen
stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut
aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab!
So wie aus umgeworfnen Krügen wird’s
aus den gebundnen Mördern fließen,
und in einem Schwall, in einem
geschwollnen Bach wird ihres Lebens Leben
aus ihnen stürzen –
(mit feierlichem Pathos)
und wir schlachten dir
die Rosse, die im Hause sind, wir treiben
sie vor dem Grab zusammen, und sie ahnen
den Tod und wiehern in die Todesluft
und sterben. Und wir schlachten dir die Hunde,
die dir die Füße leckten,
die mit dir gejagt, denen du
die Bissen hinwarfst, darum muß ihr Blut
hinab, um dir zu Dienst zu sein, und wir, wir,
dein Blut, dein Sohn Orest und deine Töchter,
wir drei, wenn Alles dies vollbracht und
Purpurgezelte aufgerichtet sind vom Dunst
des Blutes, den die Sonne nach sich zieht,
dann tanzen wir, dein Blut, rings um dein Grab:
(in begeistertem Pathos)
und über Leichen hin werd ich das Knie
hochheben Schritt für Schritt, und die mich werden
so tanzen sehn, ja, die meinen Schatten
von weitem nur so werden tanzen sehn,
die werden sagen: einem großen König
wird hier ein großes Prunkfest angestellt
von seinem Fleisch und Blut, und glücklich ist,
wer Kinder hat, die um sein hohes Grab
so königliche Siegestänze tanzen.
Agamemnon! Agamemnon!
(Chrysothemis, die jüngere Schwester, steht in der Haustür.)
Chrysothemis
(leise)
Elektra!
(Elektra fährt zusammen und starrt zuerst, wie aus einem Traum erwachend, auf Chrysothemis.)
Elektra
Ah, das Gesicht!
Chrysothemis
(steht an die Tür gedrückt)
(weich)
Ist mein Gesicht dir so verhaßt?
Elektra
(heftig)
Was willst du? Rede, sprich, ergieße dich,
dann geh und laß mich!
(Chrysothemis hebt, wie abwehrend, die Hände.)
Elektra
Was hebst du die Hände?
So hob der Vater seine beiden Hände,
da fuhr das Beil hinab und spaltete
sein Fleisch. Was willst du? Tochter meiner
Mutter, Tochter Klytämnestras?
Chrysothemis
(leise)
Sie haben etwas Fürchterliches vor.
Elektra
Die beiden Weiber?
Chrysothemis
Wer?
Elektra
Nun, meine Mutter
und jenes andre Weib, die Memme, ei,
Aegisth, der tapfre Meuchelmörder, er,
der Heldentaten nur im Bett vollführt.
Was haben sie denn vor?
Chrysothemis
Sie werfen dich
in einen Turm, wo du von Sonn und Mond
das Licht nicht sehen wirst.
(Elektra lacht.)
Chrysothemis
Sie tun’s, ich weiß es,
ich hab’s gehört.
Elektra
Wie hast denn du
es hören können?
Chrysothemis
(leise)
An der Tür, Elektra.
Elektra
(ausbrechend)
Mach keine Türen auf in diesem Haus!
Gepreßter Atem, pfui! und Röcheln von Erwürgten,
nichts andres gibt’s in diesen Mauern,
mach keine Türen auf! Schleich nicht herum,
sitz an der Tür wie ich und wünsch den Tod
und das Gericht herbei auf sie und ihn.
Chrysothemis
Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren,
wie du. Ich hab’s wie Feuer in der Brust,
es treibt mich immerfort herum im Haus;
in keiner Kammer leidet’s mich, ich muß
von einer Schwelle auf die andre, ach!
treppauf, treppab, mir ist, als rief es mich,
und komm ich hin, so stiert ein leeres Zimmer
mich an. Ich habe solche Angst, mir zittern
die Knie bei Tag und Nacht, mir ist die Kehle
wie zugeschnürt, ich kann nicht einmal weinen,
wie Stein ist alles! Schwester, hab Erbarmen!
Elektra
Mit wem?
Chrysothemis
Du bist es, die mit Eisenklammern
mich an den Boden schmiedet. Wärst nicht du,
sie ließen uns hinaus. Wär nicht dein Haß,
dein schlafloses, unbändiges Gemüt,
vor dem sie zittern, ah, so ließen sie
uns ja heraus aus diesem Kerker, Schwester!
Ich will heraus! Ich will nicht jede Nacht
bis an den Tod hier schlafen! Eh’ ich sterbe,
will ich auch leben!
Kinder will ich haben,
bevor mein Leib verwelkt, und wär’s ein Bauer,
dem sie mich geben, Kinder will ich ihm
gebären und mit meinem Leib sie wärmen
in kalten Nächten, wenn der Sturm die Hütte
zusammenschüttelt!
Hörst du mich an? Sprich zu mir, Schwester!
Elektra
Armes Geschöpf!
Chrysothemis
(stets äußerst erregt)
Hab Mitleid mit dir selber und mit mir!
Wem frommt denn solche Qual?
Der Vater, der ist tot. Der Bruder kommt nicht heim.
Immer sitzen wir auf der Stange
wie angehängte Vögel, wenden links
und rechts den Kopf – und niemand kommt – kein Bruder –
kein Bote von dem Bruder, nicht der Bote
von einem Boten – nichts. – Mit Messern
gräbt Tag um Tag in dein und mein Gesicht
sein Mal, und draußen geht die Sonne auf
und ab, und Frauen, die ich schlank gekannt hab’,
sind schwer von Segen, müh’n sich zum Brunnen,
heben kaum die Eimer, und auf einmal
sind sie entbunden ihrer Last, kommen
zum Brunnen wieder und aus ihnen selber
quillt süßer Trank, und säugend hängt ein Leben
an ihnen, und die Kinder werden groß.
Nein, ich bin
ein Weib und will ein Weiberschicksal!
Viel lieber tot, als leben und nicht leben.
(Sie bricht in heftiges Weinen aus.)
Elektra
Was heulst du? Fort, hinein! Dort ist dein Platz!
Es geht ein Lärm los.
(höhnisch)
Stellen sie vielleicht
für dich die Hochzeit an? Ich hör sie laufen.
Das ganze Haus ist auf. Sie kreißen, oder
sie morden! Wenn es an Leichen mangelt,
drauf zu schlafen, müssen sie doch morden!
Chrysothemis
Geh fort, verkriech dich! daß sie dich nicht sieht.
Stell dich ihr heut nicht in den Weg: sie schickt
Tod aus jedem Blick. Sie hat geträumt.
(Der Lärm von vielen Kommenden drinnen, allmählich näher)
Geh fort von hier. Sie kommen durch die Gänge.
Sie kommen hier vorbei. Sie hat geträumt. Sie hat geträumt,
ich weiß nicht, was, ich hab es
von den Mägden gehört:
sie sagen, daß sie von Orest, von Orest geträumt hat,
daß sie geschrien hat aus ihrem Schlaf,
wie einer schreit, den man erwürgt.
(Fackeln und Gestalten erfüllen den Gang links von der Tür.)
Sie kommen schon, sie treibt die Mägde alle
mit Fackeln vor sich her. Sie schleppen Tiere
und Opfermesser. Schwester, wenn sie zittert,
ist sie am schrecklichsten.
(dringend)
Geh ihr nur heut,
nur diese Stunde geh aus ihrem Weg!
Elektra
Ich habe eine Lust, mit meiner Mutter
zu reden, wie noch nie!
Chrysothemis
Ich will’s nicht hören!
(Chrysothemis stürzt ab durch die Hoftür.)
(An den grell erleuchteten Fenstern klirrt und schlürft ein hastiger Zug vorüber: es ist ein Zerren, ein Schleppen von Tieren, ein gedämpftes Keifen, ein schnell ersticktes Aufschrein, das Niedersausen einer Peitsche, ein Aufraffen, ein Weitertaumeln.)
(In dem breiten Fenster erscheint Klytämnestra. Ihr fahles, gedunsenes Gesicht, in dem grellen Licht der Fackeln, erscheint noch bleicher über dem scharlachroten Gewand. Sie stützt sich auf eine Vertraute, die dunkelviolett gekleidet ist, und auf einen elfenbeinernen, mit Edelsteinen geschmückten Stab. Eine gelbe Gestalt, mit zurückgekämmtem schwarzem Haar, einer Egypterin ähnlich, mit glattem Gesicht, einer aufgerichteten Schlange gleichend, trägt ihr die Schleppe. Die Königin ist über und über bedeckt mit Edelsteinen und Talismanen. Die Arme sind voll von Reifen, ihre Finger starren von Ringen. Die Lider ihrer Augen scheinen übermäßig groß, und es scheint ihr eine furchtbare Anstrengung zu kosten, sie offen zu halten.)
(Elektra richtet sich hoch auf.)
(Klytämnestra öffnet jäh die Augen, zitternd vor Zorn tritt sie ans Fenster und zeigt mit dem Stock auf Elektra.)
Klytämnestra
Was willst Du? Seht doch, dort! So seht doch das!
Wie es sich aufbäumt mit geblähtem Hals
und nach mir züngelt! Und das laß ich frei
in meinem Hause laufen!
(schwer atmend)
Wenn sie mich mit ihren Blicken töten könnte!
O Götter, warum liegt ihr so auf mir?
Warum verwüstet ihr mich so? Warum
muß meine Kraft in mir gelähmt sein? Warum
bin ich lebendigen Leibes wie ein wüstes
Gefild und diese Nessel wächst aus mir
heraus, und ich hab nicht die Kraft zu jäten?
Warum geschieht mir das, ihr ew’gen Götter?
Elektra
(ruhig)
Die Götter! Bist doch selber eine Göttin,
bist, was sie sind!
Klytämnestra
(zu ihren Begleiterinnen)
Habt ihr gehört? Habt ihr
verstanden, was sie redet?
Die Vertraute
Daß auch du
vom Stamm der Götter bist.
Die Schleppträgerin
(zischend)
Sie meint es tückisch.
(Klytämnestra’s schwere Augenlider fallen zu.)
Klytämnestra
(weich)
Das klingt mir so bekannt. Und nur als hätt’ ich’s
vergessen, lang und lang. Sie kennt mich gut.
Doch weiß man nie, was sie im Schilde führt.
(Die Vertraute und die Schleppträgerin flüstern miteinander.)
(Elektra nähert sich langsam Klytämnestra.)
Elektra
Du bist nicht mehr du selber. Das Gewürm
hängt immerfort um Dich! Was sie ins Ohr
dir zischen, trennt dein Denken fort und fort
entzwei, so gehst du hin im Taumel, immer
bist du, als wie im Traum.
Klytämnestra
Ich will hinunter.
Laßt, laßt, ich will mit ihr reden.
(Sie geht vom Fenster weg und erscheint mit ihren Begleiterinnen in der Tür.)
(von der Türschwelle aus)
(etwas weicher)
Sie ist heute
nicht widerlich. Sie redet wie ein Arzt.
Die Vertraute
(flüsternd)
Sie redet
nicht, wie sie’s meint.
Die Schleppträgerin
Ein jedes Wort ist Falschheit.
Klytämnestra
(auffahrend)
Ich will Nichts hören! Was aus Euch heraus kommt,
ist nur der Atem des Aegisth.
Und wenn ich nachts euch wecke, redet ihr
nicht jede etwas andres? Schreist nicht du,
daß meine Augenlider angeschwollen
und meine Leber krank ist? Und winselst
nicht du in’s and’re Ohr, daß du Dämonen
gesehen hast mit langen spitzen Schnäbeln,
die mir das Blut aussaugen? Zeigst du nicht
die Spuren mir an meinem Fleisch und folg’ ich
dir nicht und schlachte, schlachte, schlachte Opfer
um Opfer? Zerrt ihr mich mit euren Reden
und Gegenreden nicht zu Tod? Ich will nicht
mehr hören: »Das ist wahr, und das ist Lüge.«
(dumpf)
Was die Wahrheit ist, das bringt
kein Mensch heraus. Wenn sie
zu mir redet,
(immer schwer atmend)
was mich zu hören freut,
so will ich horchen, auf was sie redet. –
Wenn einer etwas Angenehmes sagt,
(heftig)
und wär es meine Tochter, wär es die da –
will ich von meiner Seele alle Hüllen
abstreifen und das Fächeln sanfter Luft,
von wo es kommen mag, einlassen, wie
die Kranken tun, wenn sie der kühlen Luft,
am Teiche sitzend, abends ihre Beulen
und all ihr Eiterndes der kühlen Luft
preisgeben, abends … und nichts andres denken,
als Lindrung zu schaffen.
Laßt mich allein mit ihr!
(Ungeduldig weist sie mit dem Stock die Vertraute und die Schleppträgerin ins Haus. Diese verschwinden zögernd in der Tür. Auch die Fackeln verschwinden, und nur aus dem Innern des Hauses fällt ein schwacher Schein durch den Flur auf den Hof und streift hie und da die Gestalten der beiden Frauen.)
(Klytämnestra kommt herab.)
Klytämnestra
(leise)
Ich habe keine guten Nächte. Weißt du
kein Mittel gegen Träume?
Elektra
(näher rückend)
Träumst du, Mutter?
Klytämnestra
Wer älter wird, der träumt. Allein, es läßt sich
vertreiben. Es gibt Bräuche.
Es muß für Alles richtge Bräuche geben. –
Darum bin ich so
behängt mit Steinen, denn es wohnt in jedem
ganz sicher eine Kraft. Man muß nur wissen,
wie man sie nützen kann. Wenn du nur wolltest –
du könntest etwas sagen, was mir nützt.
Elektra
Ich, Mutter, ich?
Klytämnestra
(ausbrechend)
Ja, du! Denn du bist klug.
In deinem Kopf ist alles stark.
Du könntest vieles sagen, was mir nützt.
Wenn auch ein Wort nichts weiter ist! Was ist denn
ein Hauch? Und doch kriecht zwischen Tag und Nacht,
wenn ich mit offnen Augen lieg, ein Etwas
hin über mich. Es ist kein Wort, es ist
kein Schmerz, es drückt mich nicht, es würgt mich nicht.
Nichts ist es – nicht einmal ein Alp, und dennoch,
es ist so fürchterlich, daß meine Seele
sich wünscht erhängt zu sein, und jedes Glied
in mir schreit nach dem Tod, und dabei leb’ ich
und bin nicht einmal krank: Du siehst mich doch:
seh ich wie eine Kranke? Kann man denn
vergehn, lebend, wie ein faules Aas?
Kann man zerfallen, wenn man garnicht krank ist?
zerfallen wachen Sinnes, wie ein Kleid,
zerfressen von den Motten? Und dann schlaf ich
und träume, träume, daß sich mir das Mark
in den Knochen löst, und taumle wieder auf,
und nicht der zehnte Teil der Wasseruhr
ist abgelaufen, und was unterm Vorhang
hereingrinst, ist noch nicht der fahle Morgen,
nein, immer noch die Fackel vor der Tür,
die gräßlich zuckt, wie ein Lebendiges,
und meinen Schlaf belauert.
Diese Träume müssen
ein Ende … haben … Wer sie immer schickt,
ein jeder Dämon lässt von uns, sobald
das rechte Blut geflossen ist.
Elektra
Ein jeder!
Klytämnestra
(wild)
Und müßt ich jedes Tier, das kriecht und fliegt,
zur Ader lassen und im Dampf des Blutes
aufstehn und schlafen gehn, wie die Völker
des letzten Thule im blutroten Nebel:
ich will nicht länger träumen.
Elektra
Wenn das rechte
Blutopfer unterm Beile fällt, dann träumst du
nicht länger!
Klytämnestra
(sehr hastig)
Also wüßtest du, mit welchem
geweihten Tier?
Elektra
(geheimnisvoll lächelnd)
Mit einem ungeweihten.
Klytämnestra
Das drin gebunden liegt?
Elektra
Nein, es läuft frei.
Klytämnestra
(begierig)
Und was für Bräuche?
Elektra
Wunderbare Bräuche
und sehr genau zu üben.
Klytämnestra
(heftig)
Rede doch!
Elektra
Kannst du mich nicht erraten?
Klytämnestra
Nein, darum frag’ ich.
(Elektra gleichsam feierlich beschwörend)
Den Namen sag’ des Opfertiers!
Elektra
Ein Weib!
Klytämnestra
(hastig)
Von meinen Dienerinnen eine, sag’,
ein Kind, ein jungfräuliches Weib? Ein Weib,
das schon erkannt vom Manne?
Elektra
(ruhig)
Ja, erkannt,
das ist’s.
Klytämnestra
(dringend)
Und wie das Opfer? Und welche Stunde?
Und wo?
Elektra
(ruhig)
An jedem Ort zu jeder Stunde
des Tags und der Nacht.
Klytämnestra
Die Bräuche sag’!
Wie brächt’ ich’s dar? Ich selber muß –
Elektra
Nein, diesmal
gehst du nicht auf die Jagd mit Netz und mit Beil.
Klytämnestra
Wer denn? Wer brächt’ es dar?
Elektra
Ein Mann.
Klytämnestra
Aegisth?
Elektra
(lacht)
Ich sagte doch, ein Mann.
Klytämnestra
Wer? gib mir Antwort.
Vom Hause jemand? oder muß ein Fremder
herbei?
Elektra
(zu Boden stierend, wie abwesend)
Ja, ja, ein Fremder, aber freilich
ist er vom Haus.
Klytämnestra
Gib mir nicht Rätsel auf.
Elektra, hör’ mich an. Ich freue mich,
daß ich dich heut’ einmal nicht störrisch finde …
Elektra
(leise)
Läßt du den Bruder nicht nach Hause, Mutter?
Klytämnestra
Von ihm zu reden hab’ ich dir verboten.
Elektra
So hast du Furcht vor ihm?
Klytämnestra
Wer sagt das?
Elektra
Mutter,
du zitterst ja!
Klytämnestra
Wer fürchtet sich
vor einem Schwachsinnigen.
Elektra
Wie?
Klytämnestra
Es heißt,
er stammelt, liegt im Hofe bei den Hunden
und weiß nicht Mensch und Tier zu unterscheiden.
Elektra
Das Kind war ganz gesund.
Klytämnestra
Es heißt, sie gaben
ihm schlechte Wohnung und Tiere
des Hofes zur Gesellschaft.
Elektra
Ah!
Klytämnestra
(mit gesenkten Augenlidern)
Ich schickte
viel Gold und wieder Gold, sie sollten ihn
gut halten wie ein Königskind.
Elektra
Du lügst!
Du schicktest Gold, damit sie ihn erwürgen.
Klytämnestra
Wer sagt dir das?
Elektra
Ich seh’s an deinen Augen.
Allein an deinem Zittern seh’ ich auch,
daß er noch lebt, daß du bei Tag und Nacht
an nichts denkst als an ihn. Daß dir das Herz
verdorrt vor Grauen, weil du weißt: er kommt.
Klytämnestra
Was kümmert mich, wer außer Haus ist.
Ich lebe hier und bin die Herrin. Diener
hab’ ich genug, die Tore zu bewachen,
und wenn ich will: laß ich bei Tag und Nacht
vor meiner Kammer drei Bewaffnete
mit offenen Augen sitzen.
Und aus dir
bring ich so oder so das rechte Wort
schon an den Tag. Du hast dich schon verraten,
daß du das rechte Opfer weißt und auch
die Bräuche, die mir nützen. Sagst du’s nicht
im Freien, wirst du’s an der Kette sagen.
Sagst du’s nicht satt, so sagst du’s hungernd. Träume
sind etwas, das man los wird. Wer dran leidet
und nicht das Mittel findet, sich zu heilen,
ist nur ein Narr. Ich finde mir heraus,
wer bluten muß, damit ich wieder schlafe.
(Elektra mit einem Sprung aus dem Dunkel auf Klytämnestra zu, immer näher an ihr, immer furchtbarer anwachsend)
Elektra
Was bluten muß? Dein eigenes Genick,
wenn dich der Jäger abgefangen hat.
Ich hör ihn durch die Zimmer gehn, ich hör ihn
den Vorhang von dem Bette heben: Wer schlachtet
ein Opfertier im Schlaf? Er jagt dich auf,
schreiend entfliehst du. Aber er, er ist hinterdrein,
er treibt dich durch das Haus! Willst du nach rechts,
da steht das Bett! nach links, da schäumt das Bad
wie Blut, das Dunkel und die Fackeln werfen
schwarzrote Todesnetze über dich.
(Klytämnestra, von sprachlosem Grauen geschüttelt)
Hinab die Treppen durch Gewölbe hin,
Gewölbe und Gewölbe geht die Jagd –
Und ich, ich, ich, ich, ich, die ihn dir geschickt,
ich bin wie ein Hund an deiner Ferse,
willst du in eine Höhle, spring ich dich
von seitwärts an. So treiben wir dich fort,
bis eine Mauer Alles sperrt, und dort –
im tiefsten Dunkel, doch ich seh ihn wohl,
ein Schatten, und doch Glieder und das Weiße
von einem Auge doch, da sitzt der Vater,
er achtet’s nicht, und doch muß es geschehn,
zu seinen Füßen drücken wir dich hin –
Du möchtest schreien, doch die Luft erwürgt
den ungebornen Schrei, und läßt ihn lautlos
zu Boden fallen, wie von Sinnen hältst du
den Nacken hin, fühlst schon die Schärfe zucken
bis an den Sitz des Lebens, doch er hält
den Schlag zurück, die Bräuche sind noch nicht erfüllt.
Alles schweigt, du hörst dein eignes Herz
an deinen Rippen schlagen: Diese Zeit,
– sie dehnt sich vor dir wie ein finstrer Schlund
von Jahren – diese Zeit ist dir gegeben
zu ahnen, wie es Scheiternden zu Mute ist,
wenn ihr vergebliches Geschrei die Schwärze
der Wolken und des Todes zerfrißt, diese Zeit
ist dir gegeben, alle zu beneiden,
die angeschmiedet sind an Kerkermauern,
die auf dem Grund von Brunnen nach dem Tod
als wie nach Erlösung schrein, denn du,
du liegst in deinem Selbst so eingekerkert,
als wär’s der glühnde Bauch von einem Tier
von Erz – und so wie jetzt kannst du nicht schrein!
Da steh ich
vor dir, und nun liest du mit starrem Aug’
das ungeheure Wort, das mir in mein
Gesicht geschrieben ist:
erhängt ist dir die Seele in der selbst-
gedrehten Schlinge, sausend fällt das Beil –
und ich steh da und seh dich endlich sterben.
Dann träumst du nicht mehr, dann brauche ich
nicht mehr zu träumen, und wer dann noch lebt,
der jauchzt und kann sich seines Lebens freun!
(Sie stehen einander, Elektra in wilder Trunkenheit, Klytämnestra gräßlich atmend vor Angst, Aug’ in Aug’. In diesem Augenblick erhellt sich der Hausflur. Die Vertraute kommt hergelaufen. Sie flüstert Klytämnestra etwas ins Ohr. Diese scheint erst nicht recht zu verstehen. Allmählich kommt sie zu sich. Sie winkt: »Lichter!« Es laufen Dienerinnen mit Fackeln heraus und stellen sich hinter Klytämnestra. Klytämnestra winkt: »Mehr Lichter!« Es kommen immer mehr Dienerinnen heraus, stellen sich hinter Klytämnestra, sodaß der Hof voll von Licht wird und rotgelber Schein um die Mauern flutet. Nun verändern sich ihre Züge allmählich, und die Spannung weicht einem bösen Triumph. Sie läßt sich die Botschaft abermals zuflüstern und verliert dabei Elektra keinen Augenblick aus dem Auge. Ganz bis an den Hals sich sättigend mit wilder Freude streckt Klytämnestra die beiden Hände drohend gegen Elektra. Dann hebt ihr die Vertraute den Stock auf, und auf beide sich stützend, eilig, gierig, an den Stufen ihr Gewand aufraffend, läuft sie ins Haus.)
(Die Dienerinnen mit den Lichtern wie gejagt hinter ihr drein.)
Elektra
Was sagen sie ihr denn? Sie freut sich ja!
Mein Kopf! Mir fällt nichts ein! Worüber freut sich
das Weib?
(Chrysothemis kommt laufend zur Hoftür herein, laut heulend wie ein verwundetes Tier.)
Chrysothemis
(schreiend)
Orest!
Orest ist tot!
(Elektra winkt ihr ab, wie von Sinnen.)
Elektra
Sei still!
Chrysothemis
Orest ist tot.
(Elektra bewegt die Lippen.)
Ich kam hinaus, da wußten sie’s schon! Alle
standen herum – und Alle wußten es schon,
nur wir nicht.
Elektra
(dumpf)
Niemand weiß es.
Chrysothemis
Alle wissen’s.
Elektra
Niemand kann’s wissen, denn es ist nicht wahr.
Chrysothemis
(wirft sich verzweifelt auf den Boden)
Elektra
(Chrysothemis emporreißend)
Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr, ich sag dir doch –
Es ist nicht wahr!
Chrysothemis
Die Fremden standen an der Wand, die Fremden,
die hergeschickt sind, es zu melden: zwei,
ein Alter und ein Junger. Allen hatten
sie’s schon erzählt, im Kreise standen Alle
um sie herum, und Alle,
(mit Anstrengung)
Alle wußten es schon.
Elektra
(mit höchster Kraft)
Es ist nicht wahr!
Chrysothemis
An uns denkt Niemand. Tot, Elektra – tot!
Gestorben in der Fremde! Tot!
Gestorben dort in fremdem Land.
Von seinen Pferden erschlagen und geschleift.
(sinkt vor der Schwelle des Hauses an Elektras Seite in wilder Verzweiflung hin)
(Ein junger Diener kommt eilig aus dem Haus, stolpert über die vor der Schwelle Liegende hinweg.)
Junger Diener
Platz da! Wer lungert so vor einer Tür?
Ah! konnt mir’s denken! Heda, Stallung! he!
Alter Diener
(finsteren Gesichts, zeigt sich an der Hoftür)
Was soll’s im Stall?
Junger Diener
Gesattelt
soll werden, und so rasch als möglich! hörst du?
Ein Gaul, ein Maultier oder meinetwegen
auch eine Kuh, nur rasch!
Alter Diener
Für wen?
Junger Diener
Für den,
der dir’s befiehlt. Da glotzt er! Rasch, für mich!
Sofort, für mich! Trab, trab! Weil ich hinaus muß
auf’s Feld, den Herren holen, weil ich ihm
Botschaft zu bringen habe, große Botschaft,
wichtig genug, um eine eurer Mähren
zu Tod (im Abgehen) zu reiten –
(Auch der Alte verschwindet.)
Elektra
(vor sich hin, leise und sehr energisch)
Nun muß es hier von uns geschehn.
Chrysothemis
(verwundert fragend)
Elektra?
Elektra
(alles in fliegender Hast)
Wir,
wir beide müssen’s tun.
Chrysothemis
Was, Elektra?
Elektra
(leise)
Am besten heut, am besten diese Nacht.
Chrysothemis
Was, Schwester?
Elektra
Was? Das Werk, das nun auf uns
gefallen ist,
(sehr schmerzlich)
weil er nicht kommen kann.
Chrysothemis
(angstvoll steigernd)
Was für ein Werk?
Elektra
Nun müssen du und ich
hingehn und das Weib und ihren Mann
erschlagen.
Chrysothemis
(leise, schaudernd)
Schwester, sprichst du von der Mutter?
Elektra
(wild)
Von ihr und auch von ihm. Ganz ohne Zögern
muß es geschehn.
Schweig still. Zu sprechen ist nichts.
Nichts gibt es zu bedenken, als nur: wie?
wie wir es tun.
Chrysothemis
Ich?
Elektra
Ja, du und ich.
Wer sonst?
Chrysothemis
(entsetzt)
Wir? Wir beide sollen hingehn? Wir, wir zwei
mit unsern beiden Händen?
Elektra
Dafür laß
du mich nur sorgen.
(geheimnißvoll)
Das Beil! (stärker) das Beil, womit der Vater –
Chrysothemis
Du,
Entsetzliche, du hast es?
Elektra
Für den Bruder
bewahrt ich es. Nun müssen wir es schwingen.
Chrysothemis
Du? Diese Arme den Aegisth erschlagen?
Elektra
(wild)
Erst sie, dann ihn, erst ihn, dann sie, gleichviel.
Chrysothemis
Ich fürchte mich.
Elektra
Es schläft Niemand in ihrem Vorgemach.
Chrysothemis
Im Schlaf sie morden!
Elektra
Wer schläft, ist ein gebundnes Opfer. Schliefen
sie nicht zusamm’, könnt’ ich’s allein vollbringen.
So aber mußt du mit.
Chrysothemis
(abwehrend)
Elektra!
Elektra
Du! Du!
Denn du bist stark!
(dicht bei Chrysothemis)
Wie stark du bist. Dich haben
die jungfräulichen Nächte stark gemacht.
Überall ist so viel Kraft in dir.
Sehnen hast du wie ein Füllen.
Schlank sind deine Füße.
Wie schlank und biegsam –
leicht umschling ich sie –
deine Hüften sind.
Du windest dich durch jeden Spalt, du hebst dich
durchs Fenster! Laß mich deine Arme fühlen,
wie kühl und stark sie sind! Wie du mich abwehrst,
fühl ich, was das für Arme sind! Du könntest
erdrücken, was du an dich ziehst. Du könntest
mich oder einen Mann in deinen Armen ersticken,
überall ist so viel Kraft in dir.
Sie strömt wie kühles,
verhaltnes Wasser aus dem Fels. Sie flutet
mit deinen Haaren auf die starken Schultern herab!
Ich spüre durch die Kühle deiner Haut
das warme Blut hindurch, mit meiner Wange
spür’ ich den Flaum auf deinen jungen Armen:
Du bist voller Kraft, du bist schön,
du bist wie eine Frucht an der Reife Tag.
Chrysothemis
Laß mich!
Elektra
Nein, ich halte dich!
Mit meinen traurigen, verdorrten Armen
umschling ich deinen Leib, wie du dich sträubst,
ziehst du den Knoten nur noch fester, ranken
will ich mich rings um dich, versenken
meine Wurzeln in dich und mit meinem Willen
dir impfen das Blut.
Chrysothemis
Laß mich!
(Sie flüchtet ein paar Schritte. Elektra wild ihr nach, faßt sie am Gewand.)
Elektra
Nein, ich laß dich nicht.
Chrysothemis
Elektra, hör’ mich!
Du bist so klug, hilf uns aus diesem Haus.
Hilf uns in’s Freie! Elektra, hilf uns, hilf uns in’s Freie …
Elektra
Von jetzt an will ich deine Schwester sein,
so wie ich niemals deine Schwester war!
Getreu will ich mit dir in deiner Kammer sitzen
und warten auf den Bräutigam. Für ihn
will ich dich salben, und in’s duftige Bad
sollst du mir tauchen wie der junge Schwan
und deinen Kopf an meiner Brust verbergen,
bevor er dich, die durch den Schleier glüht
wie eine Fackel, in das Hochzeitsbett
mit starken Armen zieht.
(Chrysothemis schließt die Augen.)
Chrysothemis
Nicht, Schwester, – nicht.
Sprich nicht ein solches Wort in diesem Haus.
Elektra
O ja! weit mehr als Schwester bin ich dir
von diesem Tage an: ich diene dir
wie eine Sklavin. Wenn du liegst in Weh’n,
sitz ich an deinem Bette Tag und Nacht,
wehr dir die Fliegen, schöpfe kühles Wasser, –
und wenn auf einmal auf dem nackten Schoß
dir ein Lebendiges liegt, erschreckend fast,
so heb’ ich’s empor, so hoch, damit
sein Lächeln hoch von oben in die tiefsten,
geheimsten Klüfte deiner Seele fällt
und dort das letzte, eisig Gräßliche
vor dieser Sonne schmilzt, und du’s in hellen
Tränen ausweinen kannst.
Chrysothemis
O bring mich fort!
Ich sterb’ in diesem Haus!
Elektra
(an den Knieen der Chrysothemis)
Dein Mund ist schön,
wenn er sich einmal auftut, um zu zürnen!
Aus deinem reinen, starken Mund muß furchtbar
ein Schrei hervorsprüh’n – furchtbar wie der Schrei
der Todesgöttin, wenn man unter dir
so daliegt, wie nun ich.
Chrysothemis
Was redest du?
Elektra
(aufstehend)
Denn eh’ du diesem Haus
und mir entkommst, mußt du es tun.
(Chrysothemis will reden, Elektra hält ihr den Mund zu.)
Elektra
Dir führt
kein Weg hinaus, als der. Ich laß dich nicht,
eh’ du mir Mund auf Mund es zugeschworen,
daß du es tun wirst.
Chrysothemis
(windet sich los)
Laß mich!
Elektra
(faßt sie wieder)
Schwör, du kommst
heut Nacht, wenn alles still ist, an den Fuß
der Treppe!
Chrysothemis
Laß mich!
Elektra
(hält sie am Gewand)
Mädchen, sträub dich nicht!
Es bleibt kein Tropfen Blut am Leibe haften!
Schnell schlüpfst du aus dem blutigen Gewand
mit reinem Leib in’s hochzeitliche Hemd.
Chrysothemis
Laß mich!
Elektra
(immer dringender)
Sei nicht zu feige! Was du jetzt
an Schaudern überwindest, wird vergolten
mit Wonneschaudern Nacht für Nacht.
Chrysothemis
Ich kann nicht!
Elektra
Sag, daß du kommen wirst.
Chrysothemis
Ich kann nicht!
Elektra
Sieh,
ich lieg vor dir und küsse deine Füße.
Chrysothemis
Ich kann nicht!
(in’s Haustor entspringend)
Elektra
Sei verflucht!
(mit wilder Entschlossenheit)
Nun denn, allein.
(Sie fängt an der Wand des Hauses, seitwärts der Türschwelle, eifrig zu graben an, lautlos wie ein Tier.)
(Elektra hält mit Graben inne, sieht sich um, gräbt wieder.)
(Elektra sieht sich von neuem um und lauscht.)
(Elektra gräbt weiter.)
(Orest steht in der Hoftür, von der letzten Helle sich schwarz abhebend.)
(Orest tritt herein.)
(Elektra blickt auf ihn, er dreht sich langsam um, so daß sein Blick auf sie fällt: Elektra fährt heftig auf.)
Elektra
(zitternd)
Was willst du, fremder Mensch? Was treibst du dich
zur dunklen Stunde hier herum, belauerst,
was andre tun!
Ich hab’ hier ein Geschäft. Was kümmert’s dich?
Laß mich in Ruh!
Orest
Ich muß hier warten.
Elektra
Warten?
Orest
Doch du bist
hier aus dem Haus? bist eine von den Mägden
dieses Hauses?
Elektra
Ja, ich diene hier im Haus.
Du aber hast hier nichts zu schaffen, freu dich
und geh!
Orest
Ich sagte dir: ich muß hier warten,
bis sie mich rufen.
Elektra
Die da drinnen?
Du lügst. Weiß ich doch gut, der Herr ist nicht zu Haus.
Und sie, was sollte sie mit dir?
Orest
Ich und noch einer,
der mit mir ist, wir haben einen Auftrag
an die Frau.
Wir sind an sie geschickt,
weil wir bezeugen können, daß ihr Sohn
Orest gestorben ist vor unsren Augen,
denn ihn erschlugen seine eignen Pferde.
Ich war so alt wie er und sein Gefährte
bei Tag und Nacht.
Elektra
Muß ich dich
noch sehn? Schleppst du dich hier her,
in meinen traurigen Winkel,
Herold des Unglücks! Kannst du nicht die Botschaft
austrompeten dort, wo sie sich freun!
Dein Aug’ da starrt mich an, und seins ist Gallert.
Dein Mund geht auf und zu, und seiner ist
mit Erde vollgepfropft.
Du lebst, und er, der besser war als du,
und edler tausendmal, und tausendmal so wichtig,
daß er lebte, er ist hin!
Orest
(ruhig)
Laß den Orest! Er freute sich zu sehr
an seinem Leben. Die Götter droben
vertragen nicht den allzu hellen Laut
der Lust. So mußte er denn sterben.
Elektra
Doch ich! Doch ich! Daliegen und
zu wissen, daß das Kind nie wiederkommt,
nie wiederkommt.
Daß das Kind da drunten in den Klüften
des Grausens lungert – daß die da drinnen
leben und sich freuen,
daß dies Gezücht in seiner Höhle lebt
und ißt und trinkt und schläft –
und ich hier droben, wie nicht das Tier des Waldes
einsam und gräßlich lebt, ich hier droben allein!
Orest
Wer bist denn du?
Elektra
Was kümmert’s
dich, wer ich bin?
Orest
Du mußt verwandtes Blut zu denen sein,
die starben, Agamemnon und Orest.
Elektra
Verwandt? Ich bin dies Blut! Ich bin das hündisch
vergossene Blut des Königs Agamemnon!
Elektra heiß ich.
Orest
Nein!
Elektra
Er leugnets ab.
Er bläst auf mich und nimmt mir meinen Namen.
Orest
Elektra!
Elektra
Weil ich nicht Vater hab,
Orest
Elektra!
Elektra
noch Bruder, bin ich der Spott der Buben!
Orest
Elektra! Elektra!
So seh’ ich sie? Ich seh’ sie wirklich, du?
So haben sie dich darben lassen, oder –
sie haben dich geschlagen?
Elektra
Laß mein Kleid! Wühl nicht mit deinem Blick daran.
Orest
Was haben sie gemacht mit deinen Nächten?
Furchtbar sind deine Augen,
Elektra
Laß mich!
Orest
hohl sind deine Wangen!
Elektra
Geh in’s Haus,
drin hab ich eine Schwester, die bewahrt sich
für Freudenfeste auf!
Orest
Elektra, hör mich!
Elektra
Ich will nicht wissen, wer du bist,
ich will Niemand sehn.
Orest
Hör mich an, ich hab nicht Zeit.
Hör zu:
(leise)
Orestes lebt!
(Elektra wirft sich herum.)
Orest
Wenn du dich regst, verrätst du ihn.
Elektra
So ist er frei? Wo ist er?
Orest
Er ist unversehrt
wie ich.
Elektra
So rett’ ihn doch, bevor sie ihn
erwürgen.
Orest
Bei meines Vaters Leichnam, dazu kam ich her!
Elektra
(von seinem Ton getroffen)
Wer bist denn du?
(Der alte finstere Diener stürzt, gefolgt von drei andern Dienern, aus dem Hof lautlos herein, wirft sich vor Orest nieder, küßt seine Füße, die andern Orests Hände und den Saum seines Gewandes.)
Elektra
(kaum ihrer mächtig)
Wer bist du denn? Ich fürchte mich.
Orest
(sanft)
Die Hunde auf dem Hof erkennen mich,
und meine Schwester nicht?
Elektra
(aufschreiend)
Orest!
(ganz leise, bebend)
Orest! Orest! Orest!
Es rührt sich Niemand. O lass deine Augen
mich sehn, Traumbild, mir geschenktes
Traumbild, schöner als alle Träume.
Hehres, unbegreifliches, erhabenes Gesicht,
o bleib bei mir! Lös’ nicht
in Luft dich auf, vergeh mir nicht, vergeh mir nicht,
es sei denn, dass ich jetzt gleich
sterben muss und du dich anzeigst
und mich holen kommst: Dann sterb’ ich
seliger, als ich gelebt. Orest! Orest! Orest!
(Orest neigt sich zu Elektra, sie zu umarmen.)
(heftig)
Nein, du sollst mich nicht umarmen!
Tritt weg! Ich schäme mich vor dir. Ich weiss nicht,
wie du mich ansiehst.
Ich bin nur mehr der Leichnam deiner Schwester,
mein armes Kind. Ich weiss:
(leise)
Es schaudert dich
vor mir, und war doch eines Königs Tochter.
Ich glaube, ich war schön: wenn ich die Lampe
ausblies vor meinem Spiegel, fühlt’ ich es
mit keuschem Schauer. Ich fühlt’ es,
wie der dünne Strahl des Mondes
in meines Körpers weisser Nacktheit badete
so wie in einem Weiher. Und mein Haar
war solches Haar, vor dem die Männer zittern,
dies Haar, versträhnt, beschmutzt, erniedrigt.
Verstehst du’s, Bruder? Ich habe Alles,
was ich war, hingeben müssen. Meine Scham
hab’ ich geopfert, die Scham, die süßer
als Alles ist, die Scham, die wie der Silberdunst,
der milchige des Monds, um jedes Weib
herum ist und das Gräßliche von ihr
und ihrer Seele weghält. Verstehst du’s, Bruder?
Diese süßen Schauder hab ich dem Vater
opfern müssen. Meinst du,
wenn ich an meinem Leib mich freute, drangen
seine Seufzer, drang nicht sein Stöhnen
an mein Bette?
(düster)
Eifersüchtig sind
die Toten: und er schickte mir den Haß,
den hohläugigen Haß als Bräutigam.
So bin ich eine Prophetin immerfort gewesen
und habe nichts hervorgebracht aus mir
und meinem Leib als Flüche und Verzweiflung.
Was schaust du ängstlich um dich? Sprich zu mir!
Sprich doch! Du zitterst ja am ganzen Leib?
Orest
Laß zittern diesen Leib. Er ahnt,
welchen Weg ich ihn führe.
Elektra
Du wirst es tun? Allein? Du armes Kind?
Orest
Die diese Tat mir auferlegt,
die Götter, werden da sein, mir zu helfen.
Ich will es tun,
ich will es eilig tun!
Ich werde es tun!
Ich werde es tun!
Elektra
Du wirst es tun!
Der ist selig, der tun darf!
Die Tat ist wie ein Bette,
auf dem die Seele ausruht,
wie ein Bett von Balsam,
drauf die Seele ruhen kann,
die eine Wunde ist, ein Brand,
ein Eiter, eine Flamme!
Elektra
(sehr schwungvoll)
Der ist selig, der seine Tat zu tun kommt,
selig der, der ihn ersehnt,
selig, der ihn erschaut.
Selig, wer ihn erkennt,
selig, wer ihn berührt.
Selig, wer ihm das Beil aus der Erde gräbt,
selig, wer ihm die Fackel hält,
selig, selig, wer ihm öffnet die Tür.
(Der Pfleger Orest’s steht in der Hoftür, ein starker Greis mit blitzenden Augen.)
Der Pfleger
(hastig auf sie zu)
Seid ihr von Sinnen, daß ihr euren Mund
nicht bändigt, wo ein Hauch, ein Laut, ein Nichts
uns und das Werk verderben kann.
(zu Orest, in fliegender Eile)
Sie wartet drinnen. Ihre Mägde suchen nach dir.
Es ist kein Mann im Haus. Orest!
(Orest reckt sich auf, seinen Schauder bezwingend.)
(Die Tür des Hauses erhellt sich.)
(Es erscheint eine Dienerin mit einer Fackel, hinter ihr die Vertraute. Elektra ist zurückgesprungen, steht im Dunkel.)
(Die Dienerin befestigt die Fackel an einem eisernen Ring im Türpfosten.)
(Die Vertraute verneigt sich gegen die beiden Fremden, winkt, ihr hinein zu folgen, Orest und der Pfleger gehen hinein. Orest schließt einen Augenblick schwindelnd die Augen. Der Pfleger ist dicht hinter ihm, sie tauschen einen schnellen Blick, die Tür schließt sich hinter ihnen.)
(Elektra allein, in entsetzlicher Spannung. Sie läuft auf einem Strich vor der Tür hin und her, mit gesenktem Kopf, wie das gefangene Tier im Käfig.)
Elektra
(steht plötzlich still)
Ich habe ihm das Beil nicht geben können!
Sie sind gegangen und ich habe ihm
das Beil nicht geben können. Es sind keine
Götter im Himmel!
(Abermals ein furchtbares Warten)
(Von ferne tönt drinnen, gellend, der Schrei Klytämnestra’s.)
Elektra
(schreit auf wie ein Dämon)
Triff noch einmal!
(Von drinnen ein zweiter Schrei)
(Elektra steht in der Tür, mit dem Rücken an die Tür gepreßt.)
(Aus dem Wohngebäude links kommen Chrysothemis und eine Schar Dienerinnen heraus.)
Chrysothemis
Es muß etwas geschehen sein.
1. Magd
Sie schreit
so aus dem Schlaf.
2. Magd
Es müssen Männer drin sein.
Ich habe Männer gehen hören.
3. Magd
Alle
Türen sind verriegelt.
4. Magd
(schreiend)
Es sind Mörder,
es sind Mörder im Haus!
1. Magd
(schreit auf)
Oh!
2., 3. Magd, 6 andere Dienerinnen
Was ist?
1. Magd
Seht ihr denn nicht: dort in der Tür steht einer!
Chrysothemis
Das ist Elektra! Das ist ja Elektra!
1.–4. Magd
Elektra! Elektra!
1., 2. Magd
Warum spricht sie denn nicht?
Chrysothemis
Elektra,
warum sprichst du denn nicht?
4. Magd
Ich will hinaus,
Männer holen!
(läuft rechts hinaus)
Chrysothemis
Mach uns doch die Tür auf,
Elektra!
6 Dienerinnen
Elektra, laß uns in’s Haus!
Chrysothemis
Elektra!
4. Magd
(zurückkommend)
Zurück!
4. Magd
Aegisth! Zurück in unsre Kammern, schnell –
Aegisth kommt durch den Hof. Wenn er uns findet,
und wenn im Hause was geschehen ist,
läßt er uns töten!
1.–3. Magd, 6 Dienerinnen
Aegisth!
Chrysothemis
Zurück!
1.–4. Magd, 6 Dienerinnen
Zurück! Zurück!
(Sie verschwinden im Hause links.)
(Aegisth tritt rechts durch die Hoftür auf.)
Aegisth
(an der Tür stehen bleibend)
He, Lichter! Lichter!
Ist Niemand da, zu leuchten? Rührt sich keiner
von allen diesen Schuften? Kann das Volk
keine Zucht annehmen?
(Elektra nimmt die Fackel von dem Ring, läuft hinunter, ihm entgegen, und verneigt sich vor ihm.)
(Aegisth erschrickt vor der wirren Gestalt im zuckenden Licht, weicht zurück.)
Aegisth
Was ist das für ein unheimliches Weib?
Ich hab verboten, daß ein unbekanntes
Gesicht mir in die Nähe kommt!
(erkennt sie)
(zornig)
Was, du?
Wer heißt dich mir entgegentreten?
Elektra
Darf ich
nicht leuchten?
Aegisth
Nun, dich geht die Neuigkeit
ja doch vor allen an. Wo find ich
die fremden Männer, die das von Orest
uns melden?
Elektra
Drinnen. Eine liebe Wirtin
fanden sie vor, und sie ergetzen sich
mit ihr.
Aegisth
Und melden also wirklich, daß er
gestorben ist, und melden so, daß nicht
zu zweifeln ist?
Elektra
O Herr! Sie melden’s nicht
mit Worten blos [sic], nein, mit leibhaftigen Zeichen,
an denen auch kein Zweifel möglich ist.
Aegisth
Was hast du in der Stimme? Und was ist
in dich gefahren, daß du nach dem Mund
mir redest? Was taumelst du so hin
und her mit deinem Licht?
Elektra
Es ist nichts anderes,
als daß ich endlich klug ward und zu denen
mich halte, die die Stärkeren sind. Erlaubst du,
daß ich voran dir leuchte?
Aegisth
(etwas zaudernd)
Bis zur Tür.
Was tanzest du? Gib Obacht!
Elektra
(indem sie ihn wie in einem unheimlichen Tanz umkreist, sich plötzlich tief bückend)
Hier! die Stufen,
daß du nicht fällst.
Aegisth
(an der Haustür)
Warum ist hier kein Licht?
Wer sind die dort?
Elektra
Die sind’s, die in Person
dir aufzuwarten wünschen, Herr. Und ich,
die so oft durch freche, unbescheidne Näh’
dich störte, will nun endlich lernen, mich
im rechten Augenblick zurückzuziehn.
(Aegisth geht in’s Haus.)
(Stille)
(Lärm drinnen)
(Aegisth erscheint an einem kleinen Fenster, reißt den Vorhang weg.)
Aegisth
(schreiend)
Helft! Mörder! Helft dem Herren! Mörder, Mörder!
Sie morden mich!
Hört mich niemand? Hört
mich niemand?
(Er wird weggezerrt.)
Elektra
(reckt sich auf)
Agamemnon hört dich!
(Noch einmal erscheint Aegisths Gesicht am Fenster.)
Aegisth
Weh mir!
(Er wird fortgerissen.)
(Elektra steht, furchtbar atmend, gegen das Haus gekehrt.)
(Die Frauen kommen von links herausgelaufen, Chrysothemis unter ihnen. Wie besinnungslos laufen sie gegen die Hoftür, dort machen sie plötzlich Halt, wenden sich.)
Chrysothemis
Elektra, Schwester! Komm mit uns! O komm
mit uns! Es ist der Bruder drin im Haus!
Es ist Orest, der es getan hat!
(Getümmel im Hause, Stimmengewirr, aus dem sich ab und zu die Rufe des Chors: »Orest« bestimmter abheben)
Frauen, Männer
(Stimmen hinter der Scene)
(im Hause)
Orest! Orest! Orest! Orest! Orest!
Chrysothemis
Komm!
Er steht im Vorsaal, alle sind um ihn,
und küssen seine Füße,
Frauen, Männer
(Chor hinter der Scene)
Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest!
(Das Kampfgetöse, der tötliche Kampf zwischen den zu Orest haltenden Sklaven und den Angehörigen des Aegisth, hat sich allmählich in die inneren Höfe gezogen, mit denen die Hoftür rechts communiziert.)
Chrysothemis
alle, die
Aegisth von Herzen haßten, haben sich
geworfen auf die andern, überall,
in allen Höfen liegen Tote, alle,
die leben, sind mit Blut bespritzt und haben
selbst Wunden, und doch strahlen alle, alle
umarmen sich und jauchzen. Tausend Fackeln
Frauen, Männer
(Chor hinter der Scene)
Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest!
(Draußen wachsender Lärm, der sich jedoch, wenn Elektra beginnt, mehr und mehr nach den äußeren Höfen rechts und im Hintergrunde verzogen hat. Die Frauen sind hinausgelaufen. Chrysothemis allein, von draußen fällt Licht herein.)
Chrysothemis
sind angezündet. Hörst du nicht? So hörst
du denn nicht?
Frauen, Männer
(Chor hinter der Scene)
(schon entfernter)
Orest!
Elektra
(auf der Schwelle kauernd)
Ob ich nicht höre? Ob ich die
Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir.
Die Tausende, die Fackeln tragen,
und deren Tritte, deren uferlose
Myriaden Tritte überall die Erde
dumpf dröhnen machen, alle warten
auf mich: ich weiß doch, daß sie alle warten,
weil ich den Reigen führen muß – und ich
kann nicht, der Ozean, der ungeheure,
der zwanzigfache Ozean begräbt
mir jedes Glied mit seiner Wucht, ich kann mich
nicht heben.
Chrysothemis
(fast schreiend vor Erregung)
Hörst du denn nicht? Sie tragen ihn,
sie tragen ihn auf ihren Händen!
Elektra
(springt auf)
(vor sich hin, ohne auf Chrysothemis zu achten)
Wir
sind bei den Göttern, wir Vollbringenden.
(begeistert)
Sie fahren dahin wie die Schärfe des Schwerts
durch uns, die Götter, aber ihre
Herrlichkeit ist nicht zu viel für uns!
Chrysothemis
Allen sind die Gesichter verwandelt. Allen
schimmern die Augen und die alten Wangen
vor Tränen. Alle weinen. Hörst du’s nicht?
Elektra
Ich habe Finsternis gesät und ernte
Lust über Lust.
Ich war ein schwarzer Leichnam
unter Lebenden, und diese Stunde
bin ich das Feuer des Lebens, und meine Flamme
verbrennt die Finsternis der Welt.
Mein Gesicht muß weißer sein
als das weißglüh’nde Gesicht des Monds.
Wenn einer auf mich sieht,
muß er den Tod empfangen oder muß
vergehn vor Lust.
Seht ihr denn mein Gesicht?
Seht ihr das Licht, das von mir ausgeht?
Chrysothemis
Gut sind die Götter, gut!
Es fängt ein Leben für dich und mich und alle Menschen an.
Die überschwänglich guten Götter sind’s, die das gegeben haben.
Wer hat uns je geliebt?
Wer hat uns je geliebt?
Chrysothemis
Nun ist der Bruder da und Liebe
fließt über uns wie Oel und Mÿrrhen. Liebe
ist alles, wer kann leben ohne Liebe?
Elektra
Ai! (feurig) Liebe tötet, aber keiner fährt dahin
und hat die Liebe nicht gekannt!
Chrysothemis
Elektra,
ich muß bei meinem Bruder stehn!
(Sie läuft hinaus.)
(Elektra schreitet von der Schwelle herunter. Sie hat den Kopf zurückgeworfen wie eine Mänade. Sie wirft die Kniee, sie reckt die Arme aus: es ist ein namenloser Tanz, in welchem sie nach vorwärts schreitet.)
(Chrysothemis erscheint wieder an der Tür, hinter ihr Fackeln, Gedräng, Gesichter von Männern und Frauen.)
Chrysothemis
Elektra!
(Elektra bleibt stehen, sieht starr auf sie hin.)
Elektra
Schweig und tanze! Alle müssen
herbei! Hier schließt euch an! Ich trage die Last
des Glückes, und ich tanze vor euch her.
Wer glücklich ist, wie wir, dem ziemt nur eins:
schweigen und tanzen …
(Sie tut noch einige Schritte des angespanntesten Triumphes – Elektra stürzt zusammen. Chrysothemis zu ihr. Elektra liegt starr. Chrysothemis läuft an die Tür des Hauses, schlägt daran.)
Chrysothemis
Orest! Orest!
(Stille)
(Vorhang)
Edierter GesangstextTextvorlage bei Komposition
(Der innere Hof, begrenzt von der Rückseite des Palastes und niedrigen Gebäuden, in denen die Diener wohnen. Dienerinnen am Ziehbrunnen, links vorn. Aufseherinnen unter ihnen.)Der innere Hof, begrenzt von der Rückseite des Palastes und niedrigen Gebäuden, in denen die Diener wohnen. Dienerinnen am Ziehbrunnen, links vorne. Aufseherinnen unter ihnen.
(Vorhang auf)
1. MagdERSTE
(ihr Wassergefäß aufhebend)(ihr Wassergefäß aufhebend):
Wo bleibt Elektra?Wo bleibt Elektra?
2. MagdZWEITE:
Ist doch ihre Stunde,  Ist doch ihre Stunde,
die Stunde, wo sie um den Vater heult,die Stunde wo sie um den Vater heult,
daß alle Wände schallen.daß alle Wände schallen.
(Elektra kommt aus der [sic] schon dunkelnden Hausflur gelaufen. Alle drehen sich nach ihr um.)Elektra kommt aus der [sic] schon dunkelnden Hausflur gelaufen. Alle drehen sich nach ihr um. Elektra springt zurück wie ein Tier in seinen Schlupfwinkel, den einen Arm vor dem Gesicht.
(Elektra springt zurück wie ein Tier in seinen Schlupfwinkel, den einen Arm vor dem Gesicht.)
1. MagdERSTE:
Habt ihr gesehn, wie sie uns ansah?Habt ihr gesehn, wie sie uns ansah?
2. MagdZWEITE:
Giftig,  Giftig
wie eine wilde Katze.wie eine wilde Katze.
3. MagdDRITTE:
Neulich lag sie da  Neulich lag sie da
und stöhnte und stöhnte 
1. MagdERSTE:
Immer, wenn die Sonne tief steht,  Immer, wenn die Sonne tief steht,
liegt sie und stöhnt.liegt sie und stöhnt.
3. MagdDRITTE:
Da gingen wir zu zweit  Da gingen wir zuzweit
und kamen ihr zu nah –und kamen ihr zu nah –
1. MagdERSTE:
sie hält’s nicht aus,  sie hält’s nicht aus,
wenn man sie ansieht.wenn man sie ansieht.
3. MagdDRITTE:
Ja, wir kamen ihr  Ja, wir kamen ihr
zu nah: da pfauchte sie wie eine Katzezu nah. Da pfauchte sie wie eine Katze
uns an. »Fort, Fliegen!« schrie sie, »fort!«uns an. »Fort, Fliegen!« schrie sie, »fort!«
4. MagdVIERTE:
»Schmeißfliegen, fort!«»Schmeißfliegen, fort!«
3. MagdDRITTE:
»Sitzt nicht auf meinen Wunden!«  »Sitzt nicht auf meinen Wunden!«
und schlug nach uns mit einem Strohwisch.und schlug nach uns mit einem Strohwisch.
4. MagdVIERTE:
  »Fort,
»Schmeißfliegen, fort!« Schmeißfliegen, fort!«
3. MagdDRITTE:
»Ihr sollt das Süße nicht  »Ihr sollt das Süße nicht
abweiden von der Qual. Ihr sollt nicht schmatzenabweiden von der Qual. Ihr sollt nicht schmatzen
nach meiner Krämpfe Schaum.«nach meiner Krämpfe Schaum.«
4. MagdVIERTE:
»Geht ab, verkriecht euch«,  »Geht ab, verkriecht euch«,
schrie sie uns nach. »Eßt Fettes, und eßt Süßes,schrie sie uns nach. »Eßt Fettes und eßt Süßes
und geht zu Bett mit euren Männern«, schrie sie,und kriecht zu Bett mit euren Männern« schrie sie,
und die –und die –
3. MagdDRITTE:
Ich war nicht faul –  ich war nicht faul –
4. MagdVIERTE:
die gab ihr Antwort!  die gab ihr Antwort!
3. MagdDRITTE:
»Ja, wenn du hungrig bist«, gab ich zur Antwort,Ja: »Wenn du hungrig bist«, gab ich zur Antwort,
»so ißt du auch!« Da sprang sie auf und schoß»so ißt du auch«, da sprang sie auf und schoß
gräßliche Blicke, reckte ihre Fingergräßliche Blicke, reckte ihre Finger
wie Krallen gegen uns und schrie: »Ich füttrewie Krallen gegen uns und schrie: »Ich füttre«,
mir einen Geier auf im Leib!«schrie sie, »mir einen Geier auf im Leib.«
2. MagdZWEITE:
Und du?Und du?
3. MagdDRITTE:
»Drum hockst du immerfort gab ich  »Drum hockst du immerfort«, gab ich
zurück, »wo Aasgeruch dich hält, und scharrstzurück, »wo Aasgeruch dich hält und scharrst
nach einer alten Leiche.«nach einer alten Leiche!«
2. MagdZWEITE:
Und was sagte  Und was sagte
sie da?sie da?
3. MagdDRITTE:
Sie heulte nur und warf sich  Sie heulte nur und warf sich
in ihren Winkel.in ihren Winkel.
(Sie sind mit dem Schöpfen fertig)
1. MagdERSTE:
Daß die Königin  Daß die Königin
solch einen Dämon frei in Haus und Hofsolch einen Dämon frei in Haus und Hof
sein Wesen treiben läßt.sein Wesen treiben läßt.
2. MagdZWEITE:
Das eigne Kind!  Das eigne Kind!
1. MagdERSTE:
Wär’ sie mein Kind, ich hielte, ich – bei Gott! –Wär’ sie mein Kind, ich hielte, ich – bei Gott! –
sie unter Schloß und Riegel!sie unter Schloß und Riegel.
4. MagdVIERTE:
Sind sie dir  Sind sie dir
nicht hart genug mit ihr? Setzt man ihr nichtnicht hart genug mit ihr? Setzt man ihr nicht
den Napf mit Essen zu den Hunden?den Napf mit Essen zu den Hunden?
(Leise)
Hast du  Hast du
den Herrn nie sie schlagen sehn?den Herren sie nie schlagen sehn?
5. MagdFÜNFTE
(ganz jung)(eine ganz junge, mit zitternder erregter Stimme):
(mit zitternder, erregter Stimme)
Ich will  Ich will
vor ihr mich niederwerfen und die Füßemich vor ihr niederwerfen und die Füße
ihr küssen. Ist sie nicht ein Königskindihr küssen. Ist sie nicht ein Königskind
und duldet solche Schmach? Ich will die Füßeund leidet solche Schmach! Ich will die Füße
ihr salben und mit meinem Haar sie trocknen.ihr salben und mit meinem Haar sie trocknen.
AufseherinAUFSEHERIN:
(stößt sie)
Hinein mit dir!Hinein mit dir!
(Stößt sie)
5. MagdFÜNFTE:
Es gibt nichts auf der Welt,  Es gibt nichts auf der Welt,
das königlicher ist als sie. Sie liegtdas königlicher ist als sie. Sie liegt
in Lumpen auf der Schwelle, aber Niemand,in Lumpen auf der Schwelle, aber niemand
(schreiend)
Niemand ist hier im Haus, der ihren Blickniemand ist hier im Haus, der ihren Blick
aushält.aushält!
AufseherinAUFSEHERIN:
(stößt sie in die offene niedere Tür links vorn)
Hinein!  Hinein!
(Stößt sie in die offene niedrige Tür links vorne)
5. MagdFÜNFTE:
(in die Tür geklemmt)(in die Tür geklemmt)
Ihr alle seid nicht wert,  Ihr alle seid nicht wert,
die Luft zu atmen, die sie atmet! Odie Luft zu atmen, die sie atmet! O
könnt ich euch alle, euch erhängt am Halsekönnt’ ich euch alle, euch, erhängt am Halse,
in einer Scheuer Dunkel hängen sehnin einer Scheuer Dunkel hängen sehen
um dessen willen, was ihr an Elektraum dessen willen, was ihr an Elektra
getan.getan habt!
AufseherinAUFSEHERIN:
(schlägt die Tür zu)(schlägt die Tür zu, stellt sich dann mit dem Rücken dagegen)
Hört ihr das? Wir, an Elektra,Hört ihr das? wir, an Elektra!
die ihren Napf von unserm Tische stieß,die ihren Napf von unserm Tische stieß,
als man mit uns sie essen hieß, die ausspieals man mit uns sie essen hieß, die ausspie
vor uns und Hündinnen uns nannte.vor uns und Hündinnen uns nannte.
1. MagdERSTE:
Was?  Was?
sie sagte: keinen Hund kann man erniedern,Sie sagte: keinen Hund kann man erniedern,
wozu man uns hat abgerichtet: daß wirwozu man uns hat abgerichtet: daß wir
mit Wasser und mit immer frischem Wassermit Wasser und mit immer frischem Wasser
das ewige Blut des Mordes von der Dieledas ewige Blut des Mordes von der Diele
abspülen –abspülen –
3. MagdDRITTE:
»und die Schmach«, so sagte sie,  und die Schmach, so sagte sie,
»die Schmach, die sich bei Tag und Nacht erneut,die Schmach, die sich bei Tag und Nacht erneut,
in Winkel fegen.«in Winkel fegen …
1. MagdERSTE:
»Unser Leib«, so schreit sie,  unser Leib, so schreit sie,
»starrt von dem Unrat, dem wir dienstbar sind.«starrt von dem Unrat, dem wir dienstbar sind!
(Die Mägde tragen die Gefäße ins Haus links.)(Sie tragen ihre Gefäße ins Haus links)
AufseherinAUFSEHERIN:
(die ihnen die Tür aufgemacht hat)(die ihnen die Tür aufgemacht hat)
Und wenn sie uns mit unsern Kindern sieht,Und wenn sie uns mit unsern Kindern sieht,
so schreit sie: »Nichts kann so verflucht sein, nichts,so schreit sie: nichts kann so verflucht sein, nichts,
als Kinder, die wir hündisch auf der Treppeals Kinder, die wir hündisch auf der Treppe
im Blute glitschend hier in diesem Hauseim Blute glitschend, hier in diesem Haus
empfangen und geboren haben.« Sagt sieempfangen und geboren haben. Sagt sie
das oder nicht?das oder nicht?
1.–4. Magd
(im Abgehen)
Ja, ja!
Aufseherin
Sagt sie das oder nicht?
(Die Aufseherin geht hinein, die Tür fällt zu.)
1.–4. MagdDIE DIENERINNEN:
(alle schon drinnen)(schon von drinnen)
Ja, ja.  Ja! ja!
5. MagdDIE EINE:
(innen)(von drinnen)
Sie schlagen mich.  Sie schlagen mich!
(Die Aufseherin geht hinein. Die Tür fällt zu)
(Elektra tritt aus dem Hause.)Aus dem Hause tritt Elektra. Sie ist allein mit den Flecken roten Lichtes, die aus den Zweigen des Feigenbaumes schräg über den Boden und auf die Mauern fallen, wie Blutflecke.
ElektraELEKTRA:
Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort,Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort,
hinabgescheucht in seine kalten Klüfte …hinabgescheucht in seine kalten Klüfte.
(gegen den Boden)(Gegen den Boden)
Agamemnon! Agamemnon!
Wo bist du, Vater? Hast du nicht die Kraft,Wo bist du, Vater? hast du nicht die Kraft,
dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen?dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen?
(leise)
Es ist die Stunde, unsre Stunde ist’s,Es ist die Stunde, unsre Stunde ist’s!
die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben,Die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben,
dein Weib und der mit ihr in einem Bette,dein Weib und der mit ihr in einem Bette,
in deinem königlichen Bette schläft.in deinem königlichen Bette schläft.
Sie schlugen dich im Bade tot, dein BlutSie schlugen dich im Bade tot, dein Blut
rann über deine Augen, und das Badrann über deine Augen, und das Bad
dampfte von deinem Blut. Da nahm er dich,dampfte von deinem Blut, dann nahm er dich,
der Feige, bei den Schultern, zerrte dichder Feige, bei den Schultern, zerrte dich
hinaus aus dem Gemach, den Kopf voraus,hinaus aus dem Gemach, den Kopf voraus,
die Beine schleifend hinterher: Dein Auge,die Beine schleifend hinterher: dein Auge,
das starre, offne, sah herein ins Haus.das starre, offne, sah herein ins Haus.
So kommst du wieder, setzest Fuß vor FußSo kommst du wieder, setzest Fuß vor Fuß
und stehst auf einmal da, die beiden Augenund stehst auf einmal da, die beiden Augen
weit offen, und ein königlicher Reifweit offen, und ein königlicher Reif
von Purpur ist um deine Stirn, der speist sichvon Purpur ist um deine Stirn, der speist sich
aus des Hauptes offner Wunde.aus deines Hauptes offner Wunde.
Agamemnon! Vater!  Vater!
Ich will dich sehn, laß mich heute nicht allein!Ich will dich sehn, laß mich heut nicht allein!
Nur so wie gestern, wie ein Schatten, dortNur so wie gestern, wie ein Schatten, dort
im Mauerwinkel zeig dich deinem Kind!im Mauerwinkel zeig dich deinem Kind!
Vater! Agamemnon, dein Tag wird kommen. Von den SternenVater! dein Tag wird kommen! Von den Sternen
stürzt alle Zeit herab, so wird das Blutstürzt alle Zeit herab, so wird das Blut
aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab!aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab!
So wie aus umgeworfnen Krügen wird’sSo wie aus umgeworfnen Krügen wird’s
aus den gebundnen Mördern fließen,aus den gebundnen Mördern fließen, rings
wie Marmorkrüge werden nackte Leiber
von allen ihren Helfern sein, von Männern
und in einem Schwall, in einemund Frauen, und in einem Schwall, in einem
geschwollnen Bach wird ihres Lebens Lebengeschwollnen Bach wird ihres Lebens Leben
aus ihnen stürzen –aus ihnen stürzen – und wir schlachten dir
(mit feierlichem Pathos)
und wir schlachten dir
die Rosse, die im Hause sind, wir treibendie Rosse, die im Hause sind, wir treiben
sie vor dem Grab zusammen, und sie ahnensie vor dem Grab zusammen, und sie ahnen
den Tod und wiehern in die Todesluftden Tod und wiehern in die Todesluft
und sterben. Und wir schlachten dir die Hunde,und sterben, und wir schlachten dir die Hunde,
weil sie der Wurf sind und der Wurf des Wurfes
von denen, die mit dir gejagt, von denen,
die dir die Füße leckten,die dir die Füße leckten, denen du
die mit dir gejagt, denen du
die Bissen hinwarfst, darum muß ihr Blutdie Bissen hinwarfst, darum muß ihr Blut
hinab, um dir zu Dienst zu sein, und wir, wir,hinab, um dir zu Dienst zu sein, und wir,
dein Blut, dein Sohn Orest und deine Töchter,dein Blut, dein Sohn Orest und deine Töchter,
wir drei, wenn Alles dies vollbracht undwir drei, wenn alles dies vollbracht und Purpur-
Purpurgezelte aufgerichtet sind vom Dunstgezelte aufgerichtet sind, vom Dunst
des Blutes, den die Sonne nach sich zieht,des Blutes, den die Sonne an sich zieht,
dann tanzen wir, dein Blut, rings um dein Grab:dann tanzen wir, dein Blut, rings um dein Grab:
(in begeistertem Pathos)
und über Leichen hin werd ich das Knieund über Leichen hin werd’ ich das Knie
hochheben Schritt für Schritt, und die mich werdenhochheben Schritt für Schritt, und die mich werden
so tanzen sehn, ja, die meinen Schattenso tanzen sehen, ja, die meinen Schatten
von weitem nur so werden tanzen sehn,von weitem nur so werden tanzen sehn,
die werden sagen: einem großen Königdie werden sagen: einem großen König
wird hier ein großes Prunkfest angestelltwird hier ein großes Prunkfest angestellt
von seinem Fleisch und Blut, und glücklich ist,von seinem Fleisch und Blut, und glücklich ist,
wer Kinder hat, die um sein hohes Grabwer Kinder hat, die um sein hohes Grab
so königliche Siegestänze tanzen.so königliche Siegestänze tanzen!
Agamemnon! Agamemnon!
(Chrysothemis, die jüngere Schwester, steht in der Haustür.)
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(leise)(die jüngere Schwester, steht in der Haustür. Sie sieht angstvoll auf Elektra, ruft leise):
Elektra!  Elektra!
(Elektra fährt zusammen und starrt zuerst, wie aus einem Traum erwachend, auf Chrysothemis.)(Elektra fährt zusammen, wie der Nachtwandler, der seinen Namen rufen hört. Sie taumelt. Ihre Augen sehen um sich, als fänden sie sich nicht gleich zurecht. Ihr Gesicht verzerrt sich, wie sie die ängstliche Miene der Schwester ansieht. Chrysothemis steht an die Türe gedrückt)
ElektraELEKTRA:
Ah, das Gesicht!Ah, das Gesicht!
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
(steht an die Tür gedrückt)
(weich)
Ist mein Gesicht dir so verhaßt?  Ist mein Gesicht dir so verhaßt?
ElektraELEKTRA:
(heftig)
Was willst du? Rede, sprich, ergieße dich,Was willst du? Rede, sprich, ergieße dich,
dann geh und laß mich!dann geh und laß mich!
CHRYSOTHEMIS
(Chrysothemis hebt, wie abwehrend, die Hände.)(hebt wie abwehrend die Hände).
ElektraELEKTRA:
Was hebst du die Hände?  Was hebst du die Hände?
So hob der Vater seine beiden Hände,So hob der Vater seine beiden Hände,
da fuhr das Beil hinab und spalteteda fuhr das Beil hinab und spaltete
sein Fleisch. Was willst du? Tochter meinersein Fleisch. Was willst du, Tochter meiner Mutter?
Mutter, Tochter Klytämnestras?
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
(leise)
Sie haben etwas Fürchterliches vor.Sie haben etwas Fürchterliches vor.
ElektraELEKTRA:
Die beiden Weiber?Die beiden Weiber?
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Wer?  Wer?
ElektraELEKTRA:
Nun, meine Mutter  Nun, meine Mutter
und jenes andre Weib, die Memme, ei,und jenes andre Weib, die Memme, ei
Aegisth, der tapfre Meuchelmörder, er,Aegisth, der tapfre Meuchelmörder, er,
der Heldentaten nur im Bett vollführt.der Heldentaten nur im Bett vollführt.
Was haben sie denn vor?Was haben sie denn vor?
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Sie werfen dich  Sie werfen dich
in einen Turm, wo du von Sonn und Mondin einen Turm, wo du von Sonn’ und Mond
das Licht nicht sehen wirst.das Licht nicht sehen wirst.
ELEKTRA
(Elektra lacht.)(lacht).
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Sie tun’s, ich weiß es,  Sie tun’s, ich weiß es,
ich hab’s gehört.ich hab’s gehört.
ELEKTRA:
  Mir ist, ich hätt’s gehört.
War’s nicht bei Tisch, so bei der letzten Schüssel?
Da hebt er gern die Stimm’ und prahlt, ich wette,
es nützt seiner Verdauung.
CHRYSOTHEMIS:
  Nicht bei Tisch.
Nicht um zu prahlen. Er und sie allein
bereden sie’s.
ElektraELEKTRA:
Wie hast denn du  Allein? Wie hast dann du
es hören können?es hören können?
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
(leise)
An der Tür, Elektra.  An der Tür, Elektra.
ElektraELEKTRA:
(ausbrechend)
Mach keine Türen auf in diesem Haus!Mach keine Türen auf in diesem Haus!
Gepreßter Atem, pfui! und Röcheln von Erwürgten,Gepreßter Atem, pfui! und Röcheln von Erwürgten,
nichts andres gibt’s in diesen Mauern,nichts andres gibt’s in diesen Kammern. Lass
die Tür, dahinter du ein Stöhnen hörst:
sie bringen ja nicht immer einen um,
zuweilen sind sie auch allein zusammen!
mach keine Türen auf! Schleich nicht herum,Mach keine Türen auf! Schleich nicht herum.
sitz an der Tür wie ich und wünsch den TodSitz an der Erd’ wie ich und wünsch den Tod
und das Gericht herbei auf sie und ihn.und das Gericht herbei auf sie und ihn.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren,Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren
wie du. Ich hab’s wie Feuer in der Brust,wie du. Ich hab’s wie Feuer in der Brust,
es treibt mich immerfort herum im Haus;es treibt mich immerfort herum im Haus,
in keiner Kammer leidet’s mich, ich mußin keiner Kammer leidet’s mich, ich muß
von einer Schwelle auf die andre, ach!von einer Schwelle auf die andre, ach!
treppauf, treppab, mir ist, als rief es mich,treppauf, treppab, mir ist, als rief’ es mich,
und komm ich hin, so stiert ein leeres Zimmerund komm’ ich hin, so stiert ein leeres Zimmer
mich an. Ich habe solche Angst, mir zitternmich an. Ich habe solche Angst, mir zittern
die Knie bei Tag und Nacht, mir ist die Kehledie Knie bei Tag und Nacht, mir ist die Kehle
wie zugeschnürt, ich kann nicht einmal weinen,wie zugeschnürt, ich kann nicht einmal weinen,
wie Stein ist alles! Schwester, hab Erbarmen!wie Stein ist alles! Schwester, hab Erbarmen!
ElektraELEKTRA:
Mit wem?Mit wem?
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Du bist es, die mit Eisenklammern  Du bist es, die mit Eisenklammern
mich an den Boden schmiedet. Wärst nicht du,mich an den Boden schmiedet. Wärst nicht du,
sie ließen uns hinaus. Wär nicht dein Haß,sie ließen uns hinaus. Wär’ nicht dein Haß,
dein schlafloses, unbändiges Gemüt,dein schlafloses unbändiges Gemüt,
vor dem sie zittern, ah, so ließen sievor dem sie zittern, ah, so ließen sie
uns ja heraus aus diesem Kerker, Schwester!uns ja heraus aus diesem Kerker, Schwester!
Ich will heraus! Ich will nicht jede NachtIch will heraus! Ich will nicht jede Nacht
bis an den Tod hier schlafen! Eh’ ich sterbe,bis an den Tod hier schlafen! Eh’ ich sterbe,
will ich auch leben!will ich auch leben! Kinder will ich haben,
Kinder will ich haben,
bevor mein Leib verwelkt, und wär’s ein Bauer,bevor mein Leib verwelkt, und wär’s ein Bauer,
dem sie mich geben, Kinder will ich ihmdem sie mich geben, Kinder will ich ihm
gebären und mit meinem Leib sie wärmengebären und mit meinem Leib sie wärmen
in kalten Nächten, wenn der Sturm die Hüttein kalten Nächten, wenn der Sturm die Hütte
zusammenschüttelt!zusammenschüttelt! Aber dies ertrag’ ich
nicht länger, hier zu lungern bei den Knechten
und doch nicht ihresgleichen, eingesperrt
mit meiner Todesangst bei Tag und Nacht!
Hörst du mich an? Sprich zu mir, Schwester!Hörst du mich an? Sprich zu mir, Schwester!
ElektraELEKTRA:
Armes Geschöpf!  Armes
Geschöpf!
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
(stets äußerst erregt)
Hab Mitleid mit dir selber und mit mir!  Hab Mitleid mit dir selber und mit mir
Wem frommt denn solche Qual?Wem frommt denn diese Qual? Dem Vater etwa?
Der Vater, der ist tot. Der Bruder kommt nicht heim.Der Vater, der ist tot. Der Bruder kommt nicht heim.
Immer sitzen wir auf der Stange
wie angehängte Vögel, wenden links
und rechts den Kopf  und niemand kommt – kein Bruder –
kein Bote von dem Bruder, nicht der Bote
von einem Boten – nichts.  Mit MessernDu siehst ja doch, daß er nicht kommt. Mit Messern
gräbt Tag um Tag in dein und mein Gesichtgräbt Tag um Tag in dein und mein Gesicht
sein Mal, und draußen geht die Sonne aufsein Mal und draußen geht die Sonne auf
und ab, und Frauen, die ich schlank gekannt hab’,und ab, und Frauen, die ich schlank gekannt hab’,
sind schwer von Segen, müh’n sich zum Brunnen,sind schwer von Segen, mühen sich zum Brunnen
heben kaum die Eimer, und auf einmalund heben kaum den Eimer, und auf einmal
sind sie entbunden ihrer Last, kommensind sie entbunden ihrer Last und kommen
zum Brunnen wieder und aus ihnen selberzum Brunnen wieder und aus ihnen selber
quillt süßer Trank, und säugend hängt ein Lebenrinnt süßer Trank und säugend hängt ein Leben
an ihnen, und die Kinder werden groß.an ihnen, und die Kinder werden groß –
und immer sitzen wir hier auf der Stange
wie angehängte Vögel, wenden links
und rechts den Kopf und niemand kommt, kein Bruder,
kein Bote von dem Bruder, nicht der Bote
von einem Boten, nichts! Viel lieber tot,
Nein, ich binals leben und nicht leben. Nein, ich bin
ein Weib und will ein Weiberschicksal!ein Weib und will ein Weiberschicksal.
Viel lieber tot, als leben und nicht leben.
(Sie bricht in heftiges Weinen aus.)
ELEKTRA:
  Pfui,
die’s denkt, pfui, die’s mit Namen nennt! Die Höhle
zu sein, drin nach dem Mord dem Mörder wohl ist;
das Tier zu spielen, das dem schlimmern Tier
Ergetzung bietet. Ah, mit einem schläft sie,
preßt ihre Brüste ihm auf beide Augen
und winkt dem zweiten, der mit Netz und Beil
hervorkriecht hinter’m Bett.
CHRYSOTHEMIS:
  Du bist entsetzlich!
ELEKTRA:
Warum entsetzlich? Bist du solch ein Weib?
Du willst’s erst werden.
CHRYSOTHEMIS:
  Kannst du nicht vergessen?
Mein Kopf ist immer wüst. Ich kann von heut
auf morgen nichts behalten. Manchmal lieg’ ich
so da, dann bin ich was ich früher war,
und kann’s nicht fassen, daß ich nicht mehr jung bin.
Wo ist denn alles hingekommen, wo denn?
Es ist ja nicht ein Wasser, das vorbeirinnt,
es ist ja nicht ein Garn, das von der Spule
herunter fliegt und fliegt, ich bin’s ja, ich!
Ich möchte beten, daß ein Gott ein Licht
mir in der Brust anstecke, daß ich mich
in mir kann wiederfinden! Wär ich fort,
wie schnell vergäß’ ich alle bösen Träume –
ELEKTRA:
Vergessen? Was! bin ich ein Tier? vergessen?
Das Vieh schläft ein, von halbgefreßner Beute
die Lefze noch behängt, das Vieh vergißt sich
und fängt zu käuen an, indes der Tod
schon würgend auf ihm sitzt, das Vieh vergißt,
was aus dem Leib ihm kroch, und stillt den Hunger
am eignen Kind – ich bin kein Vieh, ich kann nicht
vergessen!
CHRYSOTHEMIS:
  O, muß meine Seele immer
von dieser Speise essen, die ihr widert,
die ihr so widert! die zu riechen nur
sie schaudert, die sie nie und nimmer hätte
anrühren sollen, nie und nimmer wissen,
daß es so etwas Grauenvolles gibt,
nie wissen! nie mit Augen seh’n! nie hören!
Das Fürchterliche ist nicht für das Herz
des Menschen! Wenn es kommt, wenn es sich anzeigt,
so muß man flüchten aus den Häusern, flüchten
in die Weingärten, flüchten auf die Berge!
und steigt es auf die Berge, muß man wieder
herab und sich verkriechen in den Häusern:
nie darf man bei ihm bleiben, nie mit ihm
in einem Hause sein! Ich will hinaus!
Ich will empfangen und gebären Kinder,
die nichts von diesem wissen, meinen Leib
wasch’ ich in jedem Wasser, tauch’ mich tief
hinab in jedes Wasser, alles wasch’ ich
mir ab, das Hohle meiner beiden Augen
wasch’ ich mir rein – sie sollen sich nicht schrecken,
wenn sie der Mutter in die Augen schau’n!
ELEKTRA
(höhnisch):
Wenn sie der Mutter in die Augen schau’n!
Und wie schaust du dem Vater in die Augen?
CHRYSOTHEMIS:
Hör auf!
ELEKTRA:
  Ich wünsch’ dir, wenn du Kinder hast,
sie mögen an dir tun, wie du am Vater!
CHRYSOTHEMIS
(weint auf).
ElektraELEKTRA:
Was heulst du? Fort, hinein! Dort ist dein Platz!Was heulst du? Fort! Hinein! Dort ist dein Platz!
Es geht ein Lärm los.Es geht ein Lärm los. Stellen sie vielleicht
(höhnisch)
Stellen sie vielleicht
für dich die Hochzeit an? Ich hör sie laufen.für dich die Hochzeit an? ich hör’ sie laufen.
Das ganze Haus ist auf. Sie kreißen, oderDas ganze Haus ist auf. Sie kreißen oder
sie morden! Wenn es an Leichen mangelt,sie morden. Wenn es an den Leichen mangelt,
drauf zu schlafen, müssen sie doch morden!darauf zu schlafen, müssen sie doch morden!
CHRYSOTHEMIS:
Hör auf. Dies alles ist vorbei. Hör auf!
ELEKTRA:
Vorbei? Da drinnen geht’s aufs neue los!
Meinst du, ich kenn’ den Laut nicht, wie sie Leichen
herab die Treppe schleifen, wie sie flüstern
und Tücher voller Blut auswinden.
CHRYSOTHEMIS:
  Schwester!
geh fort von hier.
ELEKTRA:
  Diesmal will ich dabei sein!
Nicht so wie damals. Diesmal bin ich stark.
Ich werfe mich auf sie, ich reiß’ das Beil
aus ihrer Hand, ich schwing’ es über ihr –
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Geh fort, verkriech dich! daß sie dich nicht sieht.Geh fort, verkriech dich! daß sie dich nicht sieht.
Stell dich ihr heut nicht in den Weg: sie schicktStell’ dich ihr heut’ nicht in den Weg: sie schickt
Tod aus jedem Blick. Sie hat geträumt.den Tod aus jedem Blick. Sie hat geträumt.
(Der Lärm von vielen Kommenden drinnen, allmählich näher)(Der Lärm von vielen Kommenden drinnen, näher)
Geh fort von hier. Sie kommen durch die Gänge.Geh fort von hier. Sie kommen durch die Gänge.
Sie kommen hier vorbei. Sie hat geträumt. Sie hat geträumt,Sie kommen hier vorbei. Sie hat geträumt:
ich weiß nicht, was, ich hab esich weiß nicht, was, ich hab’ es von den Mägden
von den Mägden gehört: gehört, ich weiß nicht, ob es wahr ist, Schwester:
sie sagen, daß sie von Orest, von Orest geträumt hat,sie sagen, daß sie von Orest geträumt hat,
daß sie geschrien hat aus ihrem Schlaf,daß sie geschrien hat aus ihrem Schlaf,
wie einer schreit, den man erwürgt.wie einer schreit, den man erwürgt.
ELEKTRA:
  Ich! ich!
ich hab’ ihn ihr geschickt. Aus meiner Brust. [sic]
hab’ ich den Traum auf sie geschickt! Ich liege
und hör’ die Schritte dessen, der sie sucht.
Ich hör’ ihn durch die Zimmer gehn, ich hör’ ihn
den Vorhang von dem Bette heben: schreiend
entspringt sie, aber er ist hinterdrein:
hinab die Treppen durch Gewölbe hin,
Gewölbe und Gewölbe geht die Jagd.
Es ist viel finsterer als Nacht, viel stiller
und finstrer als im Grab, sie keucht und taumelt
im Dunkel hin, doch er ist hinterdrein:
die Fackel schwingt er links und rechts das Beil.
Und ich bin wie ein Hund an ihrer Ferse:
will sie in eine Höhle, spring’ ich sie
von seitwärts an, so treiben wir sie fort,
bis eine Mauer alles sperrt, und dort
im tiefsten Dunkel, doch ich seh’ ihn wohl,
ein Schatten, und doch Glieder und das Weiße
von einem Auge doch, da sitzt der Vater:
er achtet’s nicht und doch muß es geschehn:
vor seinen Füßen drücken wir sie hin,
da fällt das Beil!
(Fackeln und Gestalten erfüllen den Gang links von der Tür.)Fackeln und Gestalten erfüllen den Gang links von der Tür.
CHRYSOTHEMIS:
Sie kommen schon, sie treibt die Mägde alleSie kommen schon. Sie treibt die Mägde alle
mit Fackeln vor sich her. Sie schleppen Tieremit Fackeln vor sich her. Sie schleppen Tiere
und Opfermesser. Schwester, wenn sie zittert,und Opfermesser. Schwester, wenn sie zittert,
ist sie am schrecklichsten.ist sie am schrecklichsten, geh ihr nur heut,
(dringend)
Geh ihr nur heut,
nur diese Stunde geh aus ihrem Weg!nur diese Stunde geh aus ihrem Weg!
ElektraELEKTRA:
Ich habe eine Lust, mit meiner MutterIch habe eine Lust, mit meiner Mutter
zu reden, wie noch nie!zu reden wie noch nie!
An den grell erleuchteten Fenstern klirrt und schlürft ein hastiger Zug vorüber: es ist ein Zerren, ein Schleppen von Tieren, ein gedämpftes Keifen, ein schnell ersticktes Aufschreien, das Niedersausen einer Peitsche, ein Aufraffen, ein Weitertaumeln.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Ich will’s nicht hören!  Ich will’s nicht hören.
(Chrysothemis stürzt ab durch die Hoftür.)(Stürzt ab durch die Hoftür)
(An den grell erleuchteten Fenstern klirrt und schlürft ein hastiger Zug vorüber: es ist ein Zerren, ein Schleppen von Tieren, ein gedämpftes Keifen, ein schnell ersticktes Aufschrein, das Niedersausen einer Peitsche, ein Aufraffen, ein Weitertaumeln.)
(In dem breiten Fenster erscheint Klytämnestra. Ihr fahles, gedunsenes Gesicht, in dem grellen Licht der Fackeln, erscheint noch bleicher über dem scharlachroten Gewand. Sie stützt sich auf eine Vertraute, die dunkelviolett gekleidet ist, und auf einen elfenbeinernen, mit Edelsteinen geschmückten Stab. Eine gelbe Gestalt, mit zurückgekämmtem schwarzem Haar, einer Egypterin ähnlich, mit glattem Gesicht, einer aufgerichteten Schlange gleichend, trägt ihr die Schleppe. Die Königin ist über und über bedeckt mit Edelsteinen und Talismanen. Die Arme sind voll von Reifen, ihre Finger starren von Ringen. Die Lider ihrer Augen scheinen übermäßig groß, und es scheint ihr eine furchtbare Anstrengung zu kosten, sie offen zu halten.)In dem breiten Fenster erscheint die Gestalt der Klytämnestra. Ihr fahles, gedunsenes Gesicht, in dem grellen Licht der Fackeln, erscheint noch bleicher über dem scharlachroten Gewand. Sie stützt sich auf eine Vertraute, die dunkelviolett gekleidet ist, und auf einen elfenbeinernen, mit Edelsteinen geschmückten Stab. Eine gelbe Gestalt, mit zurückgekämmtem schwarzem Haar, einer Egypterin ähnlich, mit glattem Gesicht einer aufgerichteten Schlange gleichend, trägt ihr die Schleppe. Die Königin ist über und über bedeckt mit Edelsteinen und Talismanen. Ihre Arme sind voll Reifen, ihre Finger starren von Ringen. Die Lider ihrer Augen scheinen übermäßig groß und es scheint ihr eine furchtbare Anstrengung zu kosten, sie offen zu halten.
(Elektra richtet sich hoch auf.)Elektra steht starr aufgerichtet, das Gesicht diesem Fenster zugewandt.
(Klytämnestra öffnet jäh die Augen, zitternd vor Zorn tritt sie ans Fenster und zeigt mit dem Stock auf Elektra.)Klytämnestra öffnet jäh die Augen, zitternd vor Zorn tritt sie ans Fenster und zeigt mit dem Stock auf Elektra.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA
(am Fenster):
Was willst Du? Seht doch, dort! So seht doch das!Was willst du? Seht doch, dort! so seht doch das!
Wie es sich aufbäumt mit geblähtem HalsWie es sich aufbäumt mit geblähtem Hals
und nach mir züngelt! Und das laß ich freiund nach mir züngelt! und das laß ich frei
in meinem Hause laufen!in meinem Hause laufen!
(schwer atmend)
Wenn sie mich mit ihren Blicken töten könnte!Wenn sie mich mit den Blicken töten könnte!
O Götter, warum liegt ihr so auf mir?O Götter, warum liegt ihr so auf mir?
Warum verwüstet ihr mich so? WarumWarum verwüstet ihr mich so? warum
muß meine Kraft in mir gelähmt sein? Warummuß meine Kraft in mir gelähmt sein, warum
bin ich lebendigen Leibes wie ein wüstesbin ich lebendigen Leibes wie ein wüstes
Gefild und diese Nessel wächst aus mirGefild und diese Nessel wächst aus mir
heraus, und ich hab nicht die Kraft zu jäten?heraus, und ich hab’ nicht die Kraft zu jäten!
Warum geschieht mir das, ihr ew’gen Götter?Warum geschieht mir das, ihr ewigen Götter?
ElektraELEKTRA:
(ruhig)
Die Götter! Bist doch selber eine Göttin,Die Götter! bist doch selber eine Göttin!
bist, was sie sind!bist, was sie sind.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
(zu ihren Begleiterinnen)
Habt ihr gehört? Habt ihr  Habt ihr gehört? habt ihr
verstanden, was sie redet?verstanden, was sie redet?
Die VertrauteDIE VERTRAUTE:
Daß auch du  Daß auch du
vom Stamm der Götter bist.vom Blut der Götter bist.
Die SchleppträgerinDIE SCHLEPPTRÄGERIN
(zischend)(zischend):
Sie meint es tückisch.  Sie meint es tückisch.
(Klytämnestra’s schwere Augenlider fallen zu.)
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA
(weich)(indem ihre schweren Lider zufallen):
Das klingt mir so bekannt. Und nur als hätt’ ich’sMir klingt das so bekannt. Und nur als hätt’ ich’s
vergessen, lang und lang. Sie kennt mich gut.vergessen, lang und lang. Sie kennt mich gut.
Doch weiß man nie, was sie im Schilde führt.Doch weiss man nie, was sie im Schilde führt.
(Die Vertraute und die Schleppträgerin flüstern miteinander.)(Die Vertraute und die Schleppträgerin flüstern miteinander)
(Elektra nähert sich langsam Klytämnestra.)
ElektraELEKTRA:
Du bist nicht mehr du selber. Das GewürmDu bist nicht mehr du selber. Das Gewürm
hängt immerfort um Dich! Was sie ins Ohrhängt immerfort um dich. Was sie ins Ohr
dir zischen, trennt dein Denken fort und fortdir zischen, trennt dein Denken fort und fort
entzwei, so gehst du hin im Taumel, immerentzwei, so gehst du hin im Taumel, immer
bist du, als wie im Traum.bist du als wie im Traum.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Ich will hinunter.  Ich will hinunter.
Laßt, laßt, ich will mit ihr reden.Laßt, ich will mit ihr reden. Sie ist heute
(Sie geht vom Fenster weg und erscheint mit ihren Begleiterinnen in der Tür.)
(von der Türschwelle aus)
(etwas weicher)
Sie ist heute
nicht widerlich. Sie redet wie ein Arzt.nicht widerlich. Sie redet wie ein Arzt.
Die Stunden haben alles in der Hand.
Ein jedes Ding kann ein erträgliches
Gesicht uns zeigen nach dem gräßlichen.
(Sie geht vom Fenster weg und erscheint in der Tür, die Vertraute an ihrer Seite, die Schleppträgerin hinter ihr, Fackeln hinter ihnen)
KLYTÄMNESTRA
(von der Türschwelle aus):
Warum nennst du mich eine Göttin? Sprichst du
aus Bosheit so? Nimm dich in acht. Es könnte
der letzte Tage sein, daß du dieses Licht
da siehst und diese freie Luft einatmest.
ELEKTRA:
Wahrhaftig, wenn du keine Göttin bist,
wo sind dann Götter! Ich weiß auf der Welt
nichts, was mich schaudern macht, als wie zu denken,
daß dieser Leib das dunkle Tor, aus welchem
ich an das Licht der Welt gekrochen bin.
Auf diesem Schoß bin ich gelegen, nackt?
Zu diesen Brüsten hast du mich gehoben?
So bin ich ja aus meines Vaters Grab
herausgekrochen, hab’ gespielt in Windeln
auf meines Vaters Richtstatt! Du bist ja
wie ein Koloß, aus dessen ehernen Händen
ich nie entsprungen bin. Du hast mich ja
am Zaum. Du bindest mich, an was du willst.
Du hast mir ausgespien, wie das Meer,
ein Leben, einen Vater, und Geschwister:
und hast hinabgeschlungen, wie das Meer,
ein Leben, einen Vater und Geschwister.
Ich weiß nicht, wie ich jemals sterben sollte –
als daran, daß du stürbest.
KLYTÄMNESTRA:
So ehrst du mich? Ist etwas noch von Scheu
in dir?
ELEKTRA:
  Viel, viel! Mir geht zu Herzen, was
auch dir zu Herzen geht. Siehst du, mich kränkt
zu sehen, daß Aegisth, dein Mann, die alten Mäntel
von meinem, wie du weißt, verstorbnen Vater,
dem frühern König, trägt. Es kränkt mich, wahrhaft:
ich finde, daß sie ihm nicht stehn. Ich finde,
sie sind ihm um die Brust zu weit.
Die VertrauteDIE VERTRAUTE:
(flüsternd)
Sie redet  Sie redet
nicht, wie sie’s meint.nicht, wie sie’s meint.
Die SchleppträgerinDIE SCHLEPPTRÄGERIN:
Ein jedes Wort ist Falschheit.  Ein jedes Wort ist Falschheit.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA
(auffahrend)(zornig):
Ich will Nichts hören! Was aus Euch heraus kommt,Ich will nichts hören. Was aus euch herauskommt,
ist nur der Atem des Aegisth.ist nur der Atem des Aegisth. Ich will nicht
an allem nörgeln. Wenn sie zu mir redet,
was mich zu hören freut, so will ich horchen
auf was sie redet. Was die Wahrheit ist,
das bringt kein Mensch heraus. Niemand auf Erden
weiß über irgend ein verborgnes Ding
die Wahrheit. Gibt’s nicht welche in den Kerkern,
die sagen, daß ich eine Mörderin
und daß Aegisth ein Meuchelmörder ist?
Und wenn ich nachts euch wecke, redet ihrUnd wenn ich nachts euch wecke, redet ihr
nicht jede etwas andres? Schreist nicht du,nicht jede etwas andres? Schreist nicht du,
daß meine Augenlider angeschwollendaß meine Augenlider angeschwollen
und meine Leber krank ist? Und winselstund meine Leber krank ist, und daß alles
nur von der kranken Leber kommt, und winselst
nicht du in’s and’re Ohr, daß du Dämonennicht du ins andre Ohr, daß du Dämonen
gesehen hast mit langen spitzen Schnäbeln,gesehen hast mit langen spitzen Schnäbeln,
die mir das Blut aussaugen? Zeigst du nichtdie mir das Blut aussaugen? zeigst du nicht
die Spuren mir an meinem Fleisch und folg’ ichdie Spuren mir an meinem Fleisch, und folg’ ich
dir nicht und schlachte, schlachte, schlachte Opferdir nicht und schlachte, schlachte, schlachte Opfer
um Opfer? Zerrt ihr mich mit euren Redenum Opfer? Zerrt ihr mich mit euren Reden
und Gegenreden nicht zu Tod? Ich will nichtund Gegenreden nicht zu Tod? Ich will nicht
mehr hören: »Das ist wahr, und das ist Lüge.«mehr hören: dies ist wahr und das ist Lüge.
(dumpf)
Was die Wahrheit ist, das bringt
kein Mensch heraus. Wenn sie
zu mir redet,
(immer schwer atmend)
was mich zu hören freut,
so will ich horchen, auf was sie redet. 
Wenn einer etwas Angenehmes sagt,Wenn einer etwas Angenehmes sagt,
(heftig)
und wär es meine Tochter, wär es die da –und wär’ es meine Tochter, wär’ es die da,
will ich von meiner Seele alle Hüllenwill ich von meiner Seele alle Hüllen
abstreifen und das Fächeln sanfter Luft,ablösen und das Fächeln sanfter Luft,
von wo es kommen mag, einlassen, wievon wo es kommen mag, einlassen, wie
die Kranken tun, wenn sie der kühlen Luft,die Kranken tun, wenn sie der kühlen Luft,
am Teiche sitzend, abends ihre Beulenam Teiche sitzend, abends ihre Beulen
und all ihr Eiterndes der kühlen Luftund all ihr Eiterndes der kühlen Luft
preisgeben, abends … und nichts andres denken,preisgeben abends, und nichts andres denken,
als Lindrung zu schaffen.als Linderung zu schaffen. So will ich
einmal anfangen, selbst für mich zu sorgen.
Laßt mich allein mit ihr!Laßt mich allein mit ihr.
(Ungeduldig weist sie mit dem Stock die Vertraute und die Schleppträgerin ins Haus. Diese verschwinden zögernd in der Tür. Auch die Fackeln verschwinden, und nur aus dem Innern des Hauses fällt ein schwacher Schein durch den Flur auf den Hof und streift hie und da die Gestalten der beiden Frauen.)(Ungeduldig weist sie mit dem Stock die Vertraute und die Schleppträgerin ins Haus. Diese verschwinden zögernd in der Tür. Auch die Fackeln verschwinden und nur aus dem Innern des Hauses fällt ein schwacher Schein durch den Flur auf den Hof und streift hie und da die Gestalten der beiden Frauen)
(Klytämnestra kommt herab.)
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA
(leise)(nach einer Pause):
Ich habe keine guten Nächte. Weißt duIch habe keine guten Nächte. Weißt du
kein Mittel gegen Träume?kein Mittel gegen Träume?
ElektraELEKTRA
(näher rückend)(näher rückend):
Träumst du, Mutter?  Träumst du, Mutter?
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Hast du nicht andre Worte, mich zu trösten?
Laß deine Zunge los. Ich träume, ja.
Wer älter wird, der träumt. Allein, es läßt sichWer älter wird, der träumt. Allein es läßt sich
vertreiben. Es gibt Bräuche.vertreiben. Warum stehst du so im Dunkel?
Man muß sich nur die Kräfte dienstbar machen,
die irgendwo verstreut sind. Es gibt Bräuche.
Es muß für Alles richtge Bräuche geben. Es muß für alles richtige Bräuche geben.
Wie man ein Wort und einen Satz ausspricht,
darauf kommt vieles an. Auch auf die Stunde.
Und ob man satt ist, oder nüchtern. Mancher
kam um, weil er ins Bad gestiegen ist
zur unrichtigen Stunde.
ELEKTRA:
  Denkst du da
an meinen Vater?
KLYTÄMNESTRA:
Darum bin ich so  Darum bin ich so
behängt mit Steinen, denn es wohnt in jedembehängt mit Steinen. Denn es wohnt in jedem
ganz sicher eine Kraft. Man muß nur wissen,ganz sicher eine Kraft. Man muß nur wissen,
wie man sie nützen kann. Wenn du nur wolltest –wie man sie nützen kann. Wenn du nur wolltest,
du könntest etwas sagen, was mir nützt.du könntest etwas sagen, das mir nützt.
ElektraELEKTRA:
Ich, Mutter, ich?Ich, Mutter, ich?
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
(ausbrechend)
Ja, du! Denn du bist klug.  Ja, du! denn du bist klug.
In deinem Kopf ist alles stark.In deinem Kopf ist alles stark. Du redest
von alten Dingen so, wie wenn sie gestern
geschehen wären. Aber ich bin morsch.
Ich denke, aber alles türmt sich mir
eins übers andre. Und ich tu’ den Mund auf,
da schreit Aegisth, und was er schreit, das ist mir
verhaßt, aufbäumen will ich mich und stärker
als seine Worte sein – und finde nichts.
Ich finde nichts! ich weiß auf einmal nicht,
ob er das heut gesagt hat, was vor Wut
mich zittern macht, ob heute oder einmal
vor langer Zeit; dann schwindelt’s mich, ich weiß
auf einmal nicht mehr, wer ich bin, und das ist
das Grauen, das heißt mit lebendigem Leib
ins Chaos sinken, und Aegisth! Aegisth
verhöhnt mich, und ich finde nichts, ich finde
die fürchterlichen Dinge nicht, vor denen
er schweigen müßte und bleich wie ich selber
ins Feuer starren. Aber du hast Worte.
Du könntest vieles sagen, was mir nützt.Du könntest vieles sagen, was mir nützt.
Wenn auch ein Wort nichts weiter ist! Was ist dennWenn auch ein Wort nichts weiter ist! Was ist denn
ein Hauch? Und doch kriecht zwischen Tag und Nacht,ein Hauch! und doch kriecht zwischen Nacht und Tag,
wenn ich mit offnen Augen lieg, ein Etwaswenn ich mit offnen Augen lieg’, ein Etwas
hin über mich. Es ist kein Wort, es isthin über mich, es ist kein Wort, es ist
kein Schmerz, es drückt mich nicht, es würgt mich nicht.kein Schmerz, es drückt mich nicht, es würgt mich nicht,
es läßt mich liegen, wie ich bin, und da
an meiner Seite liegt Aegisth und dort,
dort ist der Vorhang: alles sieht mich an,
als wär’s von Ewigkeit zu Ewigkeit:
Nichts ist es – nicht einmal ein Alp, und dennoch,nichts ist es, nicht einmal ein Alp, und dennoch
es ist so fürchterlich, daß meine Seelees ist so fürchterlich, daß meine Seele
sich wünscht erhängt zu sein, und jedes Gliedsich wünscht, erhängt zu sein, und jedes Glied
in mir schreit nach dem Tod, und dabei leb’ ichan mir lechzt nach dem Tod, und dabei leb’ ich
und bin nicht einmal krank: Du siehst mich doch:und bin nicht einmal krank: du siehst mich doch:
seh ich wie eine Kranke? Kann man dennseh’ ich wie eine Kranke? Kann man denn
vergehn, lebend, wie ein faules Aas?vergehen, lebend, wie ein faules Aas?
Kann man zerfallen, wenn man garnicht krank ist?kann man zerfallen, wenn man garnicht krank ist?
zerfallen wachen Sinnes, wie ein Kleid,zerfallen wachen Sinnes, wie ein Kleid,
zerfressen von den Motten? Und dann schlaf ichzerfressen von den Motten? Und dann schlaf’ ich
und träume, träume, daß sich mir das Markund träume, träume! daß mir in den Knochen
in den Knochen löst, und taumle wieder auf,das Mark sich löst, und taumle wieder auf,
und nicht der zehnte Teil der Wasseruhrund nicht der zehnte Teil der Wasseruhr
ist abgelaufen, und was unterm Vorhangist abgelaufen, und was unter’m Vorhang
hereingrinst, ist noch nicht der fahle Morgen,hereingrinst, ist noch nicht der fahle Morgen,
nein, immer noch die Fackel vor der Tür,nein, immer noch die Fackel vor der Tür,
die gräßlich zuckt, wie ein Lebendiges,die gräßlich zuckt wie ein Lebendiges
und meinen Schlaf belauert.und meinen Schlaf belauert.
Ich weiß nicht, wer die sind, die mir das antun,
und ob sie droben oder drunten wo
zu Hause sind – wenn ich dich stehen sehe,
wie jetzt, so mein’ ich, du mußt mit im Spiel sein.
Allein wer bist denn du? Du weißt nicht einmal
ein Wort zu reden, wenn man auf dich hört.
Wem könnt’ es so viel nützen oder schaden,
ob du lebst oder nicht? Warum siehst du
so starr auf mich? Ich will nicht, daß du mich
Diese Träume müssenso ansiehst. Aber diese Träume müssen
ein Ende  haben … Wer sie immer schickt,ein Ende haben. Wer sie immer schickt:
ein jeder Dämon lässt von uns, sobaldein jeder Dämon läßt von uns, sobald
das rechte Blut geflossen ist.das rechte Blut geflossen ist.
ElektraELEKTRA:
Ein jeder!  Ein jeder!
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
(wild)
Und müßt ich jedes Tier, das kriecht und fliegt,Und müßt’ ich jedes Tier, das kriecht und fliegt,
zur Ader lassen und im Dampf des Bluteszur Ader lassen und im Dampf des Bluts
aufstehn und schlafen gehn, wie die Völkeraufsteh’n und schlafen gehen wie die Völker
des letzten Thule im blutroten Nebel:der letzten Thule im blutroten Nebel:
ich will nicht länger träumen.ich will nicht länger träumen.
ElektraELEKTRA:
Wenn das rechte  Wenn das rechte
Blutopfer unterm Beile fällt, dann träumst duBlutopfer unter’m Beile fällt, dann träumst du
nicht länger!nicht länger.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA
(sehr hastig)(näher zu ihr tretend):
Also wüßtest du, mit welchem  Also wüßtest du, mit welchem
geweihten Tier?geweihten Tier –
ElektraELEKTRA:
(geheimnisvoll lächelnd)
Mit einem ungeweihten.  Mit einem ungeweihten!
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Das drin gebunden liegt?Das drin gebunden liegt?
ElektraELEKTRA:
Nein, es läuft frei.  Nein! es läuft frei.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA
(begierig)(begierig):
Und was für Bräuche?Und was für Bräuche?
ElektraELEKTRA:
Wunderbare Bräuche  Wunderbare Bräuche,
und sehr genau zu üben.und sehr genau zu üben.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
(heftig)
Rede doch!  Rede doch!
ElektraELEKTRA:
Kannst du mich nicht erraten?Kannst du mich nicht erraten?
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Nein, darum frag’ ich.  Nein, darum frag’ ich.
(Elektra gleichsam feierlich beschwörend)
Den Namen sag’ des Opfertiers!Den Namen sag des Opfertiers.
ElektraELEKTRA:
Ein Weib!  Ein Weib.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA
(hastig)(gierig):
Von meinen Dienerinnen eine, sag’,Von meinen Dienerinnen eine sag!
ein Kind, ein jungfräuliches Weib? Ein Weib,ein Kind? ein jungfräuliches Weib? ein Weib,
das schon erkannt vom Manne?das schon erkannt vom Manne?
ElektraELEKTRA:
(ruhig)
Ja, erkannt,  Ja! erkannt!
das ist’s.das ist’s!
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
(dringend)
Und wie das Opfer? Und welche Stunde?  Und wie das Opfer? und welche Stunde,
Und wo?und wo?
ElektraELEKTRA:
(ruhig)
An jedem Ort zu jeder Stunde  An jedem Ort, zu jeder Stunde
des Tags und der Nacht.des Tages und der Nacht.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Die Bräuche sag’!  Die Bräuche sag!
Wie brächt’ ich’s dar? Ich selber muß –Wie brächt’ ich’s dar? ich selber muß –
ElektraELEKTRA:
Nein, diesmal  Nein. Diesmal
gehst du nicht auf die Jagd mit Netz und mit Beil.gehst du nicht auf die Jagd mit Netz und Beil.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Wer denn? Wer brächt’ es dar?Wer denn? wer bringt es dar?
ElektraELEKTRA:
Ein Mann.  Ein Mann.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Aegisth?  Aegisth?
ElektraELEKTRA
(lacht)(lacht):
Ich sagte doch, ein Mann.Ich sagte doch: ein Mann!
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Wer? gib mir Antwort.  Wer? gib mir Antwort.
Vom Hause jemand? oder muß ein FremderVom Hause jemand? oder muß ein Fremder
herbei?herbei?
ElektraELEKTRA
(zu Boden stierend, wie abwesend)(zu Boden stierend, wie abwesend):
Ja, ja, ein Fremder, aber freilich  Ja, ja, ein Fremder. Aber freilich
ist er vom Haus.ist er vom Haus.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Gib mir nicht Rätsel auf.  Gib mir nicht Rätsel auf.
Elektra, hör’ mich an. Ich freue mich,Elektra, hör mich an. Ich freue mich,
daß ich dich heut’ einmal nicht störrisch finde …daß ich dich heut einmal nicht störrisch finde.
Wenn Eltern hart sind, ist es stets das Kind,
das sie zur Härte zwingt. Kein strenges Wort
ist ganz unwiderruflich und die Mutter,
wenn sie schlecht schläft, denkt lieber sich das Kind
im Ehebett als an der Kette liegen.
ELEKTRA
(vor sich):
Da geht’s dem Kinde umgekehrt: das dächte
die Mutter lieber tot als in dem Bette.
KLYTÄMNESTRA:
Was murmelst du? Ich sage, daß kein Ding
unwiderruflich ist. Geht denn nicht alles
vor unsern Augen über und verwandelt
sich wie ein Nebel? Und wir selber, wir!
und unsre Taten! Taten! Wir und Taten!
Was das für Worte sind. Bin ich denn noch,
die es getan? Und wenn! getan, getan!
Getan! was wirfst du mir da für ein Wort
in meine Zähne! Da stand er, von dem
du immer redest, da stand er und da
stand ich und dort Aegisth und aus den Augen
die Blicke trafen sich: da war es doch
noch nicht geschehn! und dann veränderte
sich deines Vaters Blick im Sterben so
langsam und gräßlich, aber immer noch
in meinem hängend – und da war’s geschehn:
dazwischen ist kein Raum! Erst war’s vorher,
dann war’s vorbei – dazwischen hab’ ich nichts
getan.
ELEKTRA:
  Nein, die dazwischen liegt, die Arbeit,
die tat das Beil allein.
KLYTÄMNESTRA:
  Wie du die Worte
hineinbringst.
ELEKTRA:
Nicht so tüchtig, noch so flink
wie du Axthieb auf Axthieb.
KLYTÄMNESTRA:
  Davon will ich
nichts hören. Schweig. Wenn mir dein Vater heute
entgegenkäme – so wie ich mit dir
da rede, könnt’ ich mit ihm reden. Zwar
kann sein, mich schauderte, doch kann auch sein,
ich könnte zärtlich zu ihm sein und weinen,
wie wenn zwei alte Freunde sich begegnen.
ELEKTRA
(vor sich):
Gräßlich, sie redet von dem Mord als wär’s
ein Zank vor’m Nachtmahl.
KLYTÄMNESTRA:
  Sag du deiner Schwester,
sie soll nicht so wie ein verschreckter Hund
vor mir ins Dunkel flüchten. Heiß sie, freundlich
wie sich’s geziemt, mich grüßen, und gelassen
mir Rede stehn. Dann weiss ich wahrlich nicht,
was mich verhindern könnte, dich und sie
vor Winter zu vermählen.
ElektraELEKTRA:
(leise)
  Und der Bruder?
Läßt du den Bruder nicht nach Hause, Mutter?Läßt du den Bruder nicht nach Hause, Mutter?
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Von ihm zu reden hab’ ich dir verboten.Von ihm zu reden hab’ ich dir verboten.
ElektraELEKTRA:
So hast du Furcht vor ihm?So hast du Furcht vor ihm?
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Wer sagt das?  Wer sagt das?
ElektraELEKTRA:
Mutter,  Mutter,
du zitterst ja!du zitterst ja!
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Wer fürchtet sich  Wer fürchtet sich
vor einem Schwachsinnigen.vor einem Schwachsinnigen.
ElektraELEKTRA:
Wie?  Wie?
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Es heißt,  Es heißt,
er stammelt, liegt im Hofe bei den Hundener stammelt, liegt im Hofe bei den Hunden
und weiß nicht Mensch und Tier zu unterscheiden.und weiß nicht Mensch und Tier zu unterscheiden.
ElektraELEKTRA:
Das Kind war ganz gesund.Das Kind war ganz gesund.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Es heißt, sie gaben  Es heißt, sie gaben
ihm schlechte Wohnung und Tiereihm eine schlechte Wohnung und die Tiere
des Hofes zur Gesellschaft.des Hofes zur Gesellschaft.
ElektraELEKTRA:
Ah!  Ah!
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA
(mit gesenkten Augenlidern)(mit gesenkten Augenlidern):
Ich schickte  Ich schickte
viel Gold und wieder Gold, sie sollten ihnviel Gold und wieder Gold, sie sollten ihn
gut halten wie ein Königskind.gut halten als ein Königskind.
ElektraELEKTRA:
Du lügst!  Du lügst!
Du schicktest Gold, damit sie ihn erwürgen.Du schicktest Gold, damit sie ihn erwürgen.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Wer sagt dir das?Wer sagt dir das?
ElektraELEKTRA:
Ich seh’s an deinen Augen.  Ich seh’s in deinen Augen.
Allein an deinem Zittern seh’ ich auch,Allein an deinem Zittern seh’ ich auch,
daß er noch lebt, daß du bei Tag und Nachtdaß er noch lebt. Daß du bei Tag und Nacht
an nichts denkst als an ihn. Daß dir das Herzan nichts denkst als an ihn. Daß dir das Herz
verdorrt vor Grauen, weil du weißt: er kommt.verdorrt vor Grauen, weil du weißt: er kommt.
KlytämnestraKLYTÄMNESTRA:
Was kümmert mich, wer außer Haus ist.Lüg nicht. Was kümmert mich, wer außer Haus ist.
Ich lebe hier und bin die Herrin. DienerIch lebe hier und bin die Herrin. Diener
hab’ ich genug, die Tore zu bewachen,hab ich genug, die Tore zu bewachen,
und wenn ich will: laß ich bei Tag und Nachtund wenn ich will, laß ich bei Tag und Nacht
vor meiner Kammer drei Bewaffnetevor meiner Kammer drei Bewaffnete
mit offenen Augen sitzen.mit offenen Augen sitzen. Was du redest,
das hör’ ich nicht einmal. Ich weiß auch nicht,
wer dieser ist, von dem du redest. Sehen
werd’ ich ihn nie: was kümmert’s mich, zu wissen,
ob er am Leben oder nicht. Ganz einfach,
ich bin es satt, von ihm zu träumen. Träume
sind ungesund, sie zehren an den Kräften,
und ich will leben und die Herrin sein.
Ich will nicht solche Anwandlungen haben,
mich herzustellen wie ein Hökerweib
und dir von meinen Nächten zu erzählen.
Ich bin so gut wie krank, und Kranke schwatzen
von ihrem Übel, das ist alles. Aber
Und aus dirich will nicht länger krank sein. Und aus dir
(Sie hebt den Stock drohend gegen Elektra)
bring ich so oder so das rechte Wortbring’ ich so oder so das rechte Wort
schon an den Tag. Du hast dich schon verraten,schon an den Tag. Du hast dich schon verraten,
daß du das rechte Opfer weißt und auchdaß du das rechte Opfer weißt und auch
die Bräuche, die mir nützen. Sagst du’s nichtdie Bräuche, die mir nützen. Sagst du’s nicht
im Freien, wirst du’s an der Kette sagen.im Freien, wirst du’s an der Kette sagen.
Sagst du’s nicht satt, so sagst du’s hungernd. TräumeSagst du’s nicht satt, so sagst du’s hungernd. Träume
sind etwas, das man los wird. Wer dran leidetsind etwas, das man los wird. Wer dran leidet
und nicht das Mittel findet, sich zu heilen,und nicht das Mittel findet, sich zu heilen,
ist nur ein Narr. Ich finde mir heraus,ist nur ein Narr. Ich finde mir heraus,
wer bluten muß, damit ich wieder schlafe.wer bluten muß, damit ich wieder schlafe.
(Elektra mit einem Sprung aus dem Dunkel auf Klytämnestra zu, immer näher an ihr, immer furchtbarer anwachsend)
ElektraELEKTRA
(mit einem Sprung aus dem Dunkel auf sie zu, immer näher an ihr, immer furchtbarer wachsend):
Was bluten muß? Dein eigenes Genick,Was bluten muß? Dein eigenes Genick,
wenn dich der Jäger abgefangen hat.wenn dich der Jäger abgefangen hat!
Ich hör ihn durch die Zimmer gehn, ich hör ihn
den Vorhang von dem Bette heben: Wer schlachtetEr fängt dich ab: doch nur im Lauf! Wer schlachtet
ein Opfertier im Schlaf? Er jagt dich auf,ein Opfertier im Schlaf? Er jagt dich auf,
schreiend entfliehst du. Aber er, er ist hinterdrein,
er treibt dich durch das Haus! Willst du nach rechts,er treibt dich durch das Haus! willst du nach rechts,
da steht das Bett! nach links, da schäumt das Badda steht das Bett! nach links, da schäumt das Bad
wie Blut, das Dunkel und die Fackeln werfenwie Blut! das Dunkel und die Fackeln werfen
schwarzrote Todesnetze über dich.schwarzrote Todesnetze über dich –
(Klytämnestra, von sprachlosem Grauen geschüttelt)(Klytämnestra, von sprachlosem Grauen geschüttelt, will ins Haus. Elektra zerrt sie am Gewand nach vorn. Klytämnestra weicht gegen die Mauer zurück. Ihre Augen sind weit aufgerissen, der Stock entfällt ihren zitternden Händen)
Hinab die Treppen durch Gewölbe hin,
Gewölbe und Gewölbe geht die Jagd –
Und ich, ich, ich, ich, ich, die ihn dir geschickt,
ich bin wie ein Hund an deiner Ferse,
willst du in eine Höhle, spring ich dich
von seitwärts an. So treiben wir dich fort,
bis eine Mauer Alles sperrt, und dort 
im tiefsten Dunkel, doch ich seh ihn wohl,
ein Schatten, und doch Glieder und das Weiße
von einem Auge doch, da sitzt der Vater,
er achtet’s nicht, und doch muß es geschehn,
zu seinen Füßen drücken wir dich hin –
Du möchtest schreien, doch die Luft erwürgtDu möchtest schreien, doch die Luft erwürgt
den ungebornen Schrei, und läßt ihn lautlosden ungebornen Schrei und läßt ihn lautlos
zu Boden fallen, wie von Sinnen hältst duzu Boden fallen, wie von Sinnen hältst du
den Nacken hin, fühlst schon die Schärfe zuckenden Nacken hin, fühlst schon die Schärfe zucken
bis an den Sitz des Lebens, doch er hältbis in den Sitz des Lebens, doch er hält
den Schlag zurück, die Bräuche sind noch nicht erfüllt.den Schlag zurück: die Bräuche sind noch nicht erfüllt.
Er führt dich an den Flechten deiner Haare,
Alles schweigt, du hörst dein eignes Herzund alles schweigt, du hörst dein eignes Herz
an deinen Rippen schlagen: Diese Zeit,an deinen Rippen schlagen: diese Zeit
– sie dehnt sich vor dir wie ein finstrer Schlund– sie dehnt sich vor dir wie ein finstrer Schlund
von Jahren – diese Zeit ist dir gegebenvon Jahren – diese Zeit ist dir gegeben
zu ahnen, wie es Scheiternden zu Mute ist,zu ahnen, wie es Scheiternden zumut ist,
wenn ihr vergebliches Geschrei die Schwärzewenn ihr vergebliches Geschrei die Schwärze
der Wolken und des Todes zerfrißt, diese Zeitder Wolken und des Tods zerfrißt, die Zeit
ist dir gegeben, alle zu beneiden,ist dir gegeben, alle zu beneiden,
die angeschmiedet sind an Kerkermauern,die angeschmiedet sind an Kerkermauern,
die auf dem Grund von Brunnen nach dem Toddie auf dem Grund von Brunnen nach dem Tod
als wie nach Erlösung schrein, denn du,als wie nach der Erlösung schrei’n – denn du,
du liegst in deinem Selbst so eingekerkert,du liegst in deinem Selbst so eingekerkert,
als wär’s der glühnde Bauch von einem Tierals wär’s der glühende Bauch von einem Tier
von Erz – und so wie jetzt kannst du nicht schrein!von Erz – und so wie jetzt kannst du nicht schreien!
Und ich steh’ neben dir: du kannst den Blick
nicht von mir wenden, immer krampft es dich,
daß du von meinem schweigenden Gesicht
ein Wort ablesen willst, du rollst die Augen,
willst irgend etwas denken, willst die Götter
heruntergrinsen aus dem Nachtgewölk:
die Götter sind beim Nachtmahl! so wie damals,
als du den Vater würgtest, sitzen sie
beim Nachtmahl und sind taub für jedes Röcheln!
Nur ein halbtoller Gott, das Lachen, taumelt
zur Tür herein: er glaubt, du triebest Scherze
zur Schäferstunde mit Aegisth, allein
sogleich bemerkt er seinen Irrtum, lacht
lautgellend auf und ist im Nu davon.
Da hast auch du genug. Die Galle träufelt
dir bitter auf das Herz, verendend willst du
dich auf ein Wort besinnen, irgend eines
noch von dir geben, nur ein Wort, anstatt
der blut’gen Träne, die dem Tier sogar
Da steh ichim Sterben nicht versagt ist: da steh’ ich
vor dir, und nun liest du mit starrem Aug’vor dir, und nun liest du mit starrem Aug’
das ungeheure Wort, das mir in meindas ungeheure Wort, das mir in mein
Gesicht geschrieben ist:Gesicht geschrieben ist: denn mein Gesicht
ist aus des Vaters und aus deinen Zügen
gemischt, und da hab’ ich mit meinem stummen
Dastehn dein letztes Wort zunicht’ gemacht,
erhängt ist dir die Seele in der selbst-erhängt ist dir die Seele in der selbst-
gedrehten Schlinge, sausend fällt das Beil –gedrehten Schlinge, sausend fällt das Beil,
und ich steh da und seh dich endlich sterben.und ich steh’ da und seh’ dich endlich sterben!
Dann träumst du nicht mehr, dann brauche ichDann träumst du nimmermehr, dann brauche ich
nicht mehr zu träumen, und wer dann noch lebt,nicht mehr zu träumen, und wer dann noch lebt,
der jauchzt und kann sich seines Lebens freun!der jauchzt und kann sich seines Lebens freuen!
(Sie stehen einander, Elektra in wilder Trunkenheit, Klytämnestra gräßlich atmend vor Angst, Aug’ in Aug’. In diesem Augenblick erhellt sich der Hausflur. Die Vertraute kommt hergelaufen. Sie flüstert Klytämnestra etwas ins Ohr. Diese scheint erst nicht recht zu verstehen. Allmählich kommt sie zu sich. Sie winkt: »Lichter!« Es laufen Dienerinnen mit Fackeln heraus und stellen sich hinter Klytämnestra. Klytämnestra winkt: »Mehr Lichter!« Es kommen immer mehr Dienerinnen heraus, stellen sich hinter Klytämnestra, sodaß der Hof voll von Licht wird und rotgelber Schein um die Mauern flutet. Nun verändern sich ihre Züge allmählich, und die Spannung weicht einem bösen Triumph. Sie läßt sich die Botschaft abermals zuflüstern und verliert dabei Elektra keinen Augenblick aus dem Auge. Ganz bis an den Hals sich sättigend mit wilder Freude streckt Klytämnestra die beiden Hände drohend gegen Elektra. Dann hebt ihr die Vertraute den Stock auf, und auf beide sich stützend, eilig, gierig, an den Stufen ihr Gewand aufraffend, läuft sie ins Haus.)Sie stehen einander, Elektra in wildester Trunkenheit, Klytämnestra gräßlich atmend vor Angst, Aug’ in Aug’. In diesem Augenblick erhellt sich der Hausflur und die Vertraute kommt herausgelaufen. Sie flüstert Klytämnestra etwas ins Ohr. Diese scheint erst nicht recht zu verstehen. Allmählich kommt sie zu sich. Sie winkt: Lichter! Es treten Dienerinnen mit Fackeln heraus, stellen sich hinter Klytämnestra. Sie winkt: Mehr Lichter! Es kommen mehr heraus, stellen sich hinter sie, so daß der Hof voll von Licht wird und rotgelber Schein an den Mauern flutet. Nun verändern sich die Züge der Klytämnestra allmählich und die Spannung des Grauens weicht einem bösen Triumph. Sie läßt sich die Botschaft abermals zuflüstern und verliert dabei Elektra keinen Augenblick aus dem Auge. Ganz bis an den Hals sich sättigend mit einer wilden Freude, streckt sie die beiden Hände drohend gegen Elektra. Dann hebt ihr die Vertraute den Stock auf und, auf beide sich stützend, eilig, gierig, an den Stufen ihr Gewand aufraffend, läuft sie ins Haus. Die Dienerinnen mit den Lichtern, wie gejagt, hinter ihr drein.
(Die Dienerinnen mit den Lichtern wie gejagt hinter ihr drein.)
ElektraELEKTRA:
(während dessen):
Was sagen sie ihr denn? Sie freut sich ja!Was sagen sie ihr denn? sie freut sich ja!
Mein Kopf! Mir fällt nichts ein! Worüber freut sichMein Kopf! Mir fällt nichts ein. Worüber freut sich
das Weib?das Weib?
CHRYSOTHEMIS
(Chrysothemis kommt laufend zur Hoftür herein, laut heulend wie ein verwundetes Tier.)(kommt, laufend, zur Hoftür herein, laut heulend wie ein verwundetes Tier).
ELEKTRA:
  Chrysothemis! Schnell, schnell, ich brauche
Aushilfe. Sag’ mir etwas auf der Welt,
worüber man sich freuen kann!
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(schreiend)(schreiend):
Orest!  Orest!
Orest ist tot!Orest ist tot!
(Elektra winkt ihr ab, wie von Sinnen.)
ElektraELEKTRA
(winkt ihr ab, wie von Sinnen):
Sei still!  Sei still!
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(dicht bei ihr):
Orest ist tot.  Orest ist tot!
(Elektra bewegt die Lippen.)
ELEKTRA
(bewegt die Lippen).
CHRYSOTHEMIS:
Ich kam hinaus, da wußten sie’s schon! AlleIch kam hinaus, da wußten sie’s schon! Alle
standen herum  und Alle wußten es schon,standen herum und alle wußten’s schon,
nur wir nicht.nur wir nicht.
ElektraELEKTRA:
(dumpf)
Niemand weiß es.  Niemand weiß es.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Alle wissen’s.  Alle wissen’s!
ElektraELEKTRA:
Niemand kann’s wissen, denn es ist nicht wahr.Niemand kann’s wissen: denn es ist nicht wahr.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(wirft sich verzweifelt auf den Boden)(wirft sich auf den Boden).
ElektraELEKTRA
(Chrysothemis emporreißend)(reißt sie empor):
Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr, ich sag dir doch –Es ist nicht wahr! ich sag’ dir doch! ich sag’ dir,
Es ist nicht wahr!es ist nicht wahr!
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Die Fremden standen an der Wand, die Fremden,Die Fremden standen an der Wand, die Fremden,
die hergeschickt sind, es zu melden: zwei,die hergeschickt sind, es zu melden: zwei,
ein Alter und ein Junger. Allen hattenein Alter und ein Junger. Allen hatten
sie’s schon erzählt, im Kreise standen Allesie’s schon erzählt, im Kreise standen alle
um sie herum, und Alle,um sie herum und alle wußten’s schon.
(mit Anstrengung)
Alle wußten es schon.
ElektraELEKTRA:
(mit höchster Kraft)
Es ist nicht wahr!Es ist nicht wahr.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
  Nur uns erzählt man’s nicht!
An uns denkt Niemand. Tot, Elektra – tot!An uns denkt niemand. Tot! Elektra, tot!
Gestorben in der Fremde! Tot!
Gestorben dort in fremdem Land.
Von seinen Pferden erschlagen und geschleift.
(sinkt vor der Schwelle des Hauses an Elektras Seite in wilder Verzweiflung hin)
(Ein junger Diener kommt eilig aus dem Haus, stolpert über die vor der Schwelle Liegende hinweg.)
Junger DienerEIN JUNGER DIENER
(kommt eilig aus dem Haus, stolpert über die vor der Schwelle Liegende hinweg):
Platz da! Wer lungert so vor einer Tür?Platz da! wer lungert so vor einer Tür?
Ah! konnt mir’s denken! Heda, Stallung! he!Ah, konnt’ mir’s denken! Heda, Stallung! he!
DER KOCH
(kommt rechts aus einer Tür):
Was gibt’s?
DER DIENER:
  Nach einem Stallknecht schrei’ ich mir
die Lunge aus, und wer aus seinem Loch kriecht,
das ist der Koch.
Alter DienerEIN ALTER DIENER
(finsteren Gesichts, zeigt sich an der Hoftür)(finsteren Gesichts, zeigt sich an der Hoftür):
Was soll’s im Stall?  Was soll’s im Stall?
Junger DienerDER JUNGE:
Gesattelt  Gesattelt
soll werden, und so rasch als möglich! hörst du?soll werden, und so rasch als möglich! hörst du?
Ein Gaul, ein Maultier oder meinetwegenein Gaul, ein Maultier, oder meinetwegen
auch eine Kuh, nur rasch!auch eine Kuh, nur rasch!
Alter DienerDER ALTE:
Für wen?  Für wen?
Junger DienerDER JUNGE:
Für den,  Für den,
der dir’s befiehlt. Da glotzt er! Rasch, für mich!der dir’s befiehlt. Da glotzt er! Rasch, für mich!
Sofort, für mich! Trab, trab! Weil ich hinaus mußSofort! für mich! Trab, trab! Weil ich hinaus muß
auf’s Feld, den Herren holen, weil ich ihmauf’s Feld, den Herren holen, weil ich ihm
Botschaft zu bringen habe, große Botschaft,Botschaft zu bringen habe, große Botschaft,
wichtig genug, um eine eurer Mährenwichtig genug, um eine eurer Mähren
zu Tod (im Abgehen) zu reiten –zutod zu reiten.
DER ALTE
(Auch der Alte verschwindet.)(verschwindet).
DER KOCH:
  Was für Botschaft? rede
ein Wort!
DER JUNGE:
  Mit einem Wort, mein guter Koch,
wär’ dir wahrscheinlich nicht gedient. Auch könnte
man schwerlich, was ich weiß und an den Herren
zu melden hab’, so kurzweg in ein Wort
zusammenfassen: laß es dir genügen,
wenn man dir sagt, daß eine Botschaft ist
von höchster Wichtigkeit soeben hier
im Hause eingetroffen, eine Botschaft,
– wie lange solch ein alter Knochen braucht
um aufzusatteln! – die, als treuen Diener
der Herrschaft, dich zu freuen hat: ob du
sie kennst, ob nicht, ganz gleich, sie hat dich zu
erfreuen.
(In den Hof brüllend):
  Eine Peitsche, Schuft! was, meinst du,
ich werd’ ihn ohne Peitsche reiten? Du,
du läßt mich warten und nicht ich den Gaul!
(Zum Koch, schon auf dem Sprunge abzugehen):
Und kurz und gut: der junge Bursch’ Orest,
der Sohn vom Haus, der immer außer Haus war
und drum so gut wie tot: kurz dieser, der
schon eh’ und immer sozusagen tot war,
der ist nun sozusagen wirklich tot!
(Springt ab)
DER KOCH
(gegen Elektra und Chrysothemis hin, die aneinandergedrückt daliegen, wie ein Leib, den das Schluchzen der Chrysothemis schüttelt und über den sich das totenbleiche schweigende Gesicht der Elektra hebt):
Eh! jetzt hab’ ich’s heraus! Die Hunde heulen
beim Vollmond, und ihr heult, weil jetzt für euch
auf immer Neumond ist. Die Hunde jagt man,
wenn sie die Hausruh’ stören. Gebt ihr acht,
sonst geht’s euch ebenso.
(Geht wieder hinein)
CHRYSOTHEMIS
(halbaufgerichtet):
Gestorben in der Fremde! tot! begraben
dort in dem fremden Land. Von seinen Pferden
erschlagen und geschleift! Ach, sein Gesicht
unkenntlich, sagen sie. Wir haben’s nie
gesehen, sein Gesicht! Wenn wir ihn denken,
so denken wir ein Kind. Und er war groß.
Ob er vor seinem Sterben nicht nach uns
verlangte! Ich hab’ sie nicht fragen können:
es standen alle ringsherum. Elektra,
wir müssen hin und mit den Männern sprechen.
ElektraELEKTRA
(vor sich hin, leise und sehr energisch)(vor sich):
Nun muß es hier von uns geschehn.Nun muß es hier von uns geschehn.
CHRYSOTHEMIS:
  Elektra,
wir wollen hingehn: es sind zwei, ein Alter
und ein viel Jüngerer, wenn sie erfahren,
daß wir die Schwestern sind, die armen Schwestern,
so sagen sie uns alles.
ELEKTRA:
  Was frommt noch
zu wissen? daß er tot ist, wissen wir.
CHRYSOTHEMIS:
Daß sie uns nichts, nicht einmal eine Locke,
nicht eine kleine Locke mitgebracht!
Wie wenn wir gar nicht auf der Welt mehr wären,
wir beiden Mädchen.
ELEKTRA:
  Darum müssen wir
jetzt zeigen, daß wir’s sind.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
(verwundert fragend)
Elektra?  Elektra?
ElektraELEKTRA:
(alles in fliegender Hast)
Wir,  Wir!
wir beide müssen’s tun.Wir beide müssen’s tun.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Was, Elektra?  Elektra, was?
ElektraELEKTRA:
(leise)
Am besten heut, am besten diese Nacht.Am besten heut’, am besten diese Nacht.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Was, Schwester?Was, Schwester?
ElektraELEKTRA:
Was? Das Werk, das nun auf uns  Was? Das Werk, das nun auf uns
gefallen ist,gefallen ist, weil er nicht kommen kann
(sehr schmerzlich)
weil er nicht kommen kann.und ungetan es ja nicht bleiben darf.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
(angstvoll steigernd)
Was für ein Werk?Was für ein Werk?
ElektraELEKTRA:
Nun müssen du und ich  Nun müssen du und ich
hingehn und das Weib und ihren Mannhingehen und das Weib und ihren Mann
erschlagen.erschlagen.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
(leise, schaudernd)
Schwester, sprichst du von der Mutter?  Schwester, sprichst du von der Mutter?
ElektraELEKTRA:
(wild)
Von ihr und auch von ihm. Ganz ohne ZögernVon ihr. Und auch von ihm. Ganz ohne Zögern
muß es geschehn.muß es geschehn.
CHRYSOTHEMIS
(sprachlos).
– – – – – –
ELEKTRA:
Schweig still. Zu sprechen ist nichts.  Schweig still. Zu sprechen ist nichts.
Nichts gibt es zu bedenken, als nur: wie?Nichts gibt es zu bedenken, als nur: wie?
wie wir es tun.wie wir es tun.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Ich?  Ich?
ElektraELEKTRA:
Ja, du und ich.  Ja. Du und ich.
Wer sonst?Wer sonst? Hat unser Vater andre Kinder,
die wo im Haus versteckt sind und zu Hülfe
uns kommen könnten? Nein, soviel ich weiß.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
(entsetzt)
Wir? Wir beide sollen hingehn? Wir, wir zwei Wir beide sollen hingehn? Wir? wir zwei?
mit unsern beiden Händen?mit unsern beiden Händen?
ElektraELEKTRA:
Dafür laß  Dafür laß
du mich nur sorgen.du mich nur sorgen.
CHRYSOTHEMIS:
  Wenn du auch ein Messer –
ELEKTRA
(verächtlich):
Ein Messer!
CHRYSOTHEMIS:
  Oder auch ein Beil –
ELEKTRA:
(geheimnißvoll)
  Ein Beil!
Das Beil! (stärker) das Beil, womit der Vater –Das Beil! das Beil, womit der Vater –
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Du,  Du?
Entsetzliche, du hast es?Entsetzliche, du hast es?
ElektraELEKTRA:
Für den Bruder  Für den Bruder
bewahrt ich es. Nun müssen wir es schwingen.bewahrt’ ich es. Nun müssen wir es schwingen.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Du? Diese Arme den Aegisth erschlagen?Du? diese Arme den Aegisth erschlagen?
ElektraELEKTRA:
(wild)
Erst sie, dann ihn, erst ihn, dann sie, gleichviel.Erst ihn, dann sie; erst sie, dann ihn, gleichviel.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Ich fürchte mich.Ich fürchte mich. Du bist wie außer dir.
ElektraELEKTRA:
Es schläft Niemand in ihrem Vorgemach.Es schläft niemand in ihrem Vorgemach.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Im Schlaf sie morden!Im Schlaf sie morden, und dann weiter leben!
ELEKTRA:
Es handelt sich um ihn, und nicht um uns.
CHRYSOTHEMIS:
Kämst du zu dir, den Wahnsinn einzusehn!
ElektraELEKTRA:
Wer schläft, ist ein gebundnes Opfer. SchliefenWer schläft, ist ein gebundnes Opfer. Schliefen
sie nicht zusamm’, könnt’ ich’s allein vollbringen.sie nicht zusamm’, könnt’ ich’s allein vollbringen.
So aber mußt du mit.So aber mußt du mit.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(abwehrend)(abwehrend):
Elektra!  Elektra!
ElektraELEKTRA:
Du! Du!  Du!
Denn du bist stark!denn du bist stark!
(dicht bei Chrysothemis)(Dicht an ihr)
Wie stark du bist. Dich haben  Wie stark du bist! dich haben
die jungfräulichen Nächte stark gemacht.die jungfräulichen Nächte stark gemacht.
Überall ist so viel Kraft in dir.
Sehnen hast du wie ein Füllen.
Schlank sind deine Füße.
Wie schlank und biegsam Wie schlank und biegsam deine Hüften sind!
leicht umschling ich sie 
deine Hüften sind.
Du windest dich durch jeden Spalt, du hebst dichDu windest dich durch jeden Spalt, du hebst dich
durchs Fenster! Laß mich deine Arme fühlen,durch’s Fenster! Laß mich deine Arme fühlen:
wie kühl und stark sie sind! Wie du mich abwehrst,wie kühl und stark sie sind! Wie du mich abwehrst,
fühl ich, was das für Arme sind! Du könntestfühl’ ich, was das für Arme sind. Du könntest
erdrücken, was du an dich ziehst. Du könntesterdrücken, was du an dich ziehst. Du könntest
mich oder einen Mann in deinen Armen ersticken,mich, oder einen Mann mit deinen Armen
an deine kühlen festen Brüste pressen,
überall ist so viel Kraft in dir.daß man ersticken müßte! Überall
Sie strömt wie kühles,ist so viel Kraft in dir! Sie strömt wie kühles
verhaltnes Wasser aus dem Fels. Sie flutetverhaltnes Wasser aus dem Fels. Sie flutet
mit deinen Haaren auf die starken Schultern herab!mit deinen Haaren auf die starken Schultern
herunter!
Ich spüre durch die Kühle deiner Haut
das warme Blut hindurch, mit meiner Wange
spür’ ich den Flaum auf deinen jungen Armen:
Du bist voller Kraft, du bist schön,
du bist wie eine Frucht an der Reife Tag.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Laß mich!  Laß mich!
ElektraELEKTRA:
Nein, ich halte dich!  Nein: ich halte dich!
Mit meinen traurigen, verdorrten ArmenMit meinen traurigen verdorrten Armen
umschling ich deinen Leib, wie du dich sträubst,umschling ich deinen Leib, wie du dich sträubst,
ziehst du den Knoten nur noch fester, rankenziehst du den Knoten nur noch fester, ranken
will ich mich rings um dich, versenkenwill ich mich rings um dich und meine Wurzeln
meine Wurzeln in dich und mit meinem Willenin dich versenken und mit meinem Willen
dir impfen das Blut.das Blut dir impfen!
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Laß mich!  Laß mich!
(Sie flüchtet ein paar Schritte. Elektra wild ihr nach, faßt sie am Gewand.)(Flüchtet ein paar Schritte)
ElektraELEKTRA
(wild ihr nach, faßt sie am Gewand):
Nein, ich laß dich nicht.  Nein!
CHRYSOTHEMIS:
  Elektra!
laß mich!
ELEKTRA:
  Ich laß dich nicht. Wir müssen so
verwachsen ineinander, bis das Messer,
das meinem [sic] Leib von deinem reißen wollte,
auch gleich den Tod uns gibt, denn nun sind wir
allein auf dieser Welt.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Elektra, hör’ mich!  Elektra, hör’ mich.
Du bist so klug, hilf uns aus diesem Haus.Du bist so klug, hilf uns aus diesem Haus,
Hilf uns in’s Freie! Elektra, hilf uns, hilf uns in’s Freie hilf uns ins Freie.
ElektraELEKTRA
(ohne sie zu hören):
  Du bist voller Kraft
die Sehnen hast du wie ein Füllen, schlank
sind deine Füße, leicht umschling’ ich sie
mit meinen Armen wie mit einem Strick.
Ich spüre durch die Kühle deiner Haut
das warme Blut hindurch, mit meiner Wange
spür’ ich den Flaum auf deinen jungen Armen:
Du bist wie eine Frucht am Tag der Reife.
Von jetzt an will ich deine Schwester sein,Von jetzt an will ich deine Schwester sein,
so wie ich niemals deine Schwester war!so wie ich niemals deine Schwester war!
Getreu will ich mit dir in deiner Kammer sitzenIch will mit dir in deiner Kammer sitzen
und warten auf den Bräutigam. Für ihnund warten auf den Bräutigam, für ihn
will ich dich salben, und in’s duftige Badwill ich dich salben und ins duftige Bad
sollst du mir tauchen wie der junge Schwansollst du mir tauchen wie der junge Schwan
und deinen Kopf an meiner Brust verbergen,und deinen Kopf an meiner Brust verbergen,
bevor er dich, die durch den Schleier glühtbevor er dich, die durch die Schleier glüht
wie eine Fackel, in das Hochzeitsbettwie eine Fackel, in das Hochzeitsbett
mit starken Armen zieht.mit starken Armen zieht.
(Chrysothemis schließt die Augen.)
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(schließt die Augen):
Nicht, Schwester,  nicht.  Nicht, Schwester, nicht.
Sprich nicht ein solches Wort in diesem Haus.Sprich nicht ein solches Wort in diesem Haus.
ElektraELEKTRA:
O ja! weit mehr als Schwester bin ich dirO ja! weit mehr als Schwester bin ich dir
von diesem Tage an: ich diene dirvon diesem Tage an: ich diene dir
wie eine Sklavin. Wenn du liegst in Weh’n,wie deine Sklavin. Wenn du liegst in Weh’n,
sitz ich an deinem Bette Tag und Nacht,steh’ ich an deinem Bette Tag und Nacht,
wehr dir die Fliegen, schöpfe kühles Wasser, wehr’ dir die Fliegen, schöpfe kühles Wasser,
und wenn auf einmal auf dem nackten Schoßund wenn auf einmal auf dem nackten Schoß
dir ein Lebendiges liegt, erschreckend fast,dir ein Lebendiges liegt, erschreckend fast,
so heb’ ich’s empor, so hoch, damitso heb’ ich dir’s empor, so hoch! damit
sein Lächeln hoch von oben in die tiefsten,sein Lächeln hoch von oben in die tiefsten
geheimsten Klüfte deiner Seele fälltgeheimsten Klüfte deiner Seele fällt
und dort das letzte, eisig Gräßlicheund dort das letzte, eisig Gräßliche
vor dieser Sonne schmilzt, und du’s in hellenvor dieser Sonne schmilzt und du’s in hellen
Tränen ausweinen kannst.Tränen ausweinen kannst.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
O bring mich fort!  O bring’ mich fort!
Ich sterb’ in diesem Haus!Ich sterb’ in diesem Haus!
ElektraELEKTRA
(an den Knieen der Chrysothemis)(an ihren Knieen):
Dein Mund ist schön,  Dein Mund ist schön,
wenn er sich einmal auftut, um zu zürnen!wenn er sich einmal auftut um zu zürnen!
Aus deinem reinen, starken Mund muß furchtbarAus deinem reinen starken Mund muß furchtbar
ein Schrei hervorsprüh’n – furchtbar wie der Schreiein Schrei hervorsprüh’n, furchtbar wie der Schrei
der Todesgöttin, wenn man unter dirder Todesgöttin, wenn man unter dir
so daliegt, wie nun ich.so daliegt, wie nun ich: wenn man auf einmal
erwacht und wie die Todesgöttin dich
zu Häupten findet! wenn man unter dir
gebunden liegt, und so an dir hinaufsieht,
an deinem schlanken Leib mit starrem Aug
emporschau’n muß, so wie Gescheiterte
emporschau’n an der Klippe, eh’ sie sterben.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Was redest du?Was redest du?
ElektraELEKTRA
(aufstehend)(aufstehend):
Denn eh’ du diesem Haus  Denn eh du diesem Haus
und mir entkommst, mußt du es tun.und mir entkommst, mußt du es tun!
CHRYSOTHEMIS
(Chrysothemis will reden, Elektra hält ihr den Mund zu.)(will reden).
ElektraELEKTRA
(hält ihr den Mund zu):
Dir führt  Dir führt
kein Weg hinaus, als der. Ich laß dich nicht,kein Weg hinaus als der. Ich laß’ dich nicht,
eh’ du mir Mund auf Mund es zugeschworen,eh du mir Mund auf Mund es zugeschworen,
daß du es tun wirst.daß du es tun wirst.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(windet sich los)(windet sich los):
Laß mich!  Laß mich!
ElektraELEKTRA
(faßt sie wieder)(faßt sie wieder):
Schwör, du kommst  Schwör’, du kommst
heut Nacht, wenn alles still ist, an den Fußheut Nacht, wenn alles still ist, an den Fuß
der Treppe!der Treppe.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Laß mich!  Laß mich!
ElektraELEKTRA
(hält sie am Gewand)(hält sie am Gewand):
Mädchen, sträub dich nicht!  Mädchen, sträub’ dich nicht!
Es bleibt kein Tropfen Blut am Leibe haften!es bleibt kein Tropfen Blut am Leibe haften:
Schnell schlüpfst du aus dem blutigen Gewandschnell schlüpfst du aus dem blutigen Gewand
mit reinem Leib in’s hochzeitliche Hemd.mit reinem Leib ins hochzeitliche Hemd.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Laß mich!Laß mich!
ElektraELEKTRA:
(immer dringender)
Sei nicht zu feige! Was du jetzt  Sei nicht zu feige! Was du jetzt
an Schaudern überwindest, wird vergoltenan Schaudern überwindest, wird vergolten
mit Wonneschaudern Nacht für Nacht.mit Wonneschaudern Nacht für Nacht –
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Ich kann nicht!  Ich kann nicht!
ElektraELEKTRA:
Sag, daß du kommen wirst.Sag, daß du kommen wirst!
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Ich kann nicht!  Ich kann nicht!
ElektraELEKTRA:
Sieh,  Sieh,
ich lieg vor dir und küsse deine Füße.ich lieg’ vor dir, ich küsse deine Füße!
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(ins Haustor entspringend):
Ich kann nicht!Ich kann nicht!
(in’s Haustor entspringend)
ElektraELEKTRA
(ihr nach):
Sei verflucht!  Sei verflucht!
(mit wilder Entschlossenheit)(vor sich, mit wilder Entschlossenheit)
Nun denn, allein.  Nun denn allein!
(Sie fängt an der Wand des Hauses, seitwärts der Türschwelle, eifrig zu graben an, lautlos wie ein Tier.)(Sie fängt an der Wand des Hauses, seitwärts der Türschwelle, eifrig zu graben an, lautlos, wie ein Tier. Hält inne, sieht sich um, gräbt wieder.)
(Elektra hält mit Graben inne, sieht sich um, gräbt wieder.)
(Elektra sieht sich von neuem um und lauscht.)
(Elektra gräbt weiter.)
(Orest steht in der Hoftür, von der letzten Helle sich schwarz abhebend.)(Orest steht in der Hoftür, von der letzten Helle sich schwarz abhebend. Er tritt herein. Elektra blickt auf ihn. Er dreht sich langsam um, so daß sein Blick auf sie fällt. Elektra fährt heftig auf, zittert.)
(Orest tritt herein.)
(Elektra blickt auf ihn, er dreht sich langsam um, so daß sein Blick auf sie fällt: Elektra fährt heftig auf.)
ElektraELEKTRA:
(zitternd)
Was willst du, fremder Mensch? Was treibst du dichWas willst du, fremder Mensch? was treibst du dich
zur dunklen Stunde hier herum, belauerst,zur dunklen Stunde hier herum, belauerst,
was andre tun!was andre tun! Kann sein, du selber hast
im Sinne, was von andern nicht belauscht
du wünschest. Also laß auch mich in Ruh.
Ich hab’ hier ein Geschäft. Was kümmert’s dich?Ich hab’ hier ein Geschäft. Was kümmert’s dich!
Laß mich in Ruh!
Tritt ab und laß mich an der Erde wühlen.
Verstehst du, was man redet? oder läßt
die Neugier dich nicht los? Ich grab’ nichts ein,
ich grab’ was aus. Und nicht das Totenbein
von einem kleinen Kind, das ich vor Tagen
verscharrt hab’. Nein, mein Bursch, ich gab kein Leben,
so braucht’ ich auch kein Leben zu ersticken,
noch zu vergraben. Wenn der Leib der Erde
einmal aus meinen Händen was empfängt,
so ist’s woraus ich kam, nicht was aus mir kam.
Ich grab’ was aus: kaum wirst du aus dem Licht sein,
so werd’ ich’s haben und es herzen und
es küssen, so wie wenn’s mein lieber Bruder
und auch mein lieber Sohn in einem wäre.
OREST:
So hast du nichts auf Erden, was dir lieb ist,
daß du ein Etwas aus der Erde scharren
und küssen willst? bist denn du ganz allein?
ELEKTRA:
Ich bin nicht Mutter, habe keine Mutter,
bin kein Geschwister, habe kein Geschwister,
lieg’ vor der Tür und bin doch nicht der Wachhund,
ich red’ und stehe doch nicht Rede, lebe
und lebe nicht, hab’ langes Haar und fühle
doch nichts von dem, was Weiber, heißt es, fühlen:
kurz, bitte, geh und laß mich! laß mich! laß mich!
OrestOREST:
Ich muß hier warten.Ich muß hier warten.
ElektraELEKTRA:
Warten?  Warten?
(Eine Pause)
OrestOREST:
Doch du bist  Doch du bist
hier aus dem Haus? bist eine von den Mägdenhier aus dem Haus? bist eine von den Mägden
dieses Hauses?des Hauses?
ElektraELEKTRA:
Ja, ich diene hier im Haus.  Ja, ich diene hier im Haus.
Du aber hast hier nichts zu schaffen, freu dichDu aber hast hier nichts zu schaffen. Freu dich
und geh!und geh.
OrestOREST:
Ich sagte dir: ich muß hier warten,  Ich sagte dir, ich muß hier warten,
bis sie mich rufen.bis sie mich rufen werden.
ElektraELEKTRA:
Die da drinnen?  Die da drinnen?
Du lügst. Weiß ich doch gut, der Herr ist nicht zu Haus.Du lügst. Weiß ich doch gut, der Herr ist nicht zu Haus’.
Und sie, was sollte sie mit dir?Und sie, was sollte sie mit dir?
OrestOREST:
Ich und noch einer,  Ich und noch einer,
der mit mir ist, wir haben einen Auftragder mit mir ist, wir haben einen Auftrag
an die Frau.hier an die Frau.
ELEKTRA
(schweigt).
OREST:
Wir sind an sie geschickt,  Wir sind an sie geschickt,
weil wir bezeugen können, daß ihr Sohnweil wir bezeugen können, daß ihr Sohn
Orest gestorben ist vor unsren Augen,Orest gestorben ist vor unsren Augen.
denn ihn erschlugen seine eignen Pferde.Denn ihn erschlugen seine eignen Pferde.
Ich war so alt wie er und sein GefährteIch war so alt wie er, und sein Gefährte
bei Tag und Nacht.bei Tag und Nacht; der andre, der mit mir ist,
ein alter Mann, der war der Aufseher
und Pfleger, den wir hatten.
ElektraELEKTRA:
Muß ich dich  Hab’ ich dich
noch sehn? Schleppst du dich hier her,noch sehen müssen? hast du dich hierher
in meinen traurigen Winkel,in meinen traurigen Winkel schleppen müssen,
Herold des Unglücks! Kannst du nicht die BotschaftHerold des Unglücks! Kannst du deine Botschaft
austrompeten dort, wo sie sich freun!nicht austrompeten dort, wo sie sich freu’n!
Dein Aug’ da starrt mich an, und seins ist Gallert.
Dein Mund geht auf und zu, und seiner ist
mit Erde vollgepfropft.
Du lebst, und er, der besser war als du,Du lebst – und er, der besser war als du
und edler tausendmal, und tausendmal so wichtig,und edler tausendmal und tausendmal
daß er lebte, er ist hin!so wichtig, daß er lebte – er ist hin!
Dein Aug’ da starrt mich an und seins ist Gallert.
Dein Mund geht auf und zu und seiner ist
mit Erde vollgestopft. Könnt’ ich den deinen
mit Flüchen stopfen! geh mir aus den Augen.
OrestOREST:
(ruhig)
Was willst du denn? sie nehmen’s hier im Haus
mit Freude auf. Laß doch den Toten tot sein.
Laß den Orest! Er freute sich zu sehrLaß den Orest. Orest ist nun einmal
gestorben, und das alles mußte kommen,
so wie es kam. Er freute sich zu sehr
an seinem Leben. Die Götter drobenan seinem Leben, und die Götter droben
vertragen nicht den allzu hellen Lautvertragen nicht den allzuhellen Laut
der Lust. So mußte er denn sterben.der Lust, ein allzu starkes Flügelschlagen
vor Abend widert sie, sie greifen schnell
nach einem Pfeil und nageln das Geschöpf
an seines dunklen Schicksals finstern Baum,
der ihm im Stillen irgendwo schon längst
gewachsen war. So mußte er denn sterben.
ElektraELEKTRA:
Wie er vom Sterben redet, dieser Bursche!
Als hätte er’s geschmeckt und wieder aus-
Doch ich! Doch ich! Daliegen undgespie’n. Doch ich! doch ich! da liegen, und
zu wissen, daß das Kind nie wiederkommt,zu wissen, daß das Kind nie wieder kommt,
nie wiederkommt.
Daß das Kind da drunten in den Klüften
des Grausens lungert – daß die da drinnendaß die da drinnen leben und sich freuen,
leben und sich freuen,
daß dies Gezücht in seiner Höhle lebtdaß dies Gezücht in seiner Höhle lebt
und ißt und trinkt und schläft und ißt und trinkt und schläft und sich vermehrt,
indes das Kind da unten in den Klüften
des Grausens lungert, und dem Vater nicht
und ich hier droben, wie nicht das Tier des Waldessich in die Nähe wagt. Und ich hier droben
einsam und gräßlich lebt, ich hier droben allein!allein! wie nicht das Tier des Waldes einsam
und gräßlich lebt.
OrestOREST:
Wer bist denn du?  Wer bist denn du?
ElektraELEKTRA:
Was kümmert’s  Was kümmert’s
dich, wer ich bin?dich, wer ich bin. Hab’ ich gefragt, wer du bist?
OrestOREST:
Ich kann nicht anders, als zu denken: du
Du mußt verwandtes Blut zu denen sein,mußt ein verwandtes Blut zu denen sein,
die starben, Agamemnon und Orest.die starben, Agamemnon und Orest.
ElektraELEKTRA:
Verwandt? Ich bin dies Blut! Ich bin das hündischVerwandt? ich bin dies Blut! ich bin das hündisch
vergossene Blut des Königs Agamemnon!vergoss’ne Blut des Königs Agamemnon!
Elektra heiß ich.Elektra heiß’ ich.
OrestOREST:
Nein!  Nein!
ElektraELEKTRA:
Er leugnets ab.  Er leugnet’s ab.
Er bläst auf mich und nimmt mir meinen Namen.Er bläst auf mich und nimmt mir meinen Namen.
Weil ich nicht Vater und nicht Bruder hab’,
bin ich der Spott der Buben! Wer des Wegs kommt,
stößt mit dem Fuß nach mir, sie lassen mir
auch meinen Namen nicht!
Orest
Elektra!
Elektra
Weil ich nicht Vater hab,
Orest
Elektra!
Elektra
noch Bruder, bin ich der Spott der Buben!
OREST:
  Elektra muß
zehn Jahre jünger sein als du. Elektra
ist groß, ihr Aug’ ist traurig, aber sanft,
wo dein’s voll Blut und Haß. Elektra wohnt
abseits der Menschen und ihr Tag vergeht
mit Hüten eines Grabes. Zwei, drei Frauen
hat sie um sich, die lautlos dienen, Tiere
umschleichen ihre Wohnung scheu und schmiegen
sich, wenn sie geht, an ihr Gewand.
ELEKTRA
(klatscht in die Hände):
  Recht! recht!
Erzähl’ mir noch was Schönes von Elektra.
Ich werd’ ihr’s wiedersagen, wenn ich sie
(mit erstickter Stimme)
  sehe.
OrestOREST:
Elektra! Elektra!
So seh’ ich sie? Ich seh’ sie wirklich, du?So seh’ ich sie? ich seh’ sie wirklich? du?
(schnell)
So haben sie dich darben lassen, oder –So haben sie dich darben lassen oder –
sie haben dich geschlagen?sie haben dich geschlagen?
ELEKTRA:
  Wer bist du
mit deinen vielen Fragen?
OREST:
  Sag mir’s! sag mir’s!
Sag!
ElektraELEKTRA:
  Beides! beides! beides! Königinnen
gedeihen nicht, wenn man sie mit dem Wegwurf
vom Zugemüse füttert, Priesterinnen
sind nicht geschaffen, daß man nach der Peitsche
sie springen läßt und in so kurzen Lumpen
statt eines wallenden Gewandes. Laß
Laß mein Kleid! Wühl nicht mit deinem Blick daran.mein Kleid, wühl nicht mit deinem Blick daran.
OrestOREST:
Elektra!
Was haben sie gemacht mit deinen Nächten?Was haben sie gemacht mit deinen Nächten!
Furchtbar sind deine Augen,Furchtbar sind deine Augen.
Elektra
Laß mich!
Orest
hohl sind deine Wangen!
ElektraELEKTRA
(verbissen):
Geh in’s Haus,  Geh ins Haus,
drin hab ich eine Schwester, die bewahrt sichdrin hab’ ich eine Schwester, die bewahrt sich
für Freudenfeste auf!für Freudenfeste auf!
OrestOREST:
Elektra, hör mich!  Elektra, hör mich.
ElektraELEKTRA:
Ich will nicht wissen, wer du bist,Ich will nicht wissen, wer du bist, du sollst mir
ich will Niemand sehn.nicht näher kommen. Ich will niemand sehen!
(Kauert sich, das Gesicht gegen die Wand)
OrestOREST:
Hör mich an, ich hab nicht Zeit.Hör zu, ich hab’ nicht Zeit. Hör zu. Ich darf nicht
Hör zu:
(leise)
Orestes lebt!laut reden. Hör mich an: Orestes lebt.
ELEKTRA
(Elektra wirft sich herum.)(wirft sich herum).
OrestOREST:
Gib keinen Laut von dir. Wenn du dich regst,
Wenn du dich regst, verrätst du ihn.verrätst du ihn.
ElektraELEKTRA:
So ist er frei? Wo ist er?  So ist er frei? wo ist er?
Du weißt es, wo? er ist versteckt? er liegt
gefangen! irgendwo in einem Winkel
gekauert wartet er auf seinen Tod!
Ich muß ihn sterben sehn, sie haben dich
geschickt, um mich zu foltern, meine Seele
sollst du aufziehn an einem Strick, und wieder
zu Boden schmettern!
OrestOREST:
Er ist unversehrt  Er ist unversehrt
wie ich.wie ich.
ElektraELEKTRA:
So rett’ ihn doch, bevor sie ihn  So rett ihn doch! bevor sie ihn
erwürgen.erwürgen. Kannst du ihm kein Zeichen geben?
Ich küsse deine Füße, daß du ihm
ein Zeichen gibst. Bei deines Vaters Leichnam
beschwör’ ich dich, so schnell du laufen kannst,
lauf hin und bring ihn fort! das Kind muß sterben,
wenn es die Nacht in diesem Haus verbringt.
OrestOREST:
Bei meines Vaters Leichnam, dazu kam ich her!Bei meines Vaters Leichnam! dazu kam
das Kind ins Haus, damit noch diese Nacht
die sterben, welche sterben sollen –
ElektraELEKTRA
(von seinem Ton getroffen)(von seinem Ton getroffen):
Wer bist denn du?  Wer
bist du?
(Der alte finstere Diener stürzt, gefolgt von drei andern Dienern, aus dem Hof lautlos herein, wirft sich vor Orest nieder, küßt seine Füße, die andern Orests Hände und den Saum seines Gewandes.)Der alte finstre Diener stürzt aus dem Hof lautlos herein, wirft sich vor Orest nieder, küßt seine Füße, rafft sich auf, angstvoll um sich schauend, und stürzt lautlos wieder ab.
ElektraELEKTRA
(kaum ihrer mächtig)(kaum ihrer mächtig):
Wer bist du denn? Ich fürchte mich.  Wer bist du denn? Ich fürchte mich.
OrestOREST
(sanft)(sanft):
Die Hunde auf dem Hof erkennen mich,Die Hunde auf dem Hof erkennen mich,
und meine Schwester nicht?und meine Schwester nicht?
ElektraELEKTRA
(aufschreiend)(schreit auf):
Orest!  Orest!
OREST
(fieberhaft):
Wenn einer dich im Haus gehört hat, der
hat jetzt mein Leben in der Hand.
ELEKTRA
(ganz leise, bebend)(ganz leise, bebend):
Orest! Orest! Orest!  Orest!
Es rührt sich Niemand. O lass deine AugenEs rührt sich niemand. O laß deine Augen
mich sehn, Traumbild, mir geschenktesmich sehen! Nein, du sollst mich nicht berühren!
Traumbild, schöner als alle Träume.
Hehres, unbegreifliches, erhabenes Gesicht,
o bleib bei mir! Lös’ nicht
in Luft dich auf, vergeh mir nicht, vergeh mir nicht,
es sei denn, dass ich jetzt gleich
sterben muss und du dich anzeigst
und mich holen kommst: Dann sterb’ ich
seliger, als ich gelebt. Orest! Orest! Orest!
(Orest neigt sich zu Elektra, sie zu umarmen.)
(heftig)
Nein, du sollst mich nicht umarmen!
Tritt weg! Ich schäme mich vor dir. Ich weiss nicht,Tritt weg, ich schäme mich vor dir. Ich weiß nicht,
wie du mich ansiehst.wie du mich ansiehst.
Ich bin nur mehr der Leichnam deiner Schwester,Ich bin nur mehr der Leichnam deiner Schwester,
mein armes Kind. Ich weiss:mein armes Kind. Ich weiß, es schaudert dich
(leise)
Es schaudert dich
vor mir, und war doch eines Königs Tochter.vor mir. Und war doch eines Königs Tochter!
Ich glaube, ich war schön: wenn ich die LampeIch glaube, ich war schön: wenn ich die Lampe
ausblies vor meinem Spiegel, fühlt’ ich esausblies vor meinem Spiegel, fühlt ich
mit keuschem Schauer. Ich fühlt’ es,mit keuschem Schauer, wie mein nackter Leib
vor Unberührtheit durch die schwüle Nacht
wie etwas Göttliches hinleuchtete.
wie der dünne Strahl des MondesIch fühlte, wie der dünne Strahl des Monds
in meines Körpers weisser Nacktheit badetein seiner weißen Nacktheit badete
so wie in einem Weiher. Und mein Haarso wie in einem Weiher, und mein Haar
war solches Haar, vor dem die Männer zittern,war solches Haar, vor dem die Männer zittern,
dies Haar, versträhnt, beschmutzt, erniedrigt.dies Haar, versträhnt, beschmutzt, erniedrigt, dieses!
Verstehst du’s, Bruder? Ich habe Alles,Verstehst du’s, Bruder! diese süßen Schauder
was ich war, hingeben müssen. Meine Scham
hab’ ich geopfert, die Scham, die süßer
als Alles ist, die Scham, die wie der Silberdunst,
der milchige des Monds, um jedes Weib
herum ist und das Gräßliche von ihr
und ihrer Seele weghält. Verstehst du’s, Bruder?
Diese süßen Schauder hab ich dem Vater
opfern müssen. Meinst du,hab’ ich dem Vater opfern müssen. Meinst du,
wenn ich an meinem Leib mich freute, drangenwenn ich an meinem Leib mich freute, drangen
seine Seufzer, drang nicht sein Stöhnennicht seine Seufzer, drang sein Stöhnen nicht
an mein Bette?bis an mein Bette? Eifersüchtig sind
(düster)
Eifersüchtig sind
die Toten: und er schickte mir den Haß,die Toten: und er schickte mir den Haß,
den hohläugigen Haß als Bräutigam.den hohläugigen Haß als Bräutigam.
So bin ich eine Prophetin immerfort gewesen
und habe nichts hervorgebracht aus mir
und meinem Leib als Flüche und Verzweiflung.
Da mußte ich den Gräßlichen, der atmet
wie eine Viper, über mich in mein
schlafloses Bette lassen, der mich zwang,
alles zu wissen, wie es zwischen Mann
und Weib zugeht. Die Nächte, weh, die Nächte,
in denen ich’s begriff! Da war mein Leib
eiskalt und doch verkohlt, im Innersten
verbrannt. Und als ich endlich alles wußte,
da war ich weise, und die Mörder hielten –
– die Mutter mein’ ich, und den, der bei ihr ist, –
nicht einen meiner Blicke aus!
Was schaust du ängstlich um dich? Sprich zu mir!Was schaust du ängstlich um dich? sprich zu mir!
Sprich doch! Du zitterst ja am ganzen Leib?sprich doch! Du zitterst ja am ganzen Leib!
OrestOREST:
Laß zittern diesen Leib. Er ahnt,Laß zittern diesen Leib. Meinst du, er würde
welchen Weg ich ihn führe.nicht noch ganz anders zittern, könnt’ er ahnen,
was ich für einen Weg ihn führen werde?
ElektraELEKTRA:
Du wirst es tun? Allein? Du armes Kind?Du willst es tun? Allein? Du armes Kind.
Hast du dir keine Freunde mitgebracht?
OREST:
Laß, sprich nicht viel davon. Mein alter Pfleger
ist mit. Doch der es tuen wird, bin ich.
ELEKTRA:
Ich hab’ die Götter nie gesehn, allein
ich weiß, sie werden da sein, dir zu helfen.
OrestOREST:
Ich weiß nicht, wie die Götter sind. Ich weiß nur:
Die diese Tat mir auferlegt,sie haben diese Tat mir auferlegt,
die Götter, werden da sein, mir zu helfen.und sie verwerfen mich, wofern ich schaudre.
Ich will es tun,
ich will es eilig tun!
Ich werde es tun!
Ich werde es tun!
ElektraELEKTRA:
Du wirst es tun!Du wirst es tun!
OREST:
  Ja, ja. Müßt’ ich der Mutter
nur nicht vorher in ihre Augen schau’n.
ELEKTRA:
Sieh mich doch an, was sie aus mir gemacht hat.
OREST
(sieht sie traurig an).
ELEKTRA:
Du Kind! du Kind! du kommst, verstohlen bist du
gekommen, von dir selber redest du
als wie von einem Toten, und du lebst!
OREST
(leise):
Gib acht!
ELEKTRA:
  Wer bin denn ich, daß du auf mich
so liebe Blicke heftest? Sieh, ich bin
gar nichts. Ich habe alles, was ich war,
hingeben müssen. Auch die Scham, die süßer
als alles ist, die, wie der Silberdunst,
der milchige, beim Mond, um jedes Weib
herum ist und das Gräßliche von ihr
und ihrer Seele weghält! Meine Scham
hab’ ich geopfert, so wie unter Räuber
bin ich gefallen, die mir auch das letzte
Gewand vom Leibe rissen! ohne Brautnacht
bin ich nicht, wie die Jungfrau’n sind, die Qualen
von einer, die gebärt, hab’ ich gespürt
und habe nichts zur Welt gebracht, und eine
Prophetin bin ich immerfort gewesen
und habe nichts hervorgeholt aus mir
und meinem Leib wie Flüche und Verzweiflung.
Nachts hab’ ich nicht geschlafen, hab’ mein Lager
mir auf dem Turm gemacht, und hab’ geschrieen
im Hofe und gewinselt mit den Hunden.
Verhaßt bin ich geworden und hab’ alles
gesehen, alles hab’ ich sehen müssen
so wie der Wächter auf dem Turm, und Tag
ist Nacht, und Nacht ist wieder Tag geworden,
und an der Sonne nicht und an den Sternen
hab’ ich mich nicht gefreut, denn alles war mir
um seinetwillen nichts, es war mir alles
nur Merkzeichen, und jeder Tag war nur
ein Merkstein auf dem Weg!
OREST:
  O meine Schwester.
ELEKTRA:
Was willst du?
OREST:
  Schwester, ob die Mutter nicht
dir ähnlich sieht?
ELEKTRA
(wild):
  Mir ähnlich? Nein. Ich will nicht,
daß du ihr ins Gesicht siehst. Wenn sie tot ist,
dann wollen wir zusammen ihr Gesicht
ansehen. Bruder, sie warf unsrem Vater
ein weißes Hemde über, und dann schlug sie
auf das, was vor ihr stand, auf das, was hilflos,
was ohne Augen war und sein Gesicht
nicht nach ihr wenden konnte, was die Arme
nicht frei bekommen konnte – hörst du mich? –
auf das schlug sie mit hochgehobnem Beil
von oben zu.
OREST:
  Elektra!
ELEKTRA:
  Ihr Gesicht
hat sie von ihren Taten.
OREST:
  Ich will’s tun,
ich will es eilig tuen.
ELEKTRA:
Der ist selig, der tun darf!  Der ist selig,
Die Tat ist wie ein Bette,der tuen darf! Die Tat ist wie ein Bette,
auf dem die Seele ausruht,auf dem die Seele ausruht, wie ein Bett
wie ein Bett von Balsam,
drauf die Seele ruhen kann,von Balsam, drauf die Seele ruhen kann,
die eine Wunde ist, ein Brand,die eine Wunde ist, ein Brand, ein Eiter
ein Eiter, eine Flamme!und eine Flamme!
Elektra
(sehr schwungvoll)
Der ist selig, der seine Tat zu tun kommt,
selig der, der ihn ersehnt,
selig, der ihn erschaut.
Selig, wer ihn erkennt,
selig, wer ihn berührt.
Selig, wer ihm das Beil aus der Erde gräbt,
selig, wer ihm die Fackel hält,
selig, selig, wer ihm öffnet die Tür.
(Der Pfleger Orest’s steht in der Hoftür, ein starker Greis mit blitzenden Augen.)Der Pfleger Orests steht in der Hoftür, ein starker Greis mit blitzenden Augen.
ELEKTRA:
  Bruder, wer ist dieser?
Der PflegerDER PFLEGER
(hastig auf sie zu)(hastig auf sie zu):
Seid ihr von Sinnen, daß ihr euren MundSeid ihr von Sinnen, daß ihr euren Mund
nicht bändigt, wo ein Hauch, ein Laut, ein Nichtsnicht bändigt, wo ein Hauch, ein Laut, ein Nichts
uns und das Werk verderben kann.uns und das Werk verderben kann –
ELEKTRA:
  Wer ist das?
OREST:
Kennst du ihn nicht? Wenn du mich lieb hast, dank ihm.
Du dankst ihm, daß ich bin. Dies ist Elektra.
ELEKTRA:
Du! du! o nun ist alles wirklich! alles
knüpft sich zusammen! Laß mich deine Hände
dir küssen! Ich weiss von den Göttern nichts,
ich weiß nicht, wie sie sind, drum küss’ ich lieber
dir deine Hände.
DER PFLEGER! [sic]
  Still, Elektra, still!
ELEKTRA:
Nein, jubeln will ich über dich, weil du
ihn hast hierhergetrieben. Als ich haßte,
da schwieg ich reichlich. Haß ist nichts, er zehrt
und zehrt sich selber auf, und Liebe ist
noch weniger als Haß, sie greift nach allem
und kann nichts fassen, ihre Hände sind
wie Flammen, die nichts fassen, alles Denken
ist nichts, und was aus einem Mund hervorkommt,
ist ohnmächtige Luft, nur der ist selig,
der seine Tat zu tun kommt! und selig,
wer ihn anrühren darf, und wer das Beil
ihm aus der Erde gräbt, und wer die Fackel
ihm hält, und wer die Tür ihm auftut, selig,
wer an der Türe horchen darf.
DER PFLEGER
(faßt sie rauh und drückt seine Hand gegen ihren Mund):
  Schweig still!
(zu Orest, in fliegender Eile)(Zu Orest in fliegender Eile)
Sie wartet drinnen. Ihre Mägde suchen nach dir.Sie wartet drinnen. Ihre Mägde suchen
Es ist kein Mann im Haus. Orest!nach dir. Es ist kein Mann im Haus. Orest!
OREST
(Orest reckt sich auf, seinen Schauder bezwingend.)(reckt sich auf, seinen Schauder bezwingend)
(Die Tür des Hauses erhellt sich.)Die Tür des Hauses erhellt sich, und es erscheint eine Dienerin mit einer Fackel, hinter ihr die Vertraute. Elektra ist zurückgesprungen, steht im Dunkel. Die Vertraute verneigt sich gegen die beiden Fremden, winkt, ihr hinein zu folgen. Die Dienerin befestigt die Fackel an einem eisernen Ring im Türpfosten. Orest und der Pfleger gehen hinein. Orest schließt einen Augenblick, schwindelnd, die Augen, der Pfleger ist dicht hinter ihm, sie tauschen einen schnellen Blick. Die Tür schließt sich hinter ihnen.
(Es erscheint eine Dienerin mit einer Fackel, hinter ihr die Vertraute. Elektra ist zurückgesprungen, steht im Dunkel.)
(Die Dienerin befestigt die Fackel an einem eisernen Ring im Türpfosten.)
(Die Vertraute verneigt sich gegen die beiden Fremden, winkt, ihr hinein zu folgen, Orest und der Pfleger gehen hinein. Orest schließt einen Augenblick schwindelnd die Augen. Der Pfleger ist dicht hinter ihm, sie tauschen einen schnellen Blick, die Tür schließt sich hinter ihnen.)
(Elektra allein, in entsetzlicher Spannung. Sie läuft auf einem Strich vor der Tür hin und her, mit gesenktem Kopf, wie das gefangene Tier im Käfig.)
ElektraELEKTRA
(steht plötzlich still)(allein, in entsetzlicher Spannung. Sie läuft auf einem Strich vor der Tür hin und her, mit gesenktem Kopf, wie das gefangene Tier im Käfig. Plötzlich steht sie still und sagt):
Ich habe ihm das Beil nicht geben können!Ich habe ihm das Beil nicht geben können!
Sie sind gegangen und ich habe ihmSie sind gegangen und ich habe ihm
das Beil nicht geben können. Es sind keinedas Beil nicht geben können. Es sind keine
Götter im Himmel!Götter im Himmel!
(Abermals ein furchtbares Warten)(Abermals ein furchtbares Warten. Da tönt von drinnen, gellend, der Schrei der Klytämnestra.)
(Von ferne tönt drinnen, gellend, der Schrei Klytämnestra’s.)
ElektraELEKTRA
(schreit auf wie ein Dämon)(schreit auf wie ein Dämon):
Triff noch einmal!  Triff noch einmal!
(Von drinnen ein zweiter Schrei)(Von drinnen ein zweiter Schrei.)
Aus dem Wohngebäude links kommen Chrysothemis und eine Schar Dienerinnen heraus.
ELEKTRA
(Elektra steht in der Tür, mit dem Rücken an die Tür gepreßt.)(steht in der Tür, mit dem Rücken an die Tür gepreßt).
(Aus dem Wohngebäude links kommen Chrysothemis und eine Schar Dienerinnen heraus.)
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Es muß etwas geschehen sein.Es muß etwas geschehen sein.
1. MagdEINE:
Sie schreit  Sie schreit
so aus dem Schlaf.so aus dem Schlaf.
2. MagdZWEITE:
Es müssen Männer drin sein.  Es müssen Männer drin sein.
Ich habe Männer gehen hören.Ich habe Männer gehen hören.
3. MagdDRITTE:
Alle  Alle
Türen sind verriegelt.die Türen sind verriegelt.
4. MagdVIERTE:
(schreiend)
Es sind Mörder,  Es sind Mörder!
es sind Mörder im Haus!Es sind Mörder im Haus!
1. MagdERSTE
(schreit auf)(schreit auf):
Oh!  Oh!
2., 3. Magd, 6 andere DienerinnenALLE:
Was ist?  Was ist?
1. MagdERSTE:
Seht ihr denn nicht: dort in der Tür steht einer!Seht ihr denn nicht: dort an der Tür steht einer!
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Das ist Elektra! Das ist ja Elektra!Das ist Elektra! das ist ja Elektra!
1.–4. Magd
Elektra! Elektra!
1., 2. MagdZWEITE:
Warum spricht sie denn nicht?Warum spricht sie denn nicht?
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Elektra,  Elektra,
warum sprichst du denn nicht?warum sprichst du denn nicht?
4. MagdERSTE:
(allein)
Ich will hinaus,  Ich will hinaus
Männer holen!und Männer holen.
(läuft rechts hinaus)(Läuft rechts hinaus)
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Mach uns doch die Tür auf,  Mach uns doch die Tür auf,
Elektra!Elektra!
6 DienerinnenMEHRERE:
Elektra, laß uns in’s Haus!  Elektra, laß uns in das Haus!
Chrysothemis
Elektra!
4. MagdERSTE
(zurückkommend)(durch die Hoftür zurückkommend, schreit):
Zurück!  Zurück!
ALLE
(erschrecken).
4. MagdERSTE:
Aegisth! Zurück in unsre Kammern, schnell –Aegisth! Zurück in unsre Kammern! schnell!
Aegisth kommt durch den Hof. Wenn er uns findet,Aegisth kommt durch den Hof! Wenn er uns findet
und wenn im Hause was geschehen ist,und wenn im Hause was geschehen ist,
läßt er uns töten!läßt er uns töten.
1.–3. Magd, 6 Dienerinnen
Aegisth!
Chrysothemis
Zurück!
1.–4. Magd, 6 DienerinnenALLE:
Zurück! Zurück!  Schnell, zurück! zurück!
(Sie verschwinden im Hause links.)(Sie verschwinden im Hause links.)
(Aegisth tritt rechts durch die Hoftür auf.)
AegisthAEGISTH
(an der Tür stehen bleibend)(am Eingang rechts):
He, Lichter! Lichter!
Ist Niemand da, zu leuchten? Rührt sich keinerIst niemand da, zu leuchten? Rührt sich keiner
von allen diesen Schuften? Kann das Volkvon allen diesen Schuften? Kann das Volk
keine Zucht annehmen?mir keine Zucht annehmen!
ELEKTRA
(Elektra nimmt die Fackel von dem Ring, läuft hinunter, ihm entgegen, und verneigt sich vor ihm.)(nimmt die Fackel aus dem Ring, läuft hinunter, ihm entgegen, neigt sich vor ihm).
(Aegisth erschrickt vor der wirren Gestalt im zuckenden Licht, weicht zurück.)
AegisthAEGISTH
(erschrickt vor der wirren Gestalt im zuckenden Licht, weicht zurück):
Was ist das für ein unheimliches Weib?Was ist das für ein unheimliches Weib?
Ich hab verboten, daß ein unbekanntesIch hab’ verboten, daß ein unbekanntes
Gesicht mir in die Nähe kommt!Gesicht mir in die Nähe kommt!
(erkennt sie)(Erkennt sie, zornig.)
(zornig)
Was, du?  Was, du?
Wer heißt dich mir entgegentreten?Wer heißt dich, mir entgegengehen?
ElektraELEKTRA:
Darf ich  Darf ich
nicht leuchten?nicht leuchten?
AegisthAEGISTH:
Nun, dich geht die Neuigkeit  Nun, dich geht die Neuigkeit
ja doch vor allen an. Wo find ichja doch vor allen an. Wo find’ ich denn
die fremden Männer, die das von Orestdie fremden Männer, die das von Orest
uns melden?uns melden?
ElektraELEKTRA:
Drinnen. Eine liebe Wirtin  Drinnen. Eine liebe Wirtin
fanden sie vor, und sie ergetzen sichfanden sie vor, und sie ergetzen sich
mit ihr.mit ihr.
AegisthAEGISTH:
Und melden also wirklich, daß er  Und melden also wirklich, daß er
gestorben ist, und melden so, daß nichtgestorben ist, und melden so, daß nicht
zu zweifeln ist?zu zweifeln ist?
ElektraELEKTRA:
O Herr! Sie melden’s nicht  O Herr, sie melden’s nicht
mit Worten blos [sic], nein, mit leibhaftigen Zeichen,mit Worten bloss, nein, mit leibhaftigen Zeichen,
an denen auch kein Zweifel möglich ist.an denen auch kein Zweifel möglich ist.
AegisthAEGISTH:
Was hast du in der Stimme? Und was istWas hast du in der Stimme? Und was ist
in dich gefahren, daß du nach dem Mundin dich gefahren, daß du nach dem Mund
mir redest? Was taumelst du so hinmir reden willst? Was taumelst du so hin
und her mit deinem Licht?und her mit deinem Licht!
ElektraELEKTRA:
Es ist nichts anderes,  Es ist nichts andres,
als daß ich endlich klug ward und zu denenals daß ich endlich klug ward und zu denen
mich halte, die die Stärkeren sind. Erlaubst du,mich halte, die die Stärkern sind. Erlaubst du,
daß ich voran dir leuchte?daß ich voran dir leuchte?
AegisthAEGISTH:
(etwas zaudernd)
Bis zur Tür.  Bis zur Tür.
Was tanzest du? Gib Obacht!Was tanzest du? Gib Obacht.
ElektraELEKTRA
(indem sie ihn wie in einem unheimlichen Tanz umkreist, sich plötzlich tief bückend)(indem sie ihn, wie in einem unheimlichen Tanz, umkreist, sich plötzlich tief bückend):
Hier! die Stufen,  Hier! die Stufen,
daß du nicht fällst.daß du nicht fällst.
AegisthAEGISTH
(an der Haustür)(an der Haustür):
Warum ist hier kein Licht?  Warum ist hier kein Licht?
Wer sind die dort?Wer sind die dort?
ElektraELEKTRA:
Die sind’s, die in Person  Die sind’s, die in Person
dir aufzuwarten wünschen, Herr. Und ich,dir aufzuwarten wünschen, Herr. Und ich,
die so oft durch freche, unbescheidne Näh’die oft durch freche unbescheidne Näh’
dich störte, will nun endlich lernen, michdich störte, will nun endlich lernen, mich
im rechten Augenblick zurückzuziehn.im rechten Augenblick zurückzuziehen.
(Aegisth geht in’s Haus.)
(Stille)
(Lärm drinnen)
(Aegisth erscheint an einem kleinen Fenster, reißt den Vorhang weg.)
AegisthAEGISTH
(schreiend)(geht ins Haus. Eine kleine Stille. Dann Lärm drinnen. Sogleich erscheint Aegisth an einem kleinen Fenster rechts, reißt den Vorhang weg, schreit):
Helft! Mörder! Helft dem Herren! Mörder, Mörder!Helft! Mörder! helft dem Herren! Mörder, Mörder!
Sie morden mich!Sie morden mich!
(Er wird weggezerrt.)
Hört mich niemand? Hört  Hört mich denn niemand? hört
mich niemand?denn niemand?
(Er wird weggezerrt.)
(Noch einmal erscheint sein Gesicht am Fenster.)
ElektraELEKTRA
(reckt sich auf)(reckt sich auf):
Agamemnon hört dich!  Agamemnon hört dich!
(Noch einmal erscheint Aegisths Gesicht am Fenster.)
AegisthAEGISTH
(wird fortgerissen):
Weh mir!  Weh mir!
(Er wird fortgerissen.)
ELEKTRA
(Elektra steht, furchtbar atmend, gegen das Haus gekehrt.)(steht, furchtbar atmend, gegen das Haus gekehrt).
(Die Frauen kommen von links herausgelaufen, Chrysothemis unter ihnen. Wie besinnungslos laufen sie gegen die Hoftür, dort machen sie plötzlich Halt, wenden sich.)Die Frauen kommen wild herausgelaufen, Chrysothemis unter ihnen. Wie besinnungslos laufen sie gegen die Hoftür. Dort machen sie plötzlich Halt, wenden sich.
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS:
Elektra, Schwester! Komm mit uns! O kommElektra! Schwester! komm mit uns! so komm
mit uns! Es ist der Bruder drin im Haus!mit uns! es ist der Bruder drin im Haus!
Es ist Orest, der es getan hat!es ist Orest, der es getan hat!
(Getümmel im Hause, Stimmengewirr, aus dem sich ab und zu die Rufe des Chors: »Orest« bestimmter abheben)(Stimmengewirr, Getümmel draußen.)
Frauen, Männer
(Stimmen hinter der Scene)
(im Hause)
Orest! Orest! Orest! Orest! Orest!
Chrysothemis
Komm!  Komm!
Er steht im Vorsaal, alle sind um ihn,Er steht im Vorsaal, alle sind um ihn,
und küssen seine Füße,sie küssen seine Füße, alle, die
Frauen, Männer
(Chor hinter der Scene)
Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest!
(Das Kampfgetöse, der tötliche Kampf zwischen den zu Orest haltenden Sklaven und den Angehörigen des Aegisth, hat sich allmählich in die inneren Höfe gezogen, mit denen die Hoftür rechts communiziert.)
Chrysothemis
alle, die
Aegisth von Herzen haßten, haben sichAegisth im Herzen haßten, haben sich
geworfen auf die andern, überall,geworfen auf die andern, überall
in allen Höfen liegen Tote, alle,in allen Höfen liegen Tote, alle,
die leben, sind mit Blut bespritzt und habendie leben, sind mit Blut bespritzt und haben
selbst Wunden, und doch strahlen alle, alleselbst Wunden, und doch strahlen alle, alle
umarmen sich und jauchzen. Tausend Fackelnumarmen sich 
Frauen, Männer
(Chor hinter der Scene)
Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest!
(Draußen wachsender Lärm, der sich jedoch, wenn Elektra beginnt, mehr und mehr nach den äußeren Höfen rechts und im Hintergrunde verzogen hat. Die Frauen sind hinausgelaufen. Chrysothemis allein, von draußen fällt Licht herein.)(Draußen wachsender Lärm, die Frauen sind hinausgelaufen, Chrysothemis allein, von draußen fällt Licht herein.)
Chrysothemis
  und jauchzen, tausend Fackeln
sind angezündet. Hörst du nicht? So hörstsind angezündet. Hörst du nicht, so hörst du
du denn nicht?denn nicht?
Frauen, Männer
(Chor hinter der Scene)
(schon entfernter)
Orest!
ElektraELEKTRA
(auf der Schwelle kauernd)(auf der Schwelle kauernd):
Ob ich nicht höre? Ob ich die  Ob ich nicht höre? ob ich die
Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir.Musik nicht höre? sie kommt doch aus mir
Die Tausende, die Fackeln tragen,heraus. Die Tausende, die Fackeln tragen
und deren Tritte, deren uferloseund deren Tritte, deren uferlose
Myriaden Tritte überall die ErdeMyriaden Tritte überall die Erde
dumpf dröhnen machen, alle wartendumpf dröhnen machen, alle warten sie
auf mich: ich weiß doch, daß sie alle warten,auf mich: ich weiß doch, daß sie alle warten,
weil ich den Reigen führen muß – und ichweil ich den Reigen führen muß, und ich
kann nicht, der Ozean, der ungeheure,kann nicht, der Ozean, der ungeheure,
der zwanzigfache Ozean begräbtder zwanzigfache Ozean begräbt
mir jedes Glied mit seiner Wucht, ich kann michmir jedes Glied mit seiner Wucht, ich kann mich
nicht heben.nicht heben!
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(fast schreiend vor Erregung)(fast schreiend vor Erregung):
Hörst du denn nicht? Sie tragen ihn,  Hörst du nicht, sie tragen ihn,
sie tragen ihn auf ihren Händen!sie tragen ihn auf ihren Händen, allen
sind die Gesichter ganz verwandelt, allen
schimmern die Augen und die alten Wangen
von Tränen! Alle weinen, hörst du’s nicht?
Ah!
Elektra
(springt auf)
(vor sich hin, ohne auf Chrysothemis zu achten)
Wir
sind bei den Göttern, wir Vollbringenden.
(begeistert)
Sie fahren dahin wie die Schärfe des Schwerts
durch uns, die Götter, aber ihre
Herrlichkeit ist nicht zu viel für uns!
Chrysothemis
Allen sind die Gesichter verwandelt. Allen
schimmern die Augen und die alten Wangen
vor Tränen. Alle weinen. Hörst du’s nicht?
Elektra
Ich habe Finsternis gesät und ernte
Lust über Lust.
Ich war ein schwarzer Leichnam
unter Lebenden, und diese Stunde
bin ich das Feuer des Lebens, und meine Flamme
verbrennt die Finsternis der Welt.
Mein Gesicht muß weißer sein
als das weißglüh’nde Gesicht des Monds.
Wenn einer auf mich sieht,
muß er den Tod empfangen oder muß
vergehn vor Lust.
Seht ihr denn mein Gesicht?
Seht ihr das Licht, das von mir ausgeht?
Chrysothemis
Gut sind die Götter, gut!
Es fängt ein Leben für dich und mich und alle Menschen an.
Die überschwänglich guten Götter sind’s, die das gegeben haben.
Wer hat uns je geliebt?
Wer hat uns je geliebt?
Chrysothemis
Nun ist der Bruder da und Liebe
fließt über uns wie Oel und Mÿrrhen. Liebe
ist alles, wer kann leben ohne Liebe?
Elektra
Ai! (feurig) Liebe tötet, aber keiner fährt dahin
und hat die Liebe nicht gekannt!
Chrysothemis
Elektra,
ich muß bei meinem Bruder stehn!
(Sie läuft hinaus.)(Sie läuft hinaus).
(Elektra schreitet von der Schwelle herunter. Sie hat den Kopf zurückgeworfen wie eine Mänade. Sie wirft die Kniee, sie reckt die Arme aus: es ist ein namenloser Tanz, in welchem sie nach vorwärts schreitet.)Elektra hat sich erhoben. Sie schreitet von der Schwelle herunter. Sie hat den Kopf zurückgeworfen wie eine Mänade. Sie wirft die Kniee, sie reckt die Arme aus, es ist ein namenloser Tanz, in welchem sie nach vorwärts schreitet.
(Chrysothemis erscheint wieder an der Tür, hinter ihr Fackeln, Gedräng, Gesichter von Männern und Frauen.)
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(erscheint wieder an der Tür, hinter ihr Fackeln, Gedräng, Gesichter von Männern und Frauen):
Elektra!Elektra!
(Elektra bleibt stehen, sieht starr auf sie hin.)
ElektraELEKTRA
(bleibt stehen, sieht starr auf sie hin):
Schweig und tanze! Alle müssen  Schweig, und tanze. Alle müssen
herbei! Hier schließt euch an! Ich trage die Lastherbei! hier schließt euch an! Ich trag’ die Last
des Glückes, und ich tanze vor euch her.des Glückes, und ich tanze vor euch her.
Wer glücklich ist, wie wir, dem ziemt nur eins:Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins:
schweigen und tanzen …schweigen und tanzen!
(Sie tut noch einige Schritte des angespanntesten Triumphes – Elektra stürzt zusammen. Chrysothemis zu ihr. Elektra liegt starr. Chrysothemis läuft an die Tür des Hauses, schlägt daran.)(Sie tut noch einige Schritte des angespanntesten Triumphes und stürzt zusammen.)
ChrysothemisCHRYSOTHEMIS
(zu ihr. Elektra liegt starr. Chrysothemis läuft an die Tür des Hauses, schlägt daran):
Orest! Orest!  Orest! Orest!
(Stille)(Stille. Vorhang).
(Vorhang)
Edierter GesangstextTextbuch
(Der innere Hof, begrenzt von der Rückseite des Palastes und niedrigen Gebäuden, in denen die Diener wohnen. Dienerinnen am Ziehbrunnen, links vorn. Aufseherinnen unter ihnen.)Der innere Hof, begrenzt von der Rückseite des Palastes und niedrigen Gebäuden, in denen die Diener wohnen. Dienerinnen am Ziehbrunnen, links vorne. Aufseherinnen unter ihnen.
(Vorhang auf)
1. MagdErste Magd
(ihr Wassergefäß aufhebend)(ihr Wassergefäß aufhebend):
Wo bleibt Elektra? Wo bleibt Elektra?
2. MagdZweite Magd:
Ist doch ihre Stunde, Ist doch ihre Stunde,
die Stunde, wo sie um den Vater heult,die Stunde, wo sie um den Vater heult,
daß alle Wände schallen.daß alle Wände schallen.
(Elektra kommt aus der [sic] schon dunkelnden Hausflur gelaufen. Alle drehen sich nach ihr um.)Elektra kommt aus der [sic] schon dunkelnden Hausflur gelaufen. Alle drehen sich nach ihr um. Elektra springt zurück wie ein Tier in seinen Schlupfwinkel, den einen Arm vor dem Gesicht.
(Elektra springt zurück wie ein Tier in seinen Schlupfwinkel, den einen Arm vor dem Gesicht.)
1. MagdErste Magd:
Habt ihr gesehn, wie sie uns ansah? Habt ihr gesehn, wie sie uns ansah?
2. MagdZweite Magd:
Giftig, Giftig,
wie eine wilde Katze.wie eine wilde Katze.
3. MagdDritte Magd:
Neulich lag sie da Neulich lag sie da
und stöhnte und stöhnte 
1. MagdErste Magd:
Immer, wenn die Sonne tief steht, Immer, wenn die Sonne tief steht,
liegt sie und stöhnt.liegt sie und stöhnt.
3. MagdDritte Magd:
Da gingen wir zu zweit Da gingen wir zuzweit
und kamen ihr zu nah –und kamen ihr zu nah –
1. MagdErste Magd:
sie hält’s nicht aus, sie hält’s nicht aus,
wenn man sie ansieht.wenn man sie ansieht.
3. MagdDritte Magd:
Ja, wir kamen ihr Ja, wir kamen ihr
zu nah: da pfauchte sie wie eine Katzezu nah. Da pfauchte sie wie eine Katze
uns an. »Fort, Fliegen!« schrie sie, »fort!«uns an. »Fort, Fliegen!« schrie sie, »fort!«
4. MagdVierte Magd:
»Schmeißfliegen, fort!« »Schmeißfliegen, fort!«
3. MagdDritte Magd:
»Sitzt nicht auf meinen Wunden!« »Sitzt nicht auf meinen Wunden!«
und schlug nach uns mit einem Strohwisch.und schlug nach uns mit einem Strohwisch.
4. MagdVierte Magd:
»Schmeißfliegen, fort!« »Schmeißfliegen, fort!«
3. MagdDritte Magd:
»Ihr sollt das Süße nicht »Ihr sollt das Süße nicht
abweiden von der Qual. Ihr sollt nicht schmatzenabweiden von der Qual. Ihr sollt nicht schmatzen
nach meiner Krämpfe Schaum.«nach meiner Krämpfe Schaum.«
4. MagdVierte Magd:
»Geht ab, verkriecht euch«, »Geht ab, verkriecht euch«,
schrie sie uns nach. »Eßt Fettes, und eßt Süßes,schrie sie uns nach. »Eßt Fettes und eßt Süßes
und geht zu Bett mit euren Männern«, schrie sie,und geht zu Bett mit euren Männern«, schrie sie,
und die –und die –
3. MagdDritte Magd:
Ich war nicht faul – ich war nicht faul –
4. MagdVierte Magd:
die gab ihr Antwort! die gab ihr Antwort!
3. MagdDritte Magd:
»Ja, wenn du hungrig bist«, gab ich zur Antwort, »Ja, Wenn du hungrig bist«, gab ich zur Antwort,
»so ißt du auch!« Da sprang sie auf und schoß»so ißt du auch«, da sprang sie auf und schoß
gräßliche Blicke, reckte ihre Fingergräßliche Blicke, reckte ihre Finger
wie Krallen gegen uns und schrie: »Ich füttrewie Krallen gegen uns und schrie: »Ich füttre
mir einen Geier auf im Leib!«mir einen Geier auf im Leib.«
2. MagdZweite Magd:
Und du? Und du?
3. MagdDritte Magd:
»Drum hockst du immerfort gab ich »Drum hockst du immerfort«, gab ich
zurück, »wo Aasgeruch dich hält, und scharrstzurück, »wo Aasgeruch dich hält, und scharrst
nach einer alten Leiche.«nach einer alten Leiche!«
2. MagdZweite Magd:
Und was sagte Und was sagte
sie da?sie da?
3. MagdDritte Magd:
Sie heulte nur und warf sich Sie heulte nur und warf sich
in ihren Winkel.in ihren Winkel.
1. MagdErste Magd:
Daß die Königin Daß die Königin
solch einen Dämon frei in Haus und Hofsolch einen Dämon frei in Haus und Hof
sein Wesen treiben läßt.sein Wesen treiben läßt.
2. MagdZweite Magd:
Das eigne Kind! Das eigne Kind!
1. MagdErste Magd:
Wär’ sie mein Kind, ich hielte, ich – bei Gott! – Wär’ sie mein Kind, ich hielte, ich – bei Gott! –
sie unter Schloß und Riegel!sie unter Schloß und Riegel.
4. MagdVierte Magd:
Sind sie dir Sind sie dir
nicht hart genug mit ihr? Setzt man ihr nichtnicht hart genug mit ihr? Setzt man ihr nicht
den Napf mit Essen zu den Hunden?den Napf mit Essen zu den Hunden?
(Seufzend)
Hast du Hast du
den Herrn nie sie schlagen sehn?den Herrn nie sie schlagen sehn?
5. MagdFünfte Magd
(ganz jung)(ganz jung, mit zitternder, erregter Stimme):
(mit zitternder, erregter Stimme)
Ich will Ich will
vor ihr mich niederwerfen und die Füßevor ihr mich niederwerfen und die Füße
ihr küssen. Ist sie nicht ein Königskindihr küssen. Ist sie nicht ein Königskind
und duldet solche Schmach? Ich will die Füßeund duldet solche Schmach? Ich will die Füße
ihr salben und mit meinem Haar sie trocknen.ihr salben und mit meinem Haar sie trocknen.
AufseherinAufseherin
(stößt sie)(stößt sie):
Hinein mit dir! Hinein mit dir!
5. MagdFünfte Magd:
Es gibt nichts auf der Welt, Es gibt nichts auf der Welt,
das königlicher ist als sie. Sie liegtdas königlicher ist als sie. Sie liegt
in Lumpen auf der Schwelle, aber Niemand,in Lumpen auf der Schwelle, aber niemand
Niemand ist hier im Haus, der ihren Blickniemand ist hier im Haus, der ihren Blick
aushält.aushält!
AufseherinAufseherin
(stößt sie in die offene niedere Tür links vorn)(stößt sie in die offene niedere Türe links vorne):
Hinein! Hinein!
5. MagdFünfte Magd
(in die Tür geklemmt)(in die Tür geklemmt):
Ihr alle seid nicht wert, Ihr alle seid nicht wert,
die Luft zu atmen, die sie atmet! Odie Luft zu atmen, die sie atmet! O,
könnt ich euch alle, euch erhängt am Halsekönnt’ ich euch alle, euch, erhängt am Halse,
in einer Scheuer Dunkel hängen sehnin einer Scheuer Dunkel hängen sehn
um dessen willen, was ihr an Elektraum dessenwillen, was ihr an Elektra
getan.getan!
AufseherinAufseherin
(schlägt die Tür zu)(schlägt die Türe zu):
Hört ihr das? Wir, an Elektra,Hört ihr das? wir, an Elektra,
die ihren Napf von unserm Tische stieß,die ihren Napf von unserm Tische stieß,
als man mit uns sie essen hieß, die ausspieals man mit uns sie essen hieß, die ausspie
vor uns und Hündinnen uns nannte.vor uns und Hündinnen uns nannte.
1. MagdErste Magd:
Was? Was?
sie sagte: keinen Hund kann man erniedern,Sie sagte: keinen Hund kann man erniedern,
wozu man uns hat abgerichtet: daß wirwozu man uns hat abgerichtet: daß wir
mit Wasser und mit immer frischem Wassermit Wasser und mit immer frischem Wasser
das ewige Blut des Mordes von der Dieledas ewige Blut des Mordes von der Diele
abspülen –abspülen –
3. MagdDritte Magd:
»und die Schmach«, so sagte sie, »Und die Schmach so sagte sie,
»die Schmach, die sich bei Tag und Nacht erneut,»die Schmach, die sich bei Tag und Nacht erneut,
in Winkel fegen.«in Winkel fegen …«
1. MagdErste Magd:
»Unser Leib«, so schreit sie, »Unser Leib so schreit sie,
»starrt von dem Unrat, dem wir dienstbar sind.«»starrt von dem Unrat, dem wir dienstbar sind!«
(Die Mägde tragen die Gefäße ins Haus links.)(Die Mägde tragen die Gefäße ins Haus links.)
AufseherinAufseherin
(die ihnen die Tür aufgemacht hat)(die ihnen die Tür aufgemacht hat):
Und wenn sie uns mit unsern Kindern sieht,Und wenn sie uns mit unsern Kindern sieht,
so schreit sie: »Nichts kann so verflucht sein, nichts,so schreit sie: »Nichts kann so verflucht sein, nichts,
als Kinder, die wir hündisch auf der Treppeals Kinder, die wir hündisch auf der Treppe
im Blute glitschend hier in diesem Hauseim Blute glitschernd, hier in diesem Hause
empfangen und geboren haben Sagt sieempfangen und geboren haben«. Sagt sie
das oder nicht?das oder nicht?
1.–4. MagdErste, zweite, dritte, vierte Magd
(im Abgehen)(im Abgehen):
Ja, ja! Ja! ja!
AufseherinAufseherin:
Sagt sie das oder nicht? Sagt sie das oder nicht?
(Die Aufseherin geht hinein, die Tür fällt zu.)(Die Aufseherin geht hinein. Die Tür fällt zu.)
1.–4. MagdErste, zweite, dritte, vierte Magd
(alle schon drinnen)(alle schon drinnen):
Ja, ja. Ja! ja!
5. MagdFünfte Magd
(innen)(innen):
Sie schlagen mich. Sie schlagen mich!
(Elektra tritt aus dem Hause.)(Elektra tritt aus dem Hause.)
ElektraElektra:
Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort,Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort,
hinabgescheucht in seine kalten Klüfte …hinabgescheucht in seine kalten Klüfte …
(gegen den Boden)(Gegen den Boden)
Agamemnon! Agamemnon!Agamemnon! Agamemnon!
Wo bist du, Vater? Hast du nicht die Kraft,Wo bist du, Vater? hast du nicht die Kraft,
dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen?dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen?
(leise)(Leise)
Es ist die Stunde, unsre Stunde ist’s,Es ist die Stunde, unsre Stunde ist’s,
die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben,die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben,
dein Weib und der mit ihr in einem Bette,dein Weib und der mit ihr in einem Bette,
in deinem königlichen Bette schläft.in deinem königlichen Bette schläft.
Sie schlugen dich im Bade tot, dein BlutSie schlugen dich im Bade tot, dein Blut
rann über deine Augen, und das Badrann über deine Augen, und das Bad
dampfte von deinem Blut. Da nahm er dich,dampfte von deinem Blut. Da nahm er dich,
der Feige, bei den Schultern, zerrte dichder Feige, bei den Schultern, zerrte dich
hinaus aus dem Gemach, den Kopf voraus,hinaus aus dem Gemach, den Kopf voraus,
die Beine schleifend hinterher: Dein Auge,die Beine schleifend hinterher: dein Auge,
das starre, offne, sah herein ins Haus.das starre, offne, sah herein ins Haus.
So kommst du wieder, setzest Fuß vor FußSo kommst du wieder, setzest Fuß vor Fuß
und stehst auf einmal da, die beiden Augenund stehst auf einmal da, die beiden Augen
weit offen, und ein königlicher Reifweit offen, und ein königlicher Reif
von Purpur ist um deine Stirn, der speist sichvon Purpur ist um deine Stirn, der speist sich
aus des Hauptes offner Wunde.aus des Hauptes offner Wunde.
Agamemnon! Vater!Agamemnon! Vater!
Ich will dich sehn, laß mich heute nicht allein!Ich will dich sehn, laß mich heute nicht allein!
Nur so wie gestern, wie ein Schatten, dortNur so wie gestern, wie ein Schatten dort
im Mauerwinkel zeig dich deinem Kind!im Mauerwinkel zeig dich deinem Kind!
Vater! Agamemnon, dein Tag wird kommen. Von den SternenVater! Agamemnon! dein Tag wird kommen! Von den Sternen
stürzt alle Zeit herab, so wird das Blutstürzt alle Zeit herab, so wird das Blut
aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab!aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab!
So wie aus umgeworfnen Krügen wird’sSo wie aus umgeworfnen Krügen wird’s
aus den gebundnen Mördern fließen,aus den gebundnen Mördern fließen,
und in einem Schwall, in einemund in einem Schwall, in einem
geschwollnen Bach wird ihres Lebens Lebengeschwollnen Bach wird ihres Lebens Leben
aus ihnen stürzen aus ihnen stürzen
(mit feierlichem Pathos)(mit feierlichem Pathos)
und wir schlachten dir und wir schlachten dir
die Rosse, die im Hause sind, wir treibendie Rosse, die im Hause sind, wir treiben
sie vor dem Grab zusammen, und sie ahnensie vor dem Grab zusammen, und sie ahnen
den Tod und wiehern in die Todesluftden Tod und wiehern in die Todesluft
und sterben. Und wir schlachten dir die Hunde,und sterben. Und wir schlachten dir die Hunde,
die dir die Füße leckten,die dir die Füße leckten,
die mit dir gejagt, denen dudie mit dir gejagt, denen du
die Bissen hinwarfst, darum muß ihr Blutdie Bissen hinwarfst, darum muß ihr Blut
hinab, um dir zu Dienst zu sein, und wir, wir,hinab, um dir zu Dienst zu sein, und wir, wir,
dein Blut, dein Sohn Orest und deine Töchter,dein Blut, dein Sohn Orest und deine Töchter,
wir drei, wenn Alles dies vollbracht undwir drei, wenn alles dies vollbracht und
Purpurgezelte aufgerichtet sind vom DunstPurpurgezelte aufgerichtet sind, vom Dunst
des Blutes, den die Sonne nach sich zieht,des Blutes, den die Sonne nach sich zieht,
dann tanzen wir, dein Blut, rings um dein Grab:dann tanzen wir, dein Blut, rings um dein Grab:
(in begeistertem Pathos)(in begeistertem Pathos)
und über Leichen hin werd ich das Knieund über Leichen hin werd’ ich das Knie
hochheben Schritt für Schritt, und die mich werdenhochheben Schritt für Schritt, und die mich werden
so tanzen sehn, ja, die meinen Schattenso tanzen sehn, ja, die meinen Schatten
von weitem nur so werden tanzen sehn,von weitem nur so werden tanzen sehn,
die werden sagen: einem großen Königdie werden sagen: einem großen König
wird hier ein großes Prunkfest angestelltwird hier ein großes Prunkfest angestellt
von seinem Fleisch und Blut, und glücklich ist,von seinem Fleisch und Blut, und glücklich ist,
wer Kinder hat, die um sein hohes Grabwer Kinder hat, die um sein hohes Grab
so königliche Siegestänze tanzen.so königliche Siegestänze tanzen!
Agamemnon! Agamemnon!Agamemnon! Agamemnon!
(Chrysothemis, die jüngere Schwester, steht in der Haustür.)
ChrysothemisChrysothemis
(leise)(die jüngere Schwester, steht in der Haustüre. Leise):
Elektra! Elektra!
(Elektra fährt zusammen und starrt zuerst, wie aus einem Traum erwachend, auf Chrysothemis.)(Elektra fährt zusammen und starrt zuerst, wie aus einem Traum erwachend, auf Chrysothemis.)
ElektraElektra:
Ah, das Gesicht!Ah, das Gesicht!
ChrysothemisChrysothemis
(steht an die Tür gedrückt)(steht an die Tür gedrückt, ruhig, weich):
(weich)
Ist mein Gesicht dir so verhaßt? Ist mein Gesicht dir so verhaßt?
ElektraElektra
(heftig)(heftig):
Was willst du? Rede, sprich, ergieße dich,Was willst du? Rede, sprich, ergieße dich,
dann geh und laß mich!dann geh und laß mich!
Chrysothemis
(Chrysothemis hebt, wie abwehrend, die Hände.)(hebt wie abwehrend die Hände).
ElektraElektra:
Was hebst du die Hände? Was hebst du die Hände?
So hob der Vater seine beiden Hände,So hob der Vater seine beiden Hände,
da fuhr das Beil hinab und spalteteda fuhr das Beil hinab und spaltete
sein Fleisch. Was willst du? Tochter meinersein Fleisch. Was willst du? Tochter meiner
Mutter, Tochter Klytämnestras?Mutter, Tochter Klytämnestras?
ChrysothemisChrysothemis
(leise)(leise):
Sie haben etwas Fürchterliches vor.Sie haben etwas Fürchterliches vor.
ElektraElektra:
Die beiden Weiber?Die beiden Weiber?
ChrysothemisChrysothemis:
Wer? Wer?
ElektraElektra:
Nun, meine Mutter Nun, meine Mutter
und jenes andre Weib, die Memme, ei,und jenes andre Weib, die Memme, ei,
Aegisth, der tapfre Meuchelmörder, er,Aegisth, der tapfre Meuchelmörder, er,
der Heldentaten nur im Bett vollführt.der Heldentaten nur im Bett vollführt.
Was haben sie denn vor?Was haben sie denn vor?
ChrysothemisChrysothemis:
Sie werfen dich Sie werfen dich
in einen Turm, wo du von Sonn und Mondin einen Turm, wo du von Sonn’ und Mond
das Licht nicht sehen wirst.das Licht nicht sehen wirst.
Elektra
(Elektra lacht.)(lacht).
ChrysothemisChrysothemis:
Sie tun’s, ich weiß es, Sie tun’s, ich weiß es,
ich hab’s gehört.ich hab’s gehört.
ElektraElektra:
Wie hast denn du Wie hast denn du
es hören können?es hören können?
ChrysothemisChrysothemis
(leise)(leise):
An der Tür, Elektra. An der Tür, Elektra.
ElektraElektra
(ausbrechend)(ausbrechend):
Mach keine Türen auf in diesem Haus!Mach keine Türen auf in diesem Haus!
Gepreßter Atem, pfui! und Röcheln von Erwürgten,Gepreßter Atem, pfui! und Röcheln von Erwürgten,
nichts andres gibt’s in diesen Mauern,nichts andres gibt’s in diesen Mauern!
mach keine Türen auf! Schleich nicht herum,Mach keine Türen auf! Schleich nicht herum,
sitz an der Tür wie ich und wünsch den Todsitz an der Tür wie ich und wünsch den Tod
und das Gericht herbei auf sie und ihn.und das Gericht herbei auf sie und ihn.
ChrysothemisChrysothemis:
Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren, Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren
wie du. Ich hab’s wie Feuer in der Brust,wie du. Ich hab’s wie Feuer in der Brust,
es treibt mich immerfort herum im Haus;es treibt mich immerfort herum im Haus,
in keiner Kammer leidet’s mich, ich mußin keiner Kammer leidet’s mich, ich muß
von einer Schwelle auf die andre, ach!von einer Schwelle auf die andre, ach!
treppauf, treppab, mir ist, als rief es mich,treppauf, treppab, mir ist, als rief’ es mich,
und komm ich hin, so stiert ein leeres Zimmerund komm’ ich hin, so stiert ein leeres Zimmer
mich an. Ich habe solche Angst, mir zitternmich an. Ich habe solche Angst, mir zittern
die Knie bei Tag und Nacht, mir ist die Kehledie Knie bei Tag und Nacht, mir ist die Kehle
wie zugeschnürt, ich kann nicht einmal weinen,wie zugeschnürt, ich kann nicht einmal weinen,
wie Stein ist alles! Schwester, hab Erbarmen!wie Stein ist alles! Schwester, hab Erbarmen!
ElektraElektra:
Mit wem?Mit wem?
ChrysothemisChrysothemis:
Du bist es, die mit Eisenklammern Du bist es, die mit Eisenklammern
mich an den Boden schmiedet. Wärst nicht du,mich an den Boden schmiedet. Wärst nicht du,
sie ließen uns hinaus. Wär nicht dein Haß,sie ließen uns hinaus. Wär’ nicht dein Haß,
dein schlafloses, unbändiges Gemüt,dein schlafloses unbändiges Gemüt,
vor dem sie zittern, ah, so ließen sievor dem sie zittern, ah, so ließen sie
uns ja heraus aus diesem Kerker, Schwester!uns ja heraus aus diesem Kerker, Schwester!
(Leidenschaftlich.)
Ich will heraus! Ich will nicht jede NachtIch will heraus! Ich will nicht jede Nacht
bis an den Tod hier schlafen! Eh’ ich sterbe,bis an den Tod hier schlafen! Eh’ ich sterbe,
will ich auch leben!will ich auch leben!
(Äußerst lebhaft und feurig.)
Kinder will ich haben, Kinder will ich haben,
bevor mein Leib verwelkt, und wär’s ein Bauer,bevor mein Leib verwelkt, und wär’s ein Bauer,
dem sie mich geben, Kinder will ich ihmdem sie mich geben, Kinder will ich ihm
gebären und mit meinem Leib sie wärmengebären und mit meinem Leib sie wärmen
in kalten Nächten, wenn der Sturm die Hüttein kalten Nächten, wenn der Sturm die Hütte
zusammenschüttelt!zusammenschüttelt!
Hörst du mich an? Sprich zu mir, Schwester!Hörst du mich an? Sprich zu mir, Schwester!
ElektraElektra:
Armes Geschöpf! Armes Geschöpf!
ChrysothemisChrysothemis
(stets äußerst erregt)(stets äußerst erregt):
Hab Mitleid mit dir selber und mit mir! Hab Mitleid mit dir selber und mit mir!
Wem frommt denn solche Qual?Wem frommt denn solche Qual?
Der Vater, der ist tot. Der Bruder kommt nicht heim.Der Vater, der ist tot. Der Bruder kommt nicht heim.
Immer sitzen wir auf der StangeImmer sitzen wir auf der Stange
wie angehängte Vögel, wenden linkswie angehängte Vögel, wenden links
und rechts den Kopf  und niemand kommt – kein Bruder –und rechts den Kopf und niemand kommt, kein Bruder,
kein Bote von dem Bruder, nicht der Botekein Bote von dem Bruder, nicht der Bote
von einem Boten – nichts.  Mit Messernvon einem Boten, nichts! Mit Messern
gräbt Tag um Tag in dein und mein Gesichtgräbt Tag um Tag in dein und mein Gesicht
sein Mal, und draußen geht die Sonne aufsein Mal und draußen geht die Sonne auf
und ab, und Frauen, die ich schlank gekannt hab’,und ab, und Frauen, die ich schlank gekannt hab’,
sind schwer von Segen, müh’n sich zum Brunnen,sind schwer von Segen, mühn sich zum Brunnen,
heben kaum die Eimer, und auf einmalheben kaum die Eimer, und auf einmal
sind sie entbunden ihrer Last, kommensind sie entbunden ihrer Last, kommen
zum Brunnen wieder und aus ihnen selberzum Brunnen wieder und aus ihnen selber
quillt süßer Trank, und säugend hängt ein Lebenquillt süßer Trank und säugend hängt ein Leben
an ihnen, und die Kinder werden groß.an ihnen, und die Kinder werden groß –
Nein, ich binNein, ich bin
ein Weib und will ein Weiberschicksal!ein Weib und will ein Weiberschicksal.
Viel lieber tot, als leben und nicht leben.Viel lieber tot, als leben und nicht leben.
(Sie bricht in heftiges Weinen aus.)(Sie bricht in heftiges Weinen aus.)
ElektraElektra:
Was heulst du? Fort, hinein! Dort ist dein Platz! Was heulst du? Fort! Hinein! Dort ist dein Platz!
Es geht ein Lärm los.Es geht ein Lärm los.
(höhnisch)(Höhnisch.)
Stellen sie vielleicht Stellen sie vielleicht
für dich die Hochzeit an? Ich hör sie laufen.für dich die Hochzeit an? ich hör’ sie laufen.
Das ganze Haus ist auf. Sie kreißen, oderDas ganze Haus ist auf. Sie kreißen oder
sie morden! Wenn es an Leichen mangelt,sie morden. Wenn es an Leichen mangelt,
drauf zu schlafen, müssen sie doch morden!drauf zu schlafen, müssen sie doch morden!
ChrysothemisChrysothemis:
Geh fort, verkriech dich! daß sie dich nicht sieht. Geh fort, verkriech dich! daß sie dich nicht sieht.
Stell dich ihr heut nicht in den Weg: sie schicktStell’ dich ihr heut’ nicht in den Weg: sie schickt
Tod aus jedem Blick. Sie hat geträumt.Tod aus jedem Blick. Sie hat geträumt.
(Der Lärm von vielen Kommenden drinnen, allmählich näher)(Der Lärm von vielen Kommenden drinnen, allmählich näher.)
Geh fort von hier. Sie kommen durch die Gänge.Geh fort von hier. Sie kommen durch die Gänge.
Sie kommen hier vorbei. Sie hat geträumt. Sie hat geträumt,Sie kommen hier vorbei. Sie hat geträumt: Sie hat geträumt:
ich weiß nicht, was, ich hab esich weiß nicht was, ich hab’ es
von den Mägden gehört:von den Mägden gehört;
sie sagen, daß sie von Orest, von Orest geträumt hat,sie sagen, daß sie von Orest geträumt hat,
daß sie geschrien hat aus ihrem Schlaf,daß sie geschrien hat aus ihrem Schlaf,
wie einer schreit, den man erwürgt.wie einer schreit, den man erwürgt.
(Fackeln und Gestalten erfüllen den Gang links von der Tür.)(Fackeln und Gestalten erfüllen den Gang links von der Tür.)
Sie kommen schon, sie treibt die Mägde alleSie kommen schon. Sie treibt die Mägde alle
mit Fackeln vor sich her. Sie schleppen Tieremit Fackeln vor sich her, sie schleppen Tiere
und Opfermesser. Schwester, wenn sie zittert,und Opfermesser. Schwester, wenn sie zittert,
ist sie am schrecklichsten.ist sie am schrecklichsten,
(dringend)(dringend)
Geh ihr nur heut,geh’ ihr nur heut’,
nur diese Stunde geh aus ihrem Weg!nur diese Stunde geh’ aus ihrem Weg!
ElektraElektra:
Ich habe eine Lust, mit meiner Mutter Ich habe eine Lust, mit meiner Mutter
zu reden, wie noch nie!zu reden wie noch nie!
ChrysothemisChrysothemis:
Ich will’s nicht hören! Ich will’s nicht hören!
(Chrysothemis stürzt ab durch die Hoftür.)(Stürzt ab durch die Hoftür.)
(An den grell erleuchteten Fenstern klirrt und schlürft ein hastiger Zug vorüber: es ist ein Zerren, ein Schleppen von Tieren, ein gedämpftes Keifen, ein schnell ersticktes Aufschrein, das Niedersausen einer Peitsche, ein Aufraffen, ein Weitertaumeln.)An den grell erleuchteten Fenstern klirrt und schlürft ein hastiger Zug vorüber: es ist ein Zerren, ein Schleppen von Tieren, ein gedämpftes Keifen, ein schnell ersticktes Aufschreien, das Niedersausen einer Peitsche, ein Aufraffen, ein Weitertaumeln.
(In dem breiten Fenster erscheint Klytämnestra. Ihr fahles, gedunsenes Gesicht, in dem grellen Licht der Fackeln, erscheint noch bleicher über dem scharlachroten Gewand. Sie stützt sich auf eine Vertraute, die dunkelviolett gekleidet ist, und auf einen elfenbeinernen, mit Edelsteinen geschmückten Stab. Eine gelbe Gestalt, mit zurückgekämmtem schwarzem Haar, einer Egypterin ähnlich, mit glattem Gesicht, einer aufgerichteten Schlange gleichend, trägt ihr die Schleppe. Die Königin ist über und über bedeckt mit Edelsteinen und Talismanen. Die Arme sind voll von Reifen, ihre Finger starren von Ringen. Die Lider ihrer Augen scheinen übermäßig groß, und es scheint ihr eine furchtbare Anstrengung zu kosten, sie offen zu halten.)In dem breiten Fenster erscheint Klytämnestra. Ihr fahles, gedunsenes Gesicht, in dem grellen Licht der Fackeln, erscheint noch bleicher über dem scharlachroten Gewand. Sie stützt sich auf eine Vertraute, die dunkelviolett gekleidet ist, und auf einen elfenbeinernen, mit Edelsteinen geschmückten Stab. Eine gelbe Gestalt, mit zurückgekämmtem schwarzen Haar, einer Ägypterin ähnlich, mit glattem Gesicht, einer aufgerichteten Schlange gleichend, trägt ihr die Schleppe. Die Königin ist über und über bedeckt mit Edelsteinen und Talismanen. Die Arme sind voll von Reifen, ihre Finger starren von Ringen. Die Lider ihrer Augen scheinen übermäßig groß und es scheint ihr eine furchtbare Anstrengung zu kosten, sie offen zu halten.
(Elektra richtet sich hoch auf.)Elektra richtet sich hoch auf.
(Klytämnestra öffnet jäh die Augen, zitternd vor Zorn tritt sie ans Fenster und zeigt mit dem Stock auf Elektra.)Klytämnestra öffnet jäh die Augen, zitternd vor Zorn tritt sie ans Fenster und zeigt mit dem Stock auf Elektra.
KlytämnestraKlytämnestra
Was willst Du? Seht doch, dort! So seht doch das! Was willst du? Seht doch, dort! so seht doch das!
Wie es sich aufbäumt mit geblähtem HalsWie es sich aufbäumt mit geblähtem Hals
und nach mir züngelt! Und das laß ich freiund nach mir züngelt! und das laß ich frei
in meinem Hause laufen!in meinem Hause laufen!
(schwer atmend)(Schweratmend)
Wenn sie mich mit ihren Blicken töten könnte!Wenn sie mich mit ihren Blicken töten könnte!
O Götter, warum liegt ihr so auf mir?O Götter, warum liegt ihr so auf mir?
Warum verwüstet ihr mich so? WarumWarum verwüstet ihr mich so? warum
muß meine Kraft in mir gelähmt sein? Warummuß meine Kraft in mir gelähmt sein? warum
bin ich lebendigen Leibes wie ein wüstesbin ich lebendigen Leibes wie ein wüstes
Gefild und diese Nessel wächst aus mirGefild und diese Nessel wächst aus mir
heraus, und ich hab nicht die Kraft zu jäten?heraus, und ich hab’ nicht die Kraft zu jäten!
Warum geschieht mir das, ihr ew’gen Götter?Warum geschieht mir das, ihr ewigen Götter?
ElektraElektra
(ruhig)(ruhig):
Die Götter! Bist doch selber eine Göttin, Die Götter! bist doch selber eine Göttin,
bist, was sie sind!bist, was sie sind!
KlytämnestraKlytämnestra
(zu ihren Begleiterinnen)(zu ihren Begleiterinnen):
Habt ihr gehört? Habt ihr Habt ihr gehört? habt ihr
verstanden, was sie redet?verstanden, was sie redet?
Die VertrauteDie Vertraute:
Daß auch du Daß auch du
vom Stamm der Götter bist.vom Stamm der Götter bist.
Die SchleppträgerinDie Schleppträgerin
(zischend)(zischend):
Sie meint es tückisch. Sie meint es tückisch.
(Klytämnestra’s schwere Augenlider fallen zu.)
KlytämnestraKlytämnestra
(weich)(indem ihre schweren Augenlider zufallen, weich):
Das klingt mir so bekannt. Und nur als hätt’ ich’s Das klingt mir so bekannt. Und nur als hätt’ ich’s
vergessen, lang und lang. Sie kennt mich gut.vergessen, lang und lang. Sie kennt mich gut.
Doch weiß man nie, was sie im Schilde führt.Doch weiß man nie, was sie im Schilde führt.
(Die Vertraute und die Schleppträgerin flüstern miteinander.)(Die Vertraute und die Schleppträgerin flüstern miteinander.)
(Elektra nähert sich langsam Klytämnestra.)
ElektraElektra
(nähert sich langsam Klytämnestra):
Du bist nicht mehr du selber. Das Gewürm Du bist nicht mehr du selber. Das Gewürm
hängt immerfort um Dich! Was sie ins Ohrhängt immerfort um dich! Was sie ins Ohr
dir zischen, trennt dein Denken fort und fortdir zischen, trennt dein Denken fort und fort
entzwei, so gehst du hin im Taumel, immerentzwei, so gehst du hin im Taumel, immer
bist du, als wie im Traum.bist du, als wie im Traum.
KlytämnestraKlytämnestra:
Ich will hinunter. Ich will hinunter.
Laßt, laßt, ich will mit ihr reden.Laßt, laßt, ich will mit ihr reden.
(Sie geht vom Fenster weg und erscheint mit ihren Begleiterinnen in der Tür.)(Sie geht vom Fenster weg und erscheint mit ihren Begleiterinnen in der Türe, von der Türschwelle aus, etwas weicher.)
(von der Türschwelle aus)
(etwas weicher)
Sie ist heute Sie ist heute
nicht widerlich. Sie redet wie ein Arzt.nicht widerlich. Sie redet wie ein Arzt.
Die VertrauteDie Vertraute
(flüsternd)(flüsternd):
Sie redet Sie redet
nicht, wie sie’s meint.nicht, wie sie’s meint.
Die SchleppträgerinDie Schleppträgerin:
Ein jedes Wort ist Falschheit. Ein jedes Wort ist Falschheit.
KlytämnestraKlytämnestra
(auffahrend)(auffahrend):
Ich will Nichts hören! Was aus Euch heraus kommt, Ich will nichts hören! Was aus euch herauskommt,
ist nur der Atem des Aegisth.ist nur der Atem des Aegisth.
Und wenn ich nachts euch wecke, redet ihrUnd wenn ich nachts euch wecke, redet ihr
nicht jede etwas andres? Schreist nicht du,nicht jede etwas andres? Schreist nicht du,
daß meine Augenlider angeschwollendaß meine Augenlider angeschwollen
und meine Leber krank ist? Und winselstund meine Leber krank ist? Und winselst
nicht du in’s and’re Ohr, daß du Dämonennicht du ins andre Ohr, daß du Dämonen
gesehen hast mit langen spitzen Schnäbeln,gesehen hast mit langen spitzen Schnäbeln,
die mir das Blut aussaugen? Zeigst du nichtdie mir das Blut aussaugen? zeigst du nicht
die Spuren mir an meinem Fleisch und folg’ ichdie Spuren mir an meinem Fleisch, und folg’ ich
dir nicht und schlachte, schlachte, schlachte Opferdir nicht und schlachte, schlachte, schlachte Opfer
um Opfer? Zerrt ihr mich mit euren Redenum Opfer? Zerrt ihr mich mit euren Reden
und Gegenreden nicht zu Tod? Ich will nichtund Gegenreden nicht zu Tod? Ich will nicht
mehr hören: »Das ist wahr, und das ist Lüge.«mehr hören: das ist wahr und das ist Lüge.
(dumpf)(Dumpf.)
Was die Wahrheit ist, das bringtWas die Wahrheit ist, das bringt
kein Mensch heraus. Wenn siekein Mensch heraus. Wenn sie
zu mir redet,zu mir redet,
(immer schwer atmend)(immer schwer atmend, stöhnend)
was mich zu hören freut,was mich zu hören freut,
so will ich horchen, auf was sie redet. so will ich horchen, auf was sie redet.
Wenn einer etwas Angenehmes sagt,Wenn einer etwas Angenehmes sagt,
(heftig)(heftig)
und wär es meine Tochter, wär es die da –und wär’ es meine Tochter, wär’ es die da,
will ich von meiner Seele alle Hüllenwill ich von meiner Seele alle Hüllen
abstreifen und das Fächeln sanfter Luft,abstreifen und das Fächeln sanfter Luft,
von wo es kommen mag, einlassen, wievon wo es kommen mag, einlassen, wie
die Kranken tun, wenn sie der kühlen Luft,die Kranken tun, wenn sie der kühlen Luft,
am Teiche sitzend, abends ihre Beulenam Teiche sitzend, abends ihre Beulen
und all ihr Eiterndes der kühlen Luftund all ihr Eiterndes der kühlen Luft
preisgeben, abends … und nichts andres denken,preisgeben abends … und nichts andres denken,
als Lindrung zu schaffen.als Lindrung zu schaffen.
Laßt mich allein mit ihr!Laßt mich allein mit ihr!
(Ungeduldig weist sie mit dem Stock die Vertraute und die Schleppträgerin ins Haus. Diese verschwinden zögernd in der Tür. Auch die Fackeln verschwinden, und nur aus dem Innern des Hauses fällt ein schwacher Schein durch den Flur auf den Hof und streift hie und da die Gestalten der beiden Frauen.)(Ungeduldig weist sie mit dem Stock die Vertraute und die Schleppträgerin ins Haus. Diese verschwinden zögernd in der Tür. Auch die Fackeln verschwinden und nur aus dem Innern des Hauses fällt ein schwacher Schein durch den Flur auf den Hof und streift hie und da die Gestalten der beiden Frauen.)
(Klytämnestra kommt herab.)
KlytämnestraKlytämnestra
(leise)(kommt herab, leise):
Ich habe keine guten Nächte. Weißt du Ich habe keine guten Nächte. Weißt du
kein Mittel gegen Träume?kein Mittel gegen Träume?
ElektraElektra
(näher rückend)(näher rückend):
Träumst du, Mutter? Träumst du, Mutter?
KlytämnestraKlytämnestra:
Wer älter wird, der träumt. Allein, es läßt sich Wer älter wird, der träumt. Allein, es läßt sich
vertreiben. Es gibt Bräuche.vertreiben. Es gibt Bräuche.
Es muß für Alles richtge Bräuche geben. Es muß für alles richtge Bräuche geben.
Darum bin ich soDarum bin ich so
behängt mit Steinen, denn es wohnt in jedembehängt mit Steinen, denn es wohnt in jedem
ganz sicher eine Kraft. Man muß nur wissen,ganz sicher eine Kraft. Man muß nur wissen,
wie man sie nützen kann. Wenn du nur wolltest –wie man sie nützen kann. Wenn du nur wolltest,
du könntest etwas sagen, was mir nützt.du könntest etwas sagen, was mir nützt.
ElektraElektra:
Ich, Mutter, ich? Ich, Mutter, ich?
KlytämnestraKlytämnestra
(ausbrechend)(ausbrechend):
Ja, du! Denn du bist klug. Ja, du! denn du bist klug.
In deinem Kopf ist alles stark.In deinem Kopf ist alles stark.
Du könntest vieles sagen, was mir nützt.Du könntest vieles sagen, was mir nützt.
Wenn auch ein Wort nichts weiter ist! Was ist dennWenn auch ein Wort nichts weiter ist! Was ist denn
ein Hauch? Und doch kriecht zwischen Tag und Nacht,ein Hauch? und doch kriecht zwischen Tag und Nacht,
wenn ich mit offnen Augen lieg, ein Etwaswenn ich mit offnen Augen lieg’, ein Etwas
hin über mich. Es ist kein Wort, es isthin über mich. Es ist kein Wort, es ist
kein Schmerz, es drückt mich nicht, es würgt mich nicht.kein Schmerz, es drückt mich nicht, es würgt mich nicht,
Nichts ist es – nicht einmal ein Alp, und dennoch,nichts ist es, nicht einmal ein Alp, und dennoch,
es ist so fürchterlich, daß meine Seelees ist so fürchterlich, daß meine Seele
sich wünscht erhängt zu sein, und jedes Gliedsich wünscht, erhängt zu sein, und jedes Glied
in mir schreit nach dem Tod, und dabei leb’ ichin mir schreit nach dem Tod, und dabei leb’ ich
und bin nicht einmal krank: Du siehst mich doch:und bin nicht einmal krank: du siehst mich doch:
seh ich wie eine Kranke? Kann man dennseh’ ich wie eine Kranke? Kann man denn
vergehn, lebend, wie ein faules Aas?vergehn, lebend, wie ein faules Aas?
Kann man zerfallen, wenn man garnicht krank ist?Kann man zerfallen, wenn man garnicht krank ist?
zerfallen wachen Sinnes, wie ein Kleid,zerfallen wachen Sinnes, wie ein Kleid,
zerfressen von den Motten? Und dann schlaf ichzerfressen von den Motten? Und dann schlaf’ ich
und träume, träume, daß sich mir das Markund träume, träume, daß sich mir das Mark
in den Knochen löst, und taumle wieder auf,in den Knochen löst, und taumle wieder auf,
und nicht der zehnte Teil der Wasseruhrund nicht der zehnte Teil der Wasseruhr
ist abgelaufen, und was unterm Vorhangist abgelaufen, und was unterm Vorhang
hereingrinst, ist noch nicht der fahle Morgen,hereingrinst, ist noch nicht der fahle Morgen,
nein, immer noch die Fackel vor der Tür,nein, immer noch die Fackel vor der Tür,
die gräßlich zuckt, wie ein Lebendiges,die gräßlich zuckt, wie ein Lebendiges
und meinen Schlaf belauert.und meinen Schlaf belauert.
Diese Träume müssenDiese Träume müssen
ein Ende  haben … Wer sie immer schickt,ein Ende haben. Wer sie immer schickt,
ein jeder Dämon lässt von uns, sobaldein jeder Dämon läßt von uns, sobald
das rechte Blut geflossen ist.das rechte Blut geflossen ist.
ElektraElektra:
Ein jeder! Ein jeder!
KlytämnestraKlytämnestra
(wild)(wild):
Und müßt ich jedes Tier, das kriecht und fliegt, Und müßt ich jedes Tier, das kriecht und fliegt,
zur Ader lassen und im Dampf des Bluteszur Ader lassen und im Dampf des Blutes
aufstehn und schlafen gehn, wie die Völkeraufsteh’n und schlafen gehn wie die Völker
des letzten Thule im blutroten Nebel:des letzten Thule im blutroten Nebel:
ich will nicht länger träumen.ich will nicht länger träumen.
ElektraElektra:
Wenn das rechte Wenn das rechte
Blutopfer unterm Beile fällt, dann träumst duBlutopfer unterm Beile fällt, dann träumst du
nicht länger!nicht länger!
KlytämnestraKlytämnestra
(sehr hastig)(sehr hastig):
Also wüßtest du, mit welchem Also wüßtest du mit welchem
geweihten Tier?geweihten Tier? 
ElektraElektra
(geheimnisvoll lächelnd)(geheimnisvoll lächelnd):
Mit einem ungeweihten. Mit einem ungeweihten!
KlytämnestraKlytämnestra:
Das drin gebunden liegt? Das drin gebunden liegt?
ElektraElektra:
Nein, es läuft frei. Nein! es läuft frei.
KlytämnestraKlytämnestra
(begierig)(begierig):
Und was für Bräuche? Und was für Bräuche?
ElektraElektra:
Wunderbare Bräuche Wunderbare Bräuche,
und sehr genau zu üben.und sehr genau zu üben.
KlytämnestraKlytämnestra
(heftig)(heftig):
Rede doch! Rede doch!
ElektraElektra:
Kannst du mich nicht erraten? Kannst du mich nicht erraten?
KlytämnestraKlytämnestra:
Nein, darum frag’ ich. Nein, darum frag’ ich.
(Elektra gleichsam feierlich beschwörend)(Elektra gleichsam feierlich beschwörend):
Den Namen sag’ des Opfertiers!Den Namen sag’ des Opfertiers!
ElektraElektra:
Ein Weib! Ein Weib.
KlytämnestraKlytämnestra
(hastig)(hastig):
Von meinen Dienerinnen eine, sag’, Von meinen Dienerinnen eine, sag’!
ein Kind, ein jungfräuliches Weib? Ein Weib,ein Kind? ein jungfräuliches Weib? ein Weib,
das schon erkannt vom Manne?das schon erkannt vom Manne?
ElektraElektra
(ruhig)(ruhig):
Ja, erkannt, Ja! erkannt!
das ist’s.das ist’s!
KlytämnestraKlytämnestra
(dringend)(dringend):
Und wie das Opfer? Und welche Stunde? Und wie das Opfer? und welche Stunde?
Und wo?und wo?
ElektraElektra
(ruhig)(ruhig):
An jedem Ort zu jeder Stunde An jedem Ort, zu jeder Stunde
des Tags und der Nacht.des Tags und der Nacht.
KlytämnestraKlytämnestra:
Die Bräuche sag’! Die Bräuche sag’!
Wie brächt’ ich’s dar? Ich selber muß –Wie brächt’ ich’s dar? ich selber muß –
ElektraElektra:
Nein, diesmal Nein. Diesmal
gehst du nicht auf die Jagd mit Netz und mit Beil.gehst du nicht auf die Jagd mit Netz und mit Beil.
KlytämnestraKlytämnestra:
Wer denn? Wer brächt’ es dar? Wer denn? wer brächt’ es dar?
ElektraElektra:
Ein Mann. Ein Mann.
KlytämnestraKlytämnestra:
Aegisth? Aegisth?
ElektraElektra
(lacht)(lacht):
Ich sagte doch, ein Mann. Ich sagte doch: ein Mann!
KlytämnestraKlytämnestra:
Wer? gib mir Antwort. Wer? gib mir Antwort.
Vom Hause jemand? oder muß ein FremderVom Hause jemand? oder muß ein Fremder
herbei?herbei?
ElektraElektra
(zu Boden stierend, wie abwesend)(zu Boden stierend, wie abwesend):
Ja, ja, ein Fremder, aber freilich Ja, ja, ein Fremder. Aber freilich
ist er vom Haus.ist er vom Haus.
KlytämnestraKlytämnestra:
Gib mir nicht Rätsel auf. Gib mir nicht Rätsel auf.
Elektra, hör’ mich an. Ich freue mich,Elektra, hör’ mich an. Ich freue mich,
daß ich dich heut’ einmal nicht störrisch finde …daß ich dich heut einmal nicht störrisch finde.
ElektraElektra
(leise)(leise):
Läßt du den Bruder nicht nach Hause, Mutter? Läßt du den Bruder nicht nach Hause, Mutter?
KlytämnestraKlytämnestra:
Von ihm zu reden hab’ ich dir verboten. Von ihm zu reden hab’ ich dir verboten.
ElektraElektra:
So hast du Furcht vor ihm? So hast du Furcht vor ihm?
KlytämnestraKlytämnestra:
Wer sagt das? Wer sagt das?
ElektraElektra:
Mutter, Mutter,
du zitterst ja!du zitterst ja!
KlytämnestraKlytämnestra:
Wer fürchtet sich Wer fürchtet sich
vor einem Schwachsinnigen.vor einem Schwachsinnigen.
ElektraElektra:
Wie? Wie?
KlytämnestraKlytämnestra:
Es heißt, Es heißt,
er stammelt, liegt im Hofe bei den Hundener stammelt, liegt im Hof bei den Hunden
und weiß nicht Mensch und Tier zu unterscheiden.und weiß nicht Mensch und Tier zu unterscheiden.
ElektraElektra:
Das Kind war ganz gesund. Das Kind war ganz gesund.
KlytämnestraKlytämnestra:
Es heißt, sie gaben Es heißt, sie gaben
ihm schlechte Wohnung und Tiereihm schlechte Wohnung und Tiere
des Hofes zur Gesellschaft.des Hofes zur Gesellschaft.
ElektraElektra:
Ah! Ah!
KlytämnestraKlytämnestra
(mit gesenkten Augenlidern)(mit gesenkten Augenlidern):
Ich schickte Ich schickte
viel Gold und wieder Gold, sie sollten ihnviel Gold und wieder Gold, sie sollten ihn
gut halten wie ein Königskind.gut halten wie ein Königskind.
ElektraElektra:
Du lügst! Du lügst!
Du schicktest Gold, damit sie ihn erwürgen.Du schicktest Gold, damit sie ihn erwürgen.
KlytämnestraKlytämnestra:
Wer sagt dir das? Wer sagt dir das?
ElektraElektra:
Ich seh’s an deinen Augen. Ich seh’s an deinen Augen.
Allein an deinem Zittern seh’ ich auch,Allein an deinem Zittern seh’ ich auch,
daß er noch lebt, daß du bei Tag und Nachtdaß er noch lebt. Daß du bei Tag und Nacht
an nichts denkst als an ihn. Daß dir das Herzan nichts denkst als an ihn. Daß dir das Herz
verdorrt vor Grauen, weil du weißt: er kommt.verdorrt vor Grauen, weil du weißt: er kommt.
KlytämnestraKlytämnestra:
Was kümmert mich, wer außer Haus ist. Was kümmert mich, wer außer Haus ist.
Ich lebe hier und bin die Herrin. DienerIch lebe hier und bin die Herrin. Diener
hab’ ich genug, die Tore zu bewachen,hab’ ich genug, die Tore zu bewachen,
und wenn ich will: laß ich bei Tag und Nachtund wenn ich will, laß ich bei Tag und Nacht
vor meiner Kammer drei Bewaffnetevor meiner Kammer drei Bewaffnete
mit offenen Augen sitzen.mit offenen Augen sitzen.
Und aus dirUnd aus dir
bring ich so oder so das rechte Wortbring’ ich so oder so das rechte Wort
schon an den Tag. Du hast dich schon verraten,schon an den Tag. Du hast dich schon verraten,
daß du das rechte Opfer weißt und auchdaß du das rechte Opfer weißt und auch
die Bräuche, die mir nützen. Sagst du’s nichtdie Bräuche, die mir nützen. Sagst du’s nicht
im Freien, wirst du’s an der Kette sagen.im Freien, wirst du’s an der Kette sagen.
Sagst du’s nicht satt, so sagst du’s hungernd. TräumeSagst du’s nicht satt, so sagst du’s hungernd. Träume
sind etwas, das man los wird. Wer dran leidetsind etwas, das man los wird. Wer dran leidet
und nicht das Mittel findet, sich zu heilen,und nicht das Mittel findet, sich zu heilen,
ist nur ein Narr. Ich finde mir heraus,ist nur ein Narr. Ich finde mir heraus,
wer bluten muß, damit ich wieder schlafe.wer bluten muß, damit ich wieder schlafe.
(Elektra mit einem Sprung aus dem Dunkel auf Klytämnestra zu, immer näher an ihr, immer furchtbarer anwachsend)
ElektraElektra
(mit einem Sprung aus dem Dunkel auf Klytämnestra zu, immer näher an ihr, immer furchtbarer anwachsend):
Was bluten muß? Dein eigenes Genick, Was bluten muß? Dein eigenes Genick,
wenn dich der Jäger abgefangen hat.wenn dich der Jäger abgefangen hat!
Ich hör ihn durch die Zimmer gehn, ich hör ihnIch hör’ ihn durch die Zimmer gehn, ich hör’ ihn
den Vorhang von dem Bette heben: Wer schlachtetden Vorhang von dem Bette heben: wer schlachtet
ein Opfertier im Schlaf? Er jagt dich auf,ein Opfertier im Schlaf? Er jagt dich auf,
schreiend entfliehst du. Aber er, er ist hinterdrein,schreiend entfliehst du, aber er, er ist hinterdrein:
er treibt dich durch das Haus! Willst du nach rechts,er treibt dich durch das Haus! Willst du nach rechts,
da steht das Bett! nach links, da schäumt das Badda steht das Bett! Nach links, da schäumt das Bad
wie Blut, das Dunkel und die Fackeln werfenwie Blut! Das Dunkel und die Fackeln werfen
schwarzrote Todesnetze über dich.schwarzrote Todesnetze über dich –
(Klytämnestra, von sprachlosem Grauen geschüttelt)(Klytämnestra, von sprachlosem Grauen geschüttelt, will ins Haus. Elektra zerrt sie am Gewand nach vorn. Klytämnestra weicht gegen die Mauer zurück. Ihre Augen sind weit aufgerissen, der Stock entfällt ihren zitternden Händen.)
Hinab die Treppen durch Gewölbe hin,Hinab die Treppen durch Gewölbe hin,
Gewölbe und Gewölbe geht die Jagd –Gewölbe und Gewölbe geht die Jagd –
Und ich, ich, ich, ich, ich, die ihn dir geschickt,Und ich! ich! ich, die ihn dir geschickt,
ich bin wie ein Hund an deiner Ferse,ich bin wie ein Hund an deiner Ferse,
willst du in eine Höhle, spring ich dichwillst du in eine Höhle, spring’ ich dich
von seitwärts an. So treiben wir dich fort,von seitwärts an, so treiben wir dich fort –
bis eine Mauer Alles sperrt, und dort bis eine Mauer alles sperrt und dort
im tiefsten Dunkel, doch ich seh ihn wohl,im tiefsten Dunkel, doch ich seh’ ihn wohl,
ein Schatten, und doch Glieder und das Weißeein Schatten und doch Glieder und das Weiße
von einem Auge doch, da sitzt der Vater,von einem Auge doch, da sitzt der Vater:
er achtet’s nicht, und doch muß es geschehn,er achtet’s nicht und doch muß es geschehn:
zu seinen Füßen drücken wir dich hin –zu seinen Füßen drücken wir dich hin –
Du möchtest schreien, doch die Luft erwürgtDu möchtest schreien, doch die Luft erwürgt
den ungebornen Schrei, und läßt ihn lautlosden ungebornen Schrei und läßt ihn lautlos
zu Boden fallen, wie von Sinnen hältst duzu Boden fallen. Wie von Sinnen hältst du
den Nacken hin, fühlst schon die Schärfe zuckenden Nacken hin, fühlst schon die Schärfe zucken
bis an den Sitz des Lebens, doch er hältbis an den Sitz des Lebens, doch er hält
den Schlag zurück, die Bräuche sind noch nicht erfüllt.den Schlag zurück: die Bräuche sind noch nicht erfüllt.
Alles schweigt, du hörst dein eignes HerzAlles schweigt, du hörst dein eignes Herz
an deinen Rippen schlagen: Diese Zeit,an deinen Rippen schlagen: Diese Zeit
– sie dehnt sich vor dir wie ein finstrer Schlund– sie dehnt sich vor dir wie ein finstrer Schlund
von Jahren – diese Zeit ist dir gegebenvon Jahren. – Diese Zeit ist dir gegeben
zu ahnen, wie es Scheiternden zu Mute ist,zu ahnen, wie es Scheiternden zumute ist,
wenn ihr vergebliches Geschrei die Schwärzewenn ihr vergebliches Geschrei die Schwärze
der Wolken und des Todes zerfrißt, diese Zeitder Wolken und des Todes zerfrißt, diese Zeit
ist dir gegeben, alle zu beneiden,ist dir gegeben, alle zu beneiden,
die angeschmiedet sind an Kerkermauern,die angeschmiedet sind an Kerkermauern,
die auf dem Grund von Brunnen nach dem Toddie auf dem Grund von Brunnen nach dem Tod
als wie nach Erlösung schrein, denn du,als wie nach Erlösung schrei’n – denn du,
du liegst in deinem Selbst so eingekerkert,du liegst in deinem Selbst so eingekerkert,
als wär’s der glühnde Bauch von einem Tierals wär’s der glühnde Bauch von einem Tier
von Erz – und so wie jetzt kannst du nicht schrein!von Erz – und so wie jetzt kannst du nicht schrein!
Da steh ichDa steh’ ich
vor dir, und nun liest du mit starrem Aug’vor dir, und nun liest du mit starrem Aug’
das ungeheure Wort, das mir in meindas ungeheure Wort, das mir in mein
Gesicht geschrieben ist:Gesicht geschrieben ist:
erhängt ist dir die Seele in der selbst-Erhängt ist dir die Seele in der selbst-
gedrehten Schlinge, sausend fällt das Beil –gedrehten Schlinge, sausend fällt das Beil,
und ich steh da und seh dich endlich sterben.und ich steh’ da und seh’ dich endlich sterben!
Dann träumst du nicht mehr, dann brauche ichDann träumst du nicht mehr, dann brauche ich
nicht mehr zu träumen, und wer dann noch lebt,nicht mehr zu träumen, und wer dann noch lebt,
der jauchzt und kann sich seines Lebens freun!der jauchzt und kann sich seines Lebens freun!
(Sie stehen einander, Elektra in wilder Trunkenheit, Klytämnestra gräßlich atmend vor Angst, Aug’ in Aug’. In diesem Augenblick erhellt sich der Hausflur. Die Vertraute kommt hergelaufen. Sie flüstert Klytämnestra etwas ins Ohr. Diese scheint erst nicht recht zu verstehen. Allmählich kommt sie zu sich. Sie winkt: »Lichter!« Es laufen Dienerinnen mit Fackeln heraus und stellen sich hinter Klytämnestra. Klytämnestra winkt: »Mehr Lichter!« Es kommen immer mehr Dienerinnen heraus, stellen sich hinter Klytämnestra, sodaß der Hof voll von Licht wird und rotgelber Schein um die Mauern flutet. Nun verändern sich ihre Züge allmählich, und die Spannung weicht einem bösen Triumph. Sie läßt sich die Botschaft abermals zuflüstern und verliert dabei Elektra keinen Augenblick aus dem Auge. Ganz bis an den Hals sich sättigend mit wilder Freude streckt Klytämnestra die beiden Hände drohend gegen Elektra. Dann hebt ihr die Vertraute den Stock auf, und auf beide sich stützend, eilig, gierig, an den Stufen ihr Gewand aufraffend, läuft sie ins Haus.)Sie stehn einander, Elektra in wilder Trunkenheit, Klytämnestra gräßlich atmend vor Angst, Aug’ in Aug’. In diesem Augenblick erhellt sich der Hausflur. Die Vertraute kommt hergelaufen. Sie flüstert Klytämnestra etwas ins Ohr. Diese scheint erst nicht recht zu verstehn. Allmählich kommt sie zu sich. Sie winkt: »Lichter!« Es laufen Dienerinnen mit Fackeln heraus und stellen sich hinter Klytämnestra. Klytämnestra winkt: »Mehr Lichter!« Es kommen immer mehr Dienerinnen heraus, stellen sich hinter Klytämnestra, so daß der Hof voll von Licht wird und rotgelber Schein um die Mauern flutet. Nun verändern sich ihre Züge allmählich und die Spannung weicht einem bösen Triumph. Sie läßt sich die Botschaft abermals zuflüstern und verliert dabei Elektra keinen Augenblick aus dem Auge. Ganz bis an den Hals sich sättigend mit wilder Freude, streckt sie die beiden Hände drohend gegen Elektra. Dann hebt ihr die Vertraute den Stock auf und, auf beide sich stützend, eilig, gierig, an den Stufen ihr Gewand aufraffend, läuft sie ins Haus. Die Dienerinnen mit den Lichtern, wie gejagt, hinter ihr drein.
(Die Dienerinnen mit den Lichtern wie gejagt hinter ihr drein.)
ElektraElektra:
Was sagen sie ihr denn? Sie freut sich ja! Was sagen sie ihr denn? sie freut sich ja!
Mein Kopf! Mir fällt nichts ein! Worüber freut sichMein Kopf! Mir fällt nichts ein. Worüber freut sich
das Weib?das Weib?
(Chrysothemis kommt laufend zur Hoftür herein, laut heulend wie ein verwundetes Tier.)(Chrysothemis kommt, laufend, zur Hoftür herein, laut heulend wie ein verwundetes Tier.)
ChrysothemisChrysothemis
(schreiend)(schreiend):
Orest! Orest!
Orest ist tot!Orest ist tot!
(Elektra winkt ihr ab, wie von Sinnen.)
ElektraElektra
(winkt ihr ab, wie von Sinnen):
Sei still! Sei still!
ChrysothemisChrysothemis:
Orest ist tot. Orest ist tot!
(Elektra bewegt die Lippen.)(Elektra bewegt die Lippen.)
Ich kam hinaus, da wußten sie’s schon! AlleIch kam hinaus, da wußten sie’s schon! Alle
standen herum  und Alle wußten es schon,standen herum und alle wußten es schon,
nur wir nicht.nur wir nicht.
ElektraElektra
(dumpf)(dumpf):
Niemand weiß es. Niemand weiß es.
ChrysothemisChrysothemis:
Alle wissen’s. Alle wissen’s!
ElektraElektra:
Niemand kann’s wissen, denn es ist nicht wahr. Niemand kann’s wissen: denn es ist nicht wahr.
Chrysothemis
(wirft sich verzweifelt auf den Boden)(Chrysothemis wirft sich verzweifelt auf den Boden.)
ElektraElektra
(Chrysothemis emporreißend)(Chrysothemis emporreißend):
Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr, ich sag dir doch – Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr! ich sag’ dir doch,
Es ist nicht wahr!es ist nicht wahr!
ChrysothemisChrysothemis:
Die Fremden standen an der Wand, die Fremden, Die Fremden standen an der Wand, die Fremden,
die hergeschickt sind, es zu melden: zwei,die hergeschickt sind, es zu melden: zwei,
ein Alter und ein Junger. Allen hattenein Alter und ein Junger. Allen hatten
sie’s schon erzählt, im Kreise standen Allesie’s schon erzählt, im Kreise standen alle
um sie herum, und Alle,um sie herum und alle
(mit Anstrengung)(mit Anstrengung)
Alle wußten es schon.alle wußten es schon.
ElektraElektra
(mit höchster Kraft)(mit höchster Kraft):
Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!
ChrysothemisChrysothemis:
An uns denkt Niemand. Tot, Elektra – tot! An uns denkt niemand. Tot! Elektra, tot!
Gestorben in der Fremde! Tot!Gestorben in der Fremde! Tot!
Gestorben dort in fremdem Land.Gestorben dort in fremdem Land,
Von seinen Pferden erschlagen und geschleift.Von seinen Pferden erschlagen und geschleift.
(sinkt vor der Schwelle des Hauses an Elektras Seite in wilder Verzweiflung hin)(Sie sinkt vor der Schwelle des Hauses an Elektras Seite in wilder Verzweiflung hin.)
(Ein junger Diener kommt eilig aus dem Haus, stolpert über die vor der Schwelle Liegende hinweg.)
Junger DienerEin junger Diener
(kommt eilig aus dem Haus, stolpert über die vor der Schwelle Liegende hinweg):
Platz da! Wer lungert so vor einer Tür? Platz da! Wer lungert so vor einer Tür?
Ah! konnt mir’s denken! Heda, Stallung! he!Ah! konnt’ mir’s denken! Heda, Stallung! he!
Alter DienerEin alter Diener
(finsteren Gesichts, zeigt sich an der Hoftür)(finsteren Gesichts, zeigt sich an der Hoftür):
Was soll’s im Stall? Was soll’s im Stall?
Junger DienerJunger Diener:
Gesattelt Gesattelt
soll werden, und so rasch als möglich! hörst du?soll werden, und so rasch als möglich! hörst du?
Ein Gaul, ein Maultier oder meinetwegenein Gaul, ein Maultier oder meinetwegen
auch eine Kuh, nur rasch!auch eine Kuh, nur rasch!
Alter DienerAlter Diener:
Für wen? Für wen?
Junger DienerJunger Diener:
Für den, Für den,
der dir’s befiehlt. Da glotzt er! Rasch, für mich!der dir’s befiehlt. Da glotzt er! Rasch, für mich!
Sofort, für mich! Trab, trab! Weil ich hinaus mußSofort! für mich! Trab, trab! Weil ich hinaus muß
auf’s Feld, den Herren holen, weil ich ihmaufs Feld, den Herren holen, weil ich ihm
Botschaft zu bringen habe, große Botschaft,Botschaft zu bringen habe, große Botschaft,
wichtig genug, um eine eurer Mährenwichtig genug, um eine eurer Mähren
zu Tod (im Abgehen) zu reiten –zu Tod (im Abgehen) zu reiten –
(Auch der Alte verschwindet.)(auch der alte Diener verschwindet).
ElektraElektra
(vor sich hin, leise und sehr energisch)(vor sich hin, leise und sehr energisch):
Nun muß es hier von uns geschehn. Nun muß es hier von uns geschehn.
ChrysothemisChrysothemis
(verwundert fragend)(verwundert fragend):
Elektra? Elektra?
ElektraElektra
(alles in fliegender Hast)(alles in fliegender Hast):
Wir, Wir!
wir beide müssen’s tun.Wir beide müssen’s tun.
ChrysothemisChrysothemis:
Was, Elektra? Was, Elektra?
ElektraElektra
(leise)(leise):
Am besten heut, am besten diese Nacht. Am besten heut’, am besten diese Nacht.
ChrysothemisChrysothemis:
Was, Schwester? Was, Schwester?
ElektraElektra:
Was? Das Werk, das nun auf uns Was? Das Werk, das nun auf uns
gefallen ist,gefallen ist,
(sehr schmerzlich)(sehr schmerzlich)
weil er nicht kommen kann. weil er nicht kommen kann.
ChrysothemisChrysothemis
(angstvoll steigernd)(angstvoll steigernd):
Was für ein Werk? Was für ein Werk?
ElektraElektra:
Nun müssen du und ich Nun müssen du und ich
hingehn und das Weib und ihren Mannhingehn und das Weib und ihren Mann
erschlagen.erschlagen.
ChrysothemisChrysothemis
(leise, schaudernd)(leise schaudernd):
Schwester, sprichst du von der Mutter? Schwester, sprichst du von der Mutter?
ElektraElektra
(wild)(wild):
Von ihr und auch von ihm. Ganz ohne Zögern Von ihr. Und auch von ihm. Ganz ohne Zögern
muß es geschehn.muß es geschehn.
Schweig still. Zu sprechen ist nichts.Schweig still. Zu sprechen ist nichts.
Nichts gibt es zu bedenken, als nur: wie?Nichts gibt es zu bedenken, als nur: wie?
wie wir es tun.wie wir es tun.
ChrysothemisChrysothemis:
Ich? Ich?
ElektraElektra:
Ja, du und ich. Ja. Du und ich.
Wer sonst?Wer sonst?
ChrysothemisChrysothemis
(entsetzt)(entsetzt):
Wir? Wir beide sollen hingehn? Wir, wir zweiWir? Wir beide sollen hingehn? Wir? wir zwei?
mit unsern beiden Händen?mit unsern beiden Händen?
ElektraElektra:
Dafür laß Dafür laß
du mich nur sorgen.du mich nur sorgen.
(geheimnißvoll)(Geheimnisvoll):
Das Beil! (stärker) das Beil, womit der Vater –Das Beil! (stärker) das Beil, womit der Vater –
ChrysothemisChrysothemis:
Du, Du?
Entsetzliche, du hast es?Entsetzliche, du hast es?
ElektraElektra:
Für den Bruder Für den Bruder
bewahrt ich es. Nun müssen wir es schwingen.bewahrt’ ich es. Nun müssen wir es schwingen.
ChrysothemisChrysothemis:
Du? Diese Arme den Aegisth erschlagen? Du? diese Arme den Aegisth erschlagen?
ElektraElektra
(wild)(wild):
Erst sie, dann ihn, erst ihn, dann sie, gleichviel. Erst sie, dann ihn; erst ihn, dann sie, gleichviel.
ChrysothemisChrysothemis:
Ich fürchte mich. Ich fürchte mich.
ElektraElektra:
Es schläft Niemand in ihrem Vorgemach. Es schläft niemand in ihrem Vorgemach.
ChrysothemisChrysothemis:
Im Schlaf sie morden!Im Schlaf sie morden!
ElektraElektra:
Wer schläft, ist ein gebundnes Opfer. Schliefen Wer schläft, ist ein gebundnes Opfer. Schliefen
sie nicht zusamm’, könnt’ ich’s allein vollbringen.sie nicht zusamm’, könnt’ ich’s allein vollbringen.
So aber mußt du mit.So aber mußt du mit.
ChrysothemisChrysothemis
(abwehrend)(abwehrend):
Elektra! Elektra!
ElektraElektra:
Du! Du! Du! Du!
Denn du bist stark!denn du bist stark!
(dicht bei Chrysothemis)(Dicht bei Chrysothemis):
Wie stark du bist. Dich habenWie stark du bist! dich haben
die jungfräulichen Nächte stark gemacht.die jungfräulichen Nächte stark gemacht.
Überall ist so viel Kraft in dir.Überall ist so viel Kraft in dir!
Sehnen hast du wie ein Füllen.Sehnen hast du wie ein Füllen,
Schlank sind deine Füße.schlank sind deine Füße.
Wie schlank und biegsam –Wie schlank und biegsam –
leicht umschling ich sie –leicht umschling ich sie, –
deine Hüften sind.deine Hüften sind!
Du windest dich durch jeden Spalt, du hebst dichDu windest dich durch jeden Spalt, du hebst dich
durchs Fenster! Laß mich deine Arme fühlen,durchs Fenster! Laß mich deine Arme fühlen:
wie kühl und stark sie sind! Wie du mich abwehrst,wie kühl und stark sie sind! Wie du mich abwehrst,
fühl ich, was das für Arme sind! Du könntestfühl’ ich, was das für Arme sind. Du könntest
erdrücken, was du an dich ziehst. Du könntesterdrücken, was du an dich ziehst. Du könntest
mich oder einen Mann in deinen Armen ersticken,mich, oder einen Mann in deinen Armen ersticken!
überall ist so viel Kraft in dir.Überall ist so viel Kraft in dir!
Sie strömt wie kühles,Sie strömt wie kühles,
verhaltnes Wasser aus dem Fels. Sie flutetverhaltnes Wasser aus dem Fels. Sie flutet
mit deinen Haaren auf die starken Schultern herab!mit deinen Haaren auf die starken Schultern herab!
Ich spüre durch die Kühle deiner HautIch spüre durch die Kühle deiner Haut
das warme Blut hindurch, mit meiner Wangedas warme Blut hindurch, mit meiner Wange
spür’ ich den Flaum auf deinen jungen Armen:spür’ ich den Flaum auf deinen jungen Armen:
Du bist voller Kraft, du bist schön,Du bist voller Kraft, du bist schön,
du bist wie eine Frucht an der Reife Tag.du bist wie eine Frucht an der Reife Tag.
ChrysothemisChrysothemis:
Laß mich! Laß mich!
ElektraElektra:
Nein, ich halte dich! Nein, ich halte dich!
Mit meinen traurigen, verdorrten ArmenMit meinen traurigen verdorrten Armen
umschling ich deinen Leib, wie du dich sträubst,umschling ich deinen Leib, wie du dich sträubst,
ziehst du den Knoten nur noch fester, rankenziehst du den Knoten nur noch fester, ranken
will ich mich rings um dich, versenkenwill ich mich rings um dich, versenken
meine Wurzeln in dich und mit meinem Willenmeine Wurzeln in dich und mit meinem Willen
dir impfen das Blut.dir impfen das Blut!
ChrysothemisChrysothemis:
Laß mich! Laß mich!
(Sie flüchtet ein paar Schritte. Elektra wild ihr nach, faßt sie am Gewand.)(Sie flüchtet ein paar Schritte.)
ElektraElektra
(wild ihr nach, faßt sie am Gewand):
Nein, ich laß dich nicht. Nein! ich laß dich nicht!
ChrysothemisChrysothemis:
Elektra, hör’ mich! Elektra, hör’ mich.
Du bist so klug, hilf uns aus diesem Haus.Du bist so klug, hilf uns aus diesem Haus,
Hilf uns in’s Freie! Elektra, hilf uns, hilf uns in’s Freie …hilf uns ins Freie. Elektra, hilf uns, hilf uns ins Freie!
ElektraElektra:
Von jetzt an will ich deine Schwester sein,Von jetzt an will ich deine Schwester sein,
so wie ich niemals deine Schwester war!so wie ich niemals deine Schwester war!
Getreu will ich mit dir in deiner Kammer sitzenGetreu will ich mit dir in deiner Kammer sitzen
und warten auf den Bräutigam. Für ihnund warten auf den Bräutigam. Für ihn
will ich dich salben, und in’s duftige Badwill ich dich salben und ins duftige Bad
sollst du mir tauchen wie der junge Schwansollst du mir tauchen wie der junge Schwan
und deinen Kopf an meiner Brust verbergen,und deinen Kopf an meiner Brust verbergen,
bevor er dich, die durch den Schleier glühtbevor er dich, die durch den Schleier glüht
wie eine Fackel, in das Hochzeitsbettwie eine Fackel, in das Hochzeitsbett
mit starken Armen zieht.mit starken Armen zieht.
(Chrysothemis schließt die Augen.)
ChrysothemisChrysothemis
(schließt die Augen):
Nicht, Schwester,  nicht. Nicht, Schwester, nicht.
Sprich nicht ein solches Wort in diesem Haus.Sprich nicht ein solches Wort in diesem Haus.
ElektraElektra:
O ja! weit mehr als Schwester bin ich dir O ja! weit mehr als Schwester bin ich dir
von diesem Tage an: ich diene dirvon diesem Tage an: ich diene dir
wie eine Sklavin. Wenn du liegst in Weh’n,wie eine Sklavin. Wenn du liegst in Weh’n,
sitz ich an deinem Bette Tag und Nacht,sitz ich an deinem Bette Tag und Nacht,
wehr dir die Fliegen, schöpfe kühles Wasser, wehr’ dir die Fliegen, schöpfe kühles Wasser,
und wenn auf einmal auf dem nackten Schoßund wenn auf einmal auf dem nackten Schoß
dir ein Lebendiges liegt, erschreckend fast,dir ein Lebendiges liegt, erschreckend fast,
so heb’ ich’s empor, so hoch, damitso heb’ ich’s empor, so hoch, damit
sein Lächeln hoch von oben in die tiefsten,sein Lächeln hoch von oben in die tiefsten,
geheimsten Klüfte deiner Seele fälltgeheimsten Klüfte deiner Seele fällt
und dort das letzte, eisig Gräßlicheund dort das letzte, eisig Gräßliche
vor dieser Sonne schmilzt, und du’s in hellenvor dieser Sonne schmilzt und du’s in hellen
Tränen ausweinen kannst.Tränen ausweinen kannst.
ChrysothemisChrysothemis:
O bring mich fort! O bring’ mich fort!
Ich sterb’ in diesem Haus!Ich sterb’ in diesem Haus!
ElektraElektra
(an den Knieen der Chrysothemis)(an ihren Knieen):
Dein Mund ist schön, Dein Mund ist schön,
wenn er sich einmal auftut, um zu zürnen!wenn er sich einmal auftut, um zu zürnen!
Aus deinem reinen, starken Mund muß furchtbarAus deinem reinen starken Mund muß furchtbar
ein Schrei hervorsprüh’n – furchtbar wie der Schreiein Schrei hervorsprüh’n, furchtbar, wie der Schrei
der Todesgöttin, wenn man unter dirder Todesgöttin, wenn man unter dir
so daliegt, wie nun ich.so daliegt, wie nun ich, [sic]
ChrysothemisChrysothemis:
Was redest du? Was redest du?
ElektraElektra
(aufstehend)(aufstehend):
Denn eh’ du diesem HausDenn eh’ du diesem Haus
und mir entkommst, mußt du es tun.und mir entkommst, mußt du es tun!
Chrysothemis
(Chrysothemis will reden, Elektra hält ihr den Mund zu.)(will reden).
ElektraElektra
(hält ihr den Mund zu):
Dir führt Dir führt
kein Weg hinaus, als der. Ich laß dich nicht,kein Weg hinaus als der. Ich laß dich nicht,
eh’ du mir Mund auf Mund es zugeschworen,eh du mir Mund auf Mund es zugeschworen,
daß du es tun wirst.daß du es tun wirst.
ChrysothemisChrysothemis
(windet sich los)(windet sich los):
Laß mich! Laß mich!
ElektraElektra
(faßt sie wieder)(faßt sie wieder):
Schwör, du kommst Schwör’, du kommst
heut Nacht, wenn alles still ist, an den Fußheut Nacht, wenn alles still ist, an den Fuß
der Treppe!der Treppe!
ChrysothemisChrysothemis:
Laß mich! Laß mich!
ElektraElektra
(hält sie am Gewand)(hält sie am Gewand):
Mädchen, sträub dich nicht! Mädchen, sträub’ dich nicht!
Es bleibt kein Tropfen Blut am Leibe haften!es bleibt kein Tropfen Blut am Leibe haften:
Schnell schlüpfst du aus dem blutigen Gewandschnell schlüpfst du aus dem blutigen Gewand
mit reinem Leib in’s hochzeitliche Hemd.mit reinem Leib ins hochzeitliche Hemd.
ChrysothemisChrysothemis:
Laß mich! Laß mich!
ElektraElektra
(immer dringender)(immer dringender):
Sei nicht zu feige! Was du jetzt Sei nicht zu feige! Was du jetzt
an Schaudern überwindest, wird vergoltenan Schaudern überwindest, wird vergolten
mit Wonneschaudern Nacht für Nacht.mit Wonneschaudern Nacht für Nacht –
ChrysothemisChrysothemis:
Ich kann nicht! Ich kann nicht!
ElektraElektra:
Sag, daß du kommen wirst. Sag, daß du kommen wirst!
ChrysothemisChrysothemis:
Ich kann nicht! Ich kann nicht!
ElektraElektra:
Sieh, Sieh,
ich lieg vor dir und küsse deine Füße.ich lieg’ vor dir, ich küße deine Füße!
ChrysothemisChrysothemis:
Ich kann nicht! Ich kann nicht!
(in’s Haustor entspringend)(Ins Haustor entspringend.)
ElektraElektra
(ihr nach):
Sei verflucht! Sei verflucht!
(mit wilder Entschlossenheit)(mit wilder Entschlossenheit)
Nun denn, allein.Nun denn, allein!
(Sie fängt an der Wand des Hauses, seitwärts der Türschwelle, eifrig zu graben an, lautlos wie ein Tier.)(Sie fängt an der Wand des Hauses, seitwärts der Türschwelle, eifrig zu graben an, lautlos, wie ein Tier. Hält mit Graben inne, sieht sich um, gräbt wieder. Elektra sieht sich von neuem um und lauscht, Elektra gräbt weiter.)
(Elektra hält mit Graben inne, sieht sich um, gräbt wieder.)
(Elektra sieht sich von neuem um und lauscht.)
(Elektra gräbt weiter.)
(Orest steht in der Hoftür, von der letzten Helle sich schwarz abhebend.)(Orest steht in der Hoftür, von der letzten Helle sich schwarz abhebend. Er tritt herein. Elektra blickt auf ihn. Er dreht sich langsam um, so daß sein Blick auf sie fällt. Elektra fährt heftig auf.)
(Orest tritt herein.)
(Elektra blickt auf ihn, er dreht sich langsam um, so daß sein Blick auf sie fällt: Elektra fährt heftig auf.)
ElektraElektra
(zitternd)(zitternd):
Was willst du, fremder Mensch? Was treibst du dich Was willst du, fremder Mensch? was treibst du dich
zur dunklen Stunde hier herum, belauerst,zur dunklen Stunde hier herum, belauerst,
was andre tun!was andre tun!
Ich hab’ hier ein Geschäft. Was kümmert’s dich?Ich hab’ hier ein Geschäft. Was kümmert’s dich?
Laß mich in Ruh!Laß mich in Ruh’.
OrestOrest:
Ich muß hier warten. Ich muß hier warten.
ElektraElektra:
Warten? Warten?
OrestOrest:
Doch du bist Doch du bist
hier aus dem Haus? bist eine von den Mägdenhier aus dem Haus? bist eine von den Mägden
dieses Hauses?dieses Hauses?
ElektraElektra:
Ja, ich diene hier im Haus. Ja, ich diene hier im Haus.
Du aber hast hier nichts zu schaffen, freu dichDu aber hast hier nichts zu schaffen. Freu dich
und geh!und geh.
OrestOrest:
Ich sagte dir: ich muß hier warten, Ich sagte dir, ich muß hier warten,
bis sie mich rufen.bis sie mich rufen.
ElektraElektra:
Die da drinnen? Die da drinnen?
Du lügst. Weiß ich doch gut, der Herr ist nicht zu Haus.Du lügst. Weiß ich doch gut, der Herr ist nicht zu Haus’.
Und sie, was sollte sie mit dir?Und sie, was sollte sie mit dir?
OrestOrest:
Ich und noch einer, Ich und noch einer,
der mit mir ist, wir haben einen Auftragder mit mir ist, wir haben einen Auftrag
an die Frau.an die Frau.
Elektra
(schweigt).
Orest:
Wir sind an sie geschickt, Wir sind an sie geschickt,
weil wir bezeugen können, daß ihr Sohnweil wir bezeugen können, daß ihr Sohn
Orest gestorben ist vor unsren Augen,Orest gestorben ist vor unsren Augen.
denn ihn erschlugen seine eignen Pferde.Denn ihn erschlugen seine eignen Pferde.
Ich war so alt wie er und sein GefährteIch war so alt wie er, und sein Gefährte
bei Tag und Nacht.bei Tag und Nacht.
ElektraElektra:
Muß ich dich Muß ich dich
noch sehn? Schleppst du dich hier her,noch sehn? schleppst du dich hierher
in meinen traurigen Winkel,in meinen traurigen Winkel,
Herold des Unglücks! Kannst du nicht die BotschaftHerold des Unglücks! Kannst du nicht die Botschaft
austrompeten dort, wo sie sich freun!austrompeten dort, wo sie sich freu’n!
Dein Aug’ da starrt mich an, und seins ist Gallert.Dein Aug’ da starrt mich an und seins ist Gallert.
Dein Mund geht auf und zu, und seiner istDein Mund geht auf und zu und seiner ist
mit Erde vollgepfropft.mit Erde vollgepfropft.
Du lebst, und er, der besser war als du,Du lebst und er, der besser war als du
und edler tausendmal, und tausendmal so wichtig,und edler, tausendmal und tausendmal so wichtig,
daß er lebte, er ist hin!daß er lebte, er ist hin.
OrestOrest
(ruhig)(ruhig):
Laß den Orest! Er freute sich zu sehr Laß den Orest. Er freute sich zu sehr
an seinem Leben. Die Götter drobenan seinem Leben. Die Götter droben
vertragen nicht den allzu hellen Lautvertragen nicht den allzu hellen Laut
der Lust. So mußte er denn sterben.der Lust. So mußte er denn sterben.
ElektraElektra:
Doch ich! Doch ich! Daliegen und Doch ich! doch ich! da liegen und
zu wissen, daß das Kind nie wiederkommt,zu wissen, daß das Kind nie wieder kommt,
nie wiederkommt.nie wieder kommt,
Daß das Kind da drunten in den Klüftendaß das Kind da drunten in den Klüften
des Grausens lungert – daß die da drinnendes Grausens lungert, daß die da drinnen
leben und sich freuen,leben und sich freuen,
daß dies Gezücht in seiner Höhle lebtdaß dies Gezücht in seiner Höhle lebt
und ißt und trinkt und schläft –und ißt und trinkt und schläft –
und ich hier droben, wie nicht das Tier des Waldesund ich hier droben, wie nicht das Tier des Waldes
einsam und gräßlich lebt, ich hier droben allein!einsam und gräßlich lebt – ich hier droben allein.
OrestOrest:
Wer bist denn du? Wer bist denn du?
ElektraElektra:
Was kümmert’s Was kümmert’s
dich, wer ich bin?dich, wer ich bin?
OrestOrest:
Du mußt verwandtes Blut zu denen sein, Du mußt verwandtes Blut zu denen sein,
die starben, Agamemnon und Orest.die starben, Agamemnon und Orest.
ElektraElektra:
Verwandt? Ich bin dies Blut! Ich bin das hündisch Verwandt? ich bin dies Blut! ich bin das hündisch
vergossene Blut des Königs Agamemnon!vergossene Blut des Königs Agamemnon!
Elektra heiß ich.Elektra heiß’ ich.
OrestOrest:
Nein! Nein!
ElektraElektra:
Er leugnets ab. Er leugnet’s ab.
Er bläst auf mich und nimmt mir meinen Namen.Er bläst auf mich und nimmt mir meinen Namen.
OrestOrest:
Elektra! Elektra!
ElektraElektra:
Weil ich nicht Vater hab,Weil ich nicht Vater hab’.
OrestOrest:
Elektra! Elektra!
ElektraElektra:
noch Bruder, bin ich der Spott der Buben! Noch Bruder, bin ich der Spott der Buben!
OrestOrest:
Elektra! Elektra! Elektra! Elektra!
So seh’ ich sie? Ich seh’ sie wirklich, du?So seh’ ich sie? ich seh’ sie wirklich? du?
So haben sie dich darben lassen, oder –So haben sie dich darben lassen oder –
sie haben dich geschlagen?sie haben dich geschlagen?
ElektraElektra:
Laß mein Kleid! Wühl nicht mit deinem Blick daran. Laß mein Kleid, wühl nicht mit deinem Blick daran.
OrestOrest:
Was haben sie gemacht mit deinen Nächten?Was haben sie gemacht mit deinen Nächten?
Furchtbar sind deine Augen,Furchtbar sind deine Augen.
ElektraElektra:
Laß mich! Laß mich!
OrestOrest:
hohl sind deine Wangen! Hohl sind deine Wangen!
ElektraElektra:
Geh in’s Haus, Geh’ ins Haus,
drin hab ich eine Schwester, die bewahrt sichdrin hab’ ich eine Schwester, die bewahrt sich
für Freudenfeste auf!für Freudenfeste auf!
OrestOrest:
Elektra, hör mich! Elektra, hör mich!
ElektraElektra:
Ich will nicht wissen, wer du bist, Ich will nicht wissen, wer du bist.
ich will Niemand sehn.Ich will niemand sehn!
OrestOrest:
Hör mich an, ich hab nicht Zeit. Hör’ mich an, ich hab’ nicht Zeit.
Hör zu:Hör’ zu:
(leise)(leise)
Orestes lebt! Orestes lebt!
Elektra
(Elektra wirft sich herum.)(wirft sich herum).
OrestOrest:
Wenn du dich regst, verrätst du ihn. Wenn du dich regst, verrätst du ihn.
ElektraElektra:
So ist er frei? Wo ist er? So ist er frei? wo ist er?
OrestOrest:
Er ist unversehrt Er ist unversehrt
wie ich.wie ich.
ElektraElektra:
So rett’ ihn doch, bevor sie ihn So rett’ ihn doch, bevor sie ihn
erwürgen.erwürgen.
OrestOrest:
Bei meines Vaters Leichnam, dazu kam ich her! Bei meines Vaters Leichnam! dazu kam ich her!
ElektraElektra
(von seinem Ton getroffen)(von seinem Ton getroffen):
Wer bist denn du? Wer bist denn du?
(Der alte finstere Diener stürzt, gefolgt von drei andern Dienern, aus dem Hof lautlos herein, wirft sich vor Orest nieder, küßt seine Füße, die andern Orests Hände und den Saum seines Gewandes.)Der alte finstre Diener stürzt gefolgt von drei anderen Dienern aus dem Hof lautlos herein, wirft sich vor Orest nieder, küßt seine Füße, die anderen Orest’s Hände und den Saum seines Gewandes.
ElektraElektra
(kaum ihrer mächtig)(kaum ihrer mächtig):
Wer bist du denn? Ich fürchte mich. Wer bist du denn? Ich fürchte mich.
OrestOrest
(sanft)(sanft):
Die Hunde auf dem Hof erkennen mich, Die Hunde auf dem Hof erkennen mich,
und meine Schwester nicht?und meine Schwester nicht?
ElektraElektra
(aufschreiend)(aufschreiend):
Orest! Orest!
(ganz leise, bebend)(Ganz leise, bebend.)
Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest!
Es rührt sich Niemand. O lass deine AugenEs rührt sich niemand! O laß deine Augen
mich sehn, Traumbild, mir geschenktesmich sehn, Traumbild, mir geschenktes
Traumbild, schöner als alle Träume.Traumbild, schöner als alle Träume!
Hehres, unbegreifliches, erhabenes Gesicht,Hehres, unbegreifliches, erhabenes Gesicht,
o bleib bei mir! Lös’ nichto bleib’ bei mir! Lös’ nicht
in Luft dich auf, vergeh mir nicht, vergeh mir nicht,in Luft dich auf, vergeh’ mir nicht,
es sei denn, dass ich jetzt gleiches sei denn, daß ich jetzt gleich
sterben muss und du dich anzeigststerben muß und du dich anzeigst
und mich holen kommst: Dann sterb’ ichund mich holen kommst: dann sterbe ich
seliger, als ich gelebt. Orest! Orest! Orest!seliger, als ich gelebt! Orest! Orest!
(Orest neigt sich zu Elektra, sie zu umarmen.)(Orest neigt sich zu ihr, sie zu umarmen.)
(heftig)(heftig)
Nein, du sollst mich nicht umarmen!Nein, du sollst mich nicht umarmen!
Tritt weg! Ich schäme mich vor dir. Ich weiss nicht,Tritt weg, ich schäme mich vor dir. Ich weiß nicht,
wie du mich ansiehst.wie du mich ansiehst.
Ich bin nur mehr der Leichnam deiner Schwester,Ich bin nur mehr der Leichnam deiner Schwester,
mein armes Kind. Ich weiss:mein armes Kind! Ich weiß,
(leise)(leise)
Es schaudert dich es schaudert dich
vor mir, und war doch eines Königs Tochter.vor mir, und war doch eines Königs Tochter!
Ich glaube, ich war schön: wenn ich die LampeIch glaube, ich war schön: wenn ich die Lampe
ausblies vor meinem Spiegel, fühlt’ ich esausblies vor meinem Spiegel, fühlt ich es
mit keuschem Schauer. Ich fühlt’ es,mit keuschem Schauer. Ich fühlt es,
wie der dünne Strahl des Mondeswie der dünne Strahl des Mondes
in meines Körpers weisser Nacktheit badetein meines Körpers weißer Nacktheit badete,
so wie in einem Weiher. Und mein Haarso wie in einem Weiher, und mein Haar
war solches Haar, vor dem die Männer zittern,war solches Haar, vor dem die Männer zittern,
dies Haar, versträhnt, beschmutzt, erniedrigt.dies Haar, versträhnt, beschmutzt, erniedrigt.
Verstehst du’s, Bruder? Ich habe Alles,Verstehst du’s, Bruder? Ich habe Alles
was ich war, hingeben müssen. Meine Schamwas ich war, hingeben müssen. Meine Scham
hab’ ich geopfert, die Scham, die süßerhab’ ich geopfert, die Scham, die süßer
als Alles ist, die Scham, die wie der Silberdunst,als Alles ist, die Scham, die wie der Silberdunst,
der milchige des Monds, um jedes Weibder milchige, des Monds um jedes Weib
herum ist und das Gräßliche von ihrherum ist und das Gräßliche von ihr
und ihrer Seele weghält. Verstehst du’s, Bruder?und ihrer Seele weghält. Verstehst du’s, Bruder?
Diese süßen Schauder hab ich dem VaterDiese süßen Schauder hab’ ich dem Vater
opfern müssen. Meinst du,opfern müssen. Meinst du,
wenn ich an meinem Leib mich freute, drangenwenn ich an meinem Leib mich freute, drangen
seine Seufzer, drang nicht sein Stöhnenseine Seufzer, drang nicht sein Stöhnen
an mein Bette?an mein Bette?
(düster)(düster)
Eifersüchtig sind Eifersüchtig sind
die Toten: und er schickte mir den Haß,die Toten: und er schickte mir den Haß,
den hohläugigen Haß als Bräutigam.den hohläugigen Haß als Bräutigam.
So bin ich eine Prophetin immerfort gewesenSo bin ich eine Prophetin immerfort gewesen
und habe nichts hervorgebracht aus mirund habe nichts hervorgebracht aus mir
und meinem Leib als Flüche und Verzweiflung.und meinem Leib als Flüche und Verzweiflung!
Was schaust du ängstlich um dich? Sprich zu mir!Was schaust du ängstlich um dich? sprich zu mir!
Sprich doch! Du zitterst ja am ganzen Leib?sprich doch! Du zitterst ja am ganzen Leib?
OrestOrest:
Laß zittern diesen Leib. Er ahnt, Laß zittern diesen Leib! Er ahnt,
welchen Weg ich ihn führe.welchen Weg ich ihn führe.
ElektraElektra:
Du wirst es tun? Allein? Du armes Kind? Du wirst es tun? Allein? Du armes Kind?
OrestOrest:
Die diese Tat mir auferlegt,Die diese Tat mir auferlegt,
die Götter, werden da sein, mir zu helfen.Die Götter werden da sein, mir zu helfen.
Ich will es tun,Ich will es tun,
ich will es eilig tun!ich will es eilig tun.
Ich werde es tun!Ich werde es tun!
Ich werde es tun!Ich werde es tun!
ElektraElektra:
Du wirst es tun!Du wirst es tun!
Der ist selig, der tun darf!Der ist selig, der tun darf.
Die Tat ist wie ein Bette,Die Tat ist wie ein Bette,
auf dem die Seele ausruht,auf dem die Seele ausruht,
wie ein Bett von Balsam,wie ein Bett von Balsam,
drauf die Seele ruhen kann,drauf die Seele ruhen kann,
die eine Wunde ist, ein Brand,die eine Wunde ist, ein Brand,
ein Eiter, eine Flamme!ein Eiter, eine Flamme!
ElektraElektra
(sehr schwungvoll)(sehr schwungvoll):
Der ist selig, der seine Tat zu tun kommt, Der ist selig, der seine Tat zu tun kommt,
selig der, der ihn ersehnt,selig der, der ihn ersehnt,
selig, der ihn erschaut.selig, der ihn erschaut.
Selig, wer ihn erkennt,Selig, wer ihn erkennt,
selig, wer ihn berührt.selig, wer ihn berührt.
Selig, wer ihm das Beil aus der Erde gräbt,Selig, wer ihm das Beil aus der Erde gräbt,
selig, wer ihm die Fackel hält,selig, wer ihm die Fackel hält,
selig, selig, wer ihm öffnet die Tür.selig, wer ihm öffnet die Tür.
(Der Pfleger Orest’s steht in der Hoftür, ein starker Greis mit blitzenden Augen.)(Der Pfleger Orests steht in der Hoftür, ein starker Greis mit blitzenden Augen.)
Der PflegerDer Pfleger
(hastig auf sie zu)(hastig auf sie zu):
Seid ihr von Sinnen, daß ihr euren Mund Seid ihr von Sinnen, daß ihr euren Mund
nicht bändigt, wo ein Hauch, ein Laut, ein Nichtsnicht bändigt, wo ein Hauch, ein Laut, ein Nichts
uns und das Werk verderben kann.Uns und das Werk verderben kann.
(zu Orest, in fliegender Eile)(Zu Orest in fliegender Eile.)
Sie wartet drinnen. Ihre Mägde suchen nach dir.Sie wartet drinnen, ihre Mägde suchen nach dir.
Es ist kein Mann im Haus. Orest!Es ist kein Mann im Haus, Orest!
Orest
(Orest reckt sich auf, seinen Schauder bezwingend.)(reckt sich auf, seinen Schauder bezwingend).
(Die Tür des Hauses erhellt sich.)Die Tür des Hauses erhellt sich, und es erscheint eine Dienerin mit einer Fackel, hinter ihr die Vertraute. Elektra ist zurückgesprungen, steht im Dunkel. Die Vertraute verneigt sich gegen die beiden Fremden, winkt, ihr hinein zu folgen. Die Dienerin befestigt die Fackel an einem eisernen Ring im Türpfosten. Orest und der Pfleger gehen hinein. Orest schließt einen Augenblick schwindelnd die Augen, der Pfleger ist dicht hinter ihm, sie tauschen einen schnellen Blick. Die Tür schließt sich hinter ihnen.
(Es erscheint eine Dienerin mit einer Fackel, hinter ihr die Vertraute. Elektra ist zurückgesprungen, steht im Dunkel.)
(Die Dienerin befestigt die Fackel an einem eisernen Ring im Türpfosten.)
(Die Vertraute verneigt sich gegen die beiden Fremden, winkt, ihr hinein zu folgen, Orest und der Pfleger gehen hinein. Orest schließt einen Augenblick schwindelnd die Augen. Der Pfleger ist dicht hinter ihm, sie tauschen einen schnellen Blick, die Tür schließt sich hinter ihnen.)
(Elektra allein, in entsetzlicher Spannung. Sie läuft auf einem Strich vor der Tür hin und her, mit gesenktem Kopf, wie das gefangene Tier im Käfig.)
ElektraElektra
(steht plötzlich still)(allein, in entsetzlicher Spannung. Sie läuft auf einem Strich vor der Tür hin und her, mit gesenktem Kopf, wie das gefangene Tier im Käfig. Plötzlich steht sie still):
Ich habe ihm das Beil nicht geben können! Ich habe ihm das Beil nicht geben können!
Sie sind gegangen und ich habe ihmSie sind gegangen und ich habe ihm
das Beil nicht geben können. Es sind keinedas Beil nicht geben können. Es sind keine
Götter im Himmel!Götter im Himmel!
(Abermals ein furchtbares Warten)(Abermals ein furchtbares Warten. Von ferne tönt drinnen, gellend, der Schrei Klytämnestras.)
(Von ferne tönt drinnen, gellend, der Schrei Klytämnestra’s.)
ElektraElektra
(schreit auf wie ein Dämon)(schreit auf wie ein Dämon):
Triff noch einmal! Triff noch einmal!
(Von drinnen ein zweiter Schrei)(Von drinnen ein zweiter Schrei.
Aus dem Wohngebäude links kommen Chrysothemis und eine Schar Dienerinnen heraus.)
Elektra
(Elektra steht in der Tür, mit dem Rücken an die Tür gepreßt.)(steht in der Tür, mit dem Rücken an die Tür gepreßt).
(Aus dem Wohngebäude links kommen Chrysothemis und eine Schar Dienerinnen heraus.)
ChrysothemisChrysothemis:
Es muß etwas geschehen sein. Es muß etwas geschehen sein.
1. MagdErste Magd:
Sie schreit Sie schreit
so aus dem Schlaf.so aus dem Schlaf.
2. MagdZweite Magd:
Es müssen Männer drin sein. Es müssen Männer drin sein.
Ich habe Männer gehen hören.Ich habe Männer gehen hören.
3. MagdDritte Magd:
Alle Alle
Türen sind verriegelt.die Türen sind verriegelt.
4. MagdVierte Magd
(schreiend)(schreiend):
Es sind Mörder, Es sind Mörder!
es sind Mörder im Haus!Es sind Mörder im Haus!
1. MagdErste Magd: [sic]
(schreit auf)(schreit auf):
Oh! Oh!
2., 3. Magd, 6 andere DienerinnenAlle:
Was ist? Was ist?
1. MagdErste Magd:
Seht ihr denn nicht: dort in der Tür steht einer! Seht ihr denn nicht: dort in der Tür steht einer!
ChrysothemisChrysothemis:
Das ist Elektra! Das ist ja Elektra! Das ist Elektra! das ist ja Elektra!
1.–4. Magd
Elektra! Elektra!
1., 2. MagdErste und zweite Magd:
 Elektra, Elektra!
Warum spricht sie denn nicht?Warum spricht sie denn nicht?
ChrysothemisChrysothemis:
Elektra, Elektra,
warum sprichst du denn nicht?warum sprichst du denn nicht?
4. MagdVierte Magd:
(allein)
Ich will hinaus, Ich will hinaus
Männer holen!Männer holen!
(läuft rechts hinaus)(Läuft rechts hinaus.)
ChrysothemisChrysothemis:
Mach uns doch die Tür auf, Mach uns doch die Tür auf,
Elektra!Elektra!
6 DienerinnenMehrere Dienerinnen:
Elektra, laß uns in’s Haus! Elektra, laß uns ins Haus!
Chrysothemis
Elektra!
4. MagdVierte Magd: [sic]
(zurückkommend)(Zurückkommend):
Zurück! Zurück!
Alle
(erschrecken).
4. MagdVierte Magd:
Aegisth! Zurück in unsre Kammern, schnell – Aegisth! Zurück in unsre Kammern! schnell!
Aegisth kommt durch den Hof. Wenn er uns findet,Aegisth kommt durch den Hof! Wenn er uns findet
und wenn im Hause was geschehen ist,und wenn im Hause was geschehen ist,
läßt er uns töten!läßt er uns töten.
1.–3. Magd, 6 Dienerinnen
Aegisth!
ChrysothemisChrysothemis:
Zurück! Zurück!
1.–4. Magd, 6 DienerinnenAlle:
Zurück! Zurück! Zurück! zurück! zurück!
(Sie verschwinden im Hause links.)(Sie verschwinden im Hause links.)
(Aegisth tritt rechts durch die Hoftür auf.)(Aegisth tritt rechts durch die Hoftür auf).
AegisthAegisth
(an der Tür stehen bleibend)(an der Tür stehen bleibend):
He, Lichter! Lichter! He! Lichter! Lichter!
Ist Niemand da, zu leuchten? Rührt sich keinerIst niemand da, zu leuchten? Rührt sich keiner
von allen diesen Schuften? Kann das Volkvon allen diesen Schuften? Kann das Volk
keine Zucht annehmen?keine Zucht annehmen?
Elektra
(Elektra nimmt die Fackel von dem Ring, läuft hinunter, ihm entgegen, und verneigt sich vor ihm.)(nimmt die Fackel von dem Ring, läuft hinunter, ihm entgegen, und neigt sich vor ihm).
(Aegisth erschrickt vor der wirren Gestalt im zuckenden Licht, weicht zurück.)
AegisthAegisth
(erschrickt vor der wirren Gestalt im zuckenden Licht, weicht zurück):
Was ist das für ein unheimliches Weib? Was ist das für ein unheimliches Weib?
Ich hab verboten, daß ein unbekanntesIch hab’ verboten, daß ein unbekanntes
Gesicht mir in die Nähe kommt!Gesicht mir in die Nähe kommt!
(erkennt sie)(Erkennt sie, zornig.)
(zornig)
Was, du?Was, du?
Wer heißt dich mir entgegentreten?Wer heißt dich, mir entgegentreten?
ElektraElektra:
Darf ich Darf ich
nicht leuchten?nicht leuchten?
AegisthAegisth:
Nun, dich geht die Neuigkeit Nun, dich geht die Neuigkeit
ja doch vor allen an. Wo find ichja doch vor allen an. Wo find ich
die fremden Männer, die das von Orestdie fremden Männer, die das von Orest
uns melden?uns melden?
ElektraElektra:
Drinnen. Eine liebe Wirtin Drinnen. Eine liebe Wirtin
fanden sie vor, und sie ergetzen sichfanden sie vor, und sie ergetzen sich
mit ihr.mit ihr.
AegisthAegisth:
Und melden also wirklich, daß er Und melden also wirklich, daß er
gestorben ist, und melden so, daß nichtgestorben ist, und melden so, daß nicht
zu zweifeln ist?zu zweifeln ist?
ElektraElektra:
O Herr! Sie melden’s nicht O Herr, sie melden’s nicht
mit Worten blos [sic], nein, mit leibhaftigen Zeichen,mit Worten bloß, nein, mit leibhaftigen Zeichen,
an denen auch kein Zweifel möglich ist.an denen auch kein Zweifel möglich ist.
AegisthAegisth:
Was hast du in der Stimme? Und was ist Was hast du in der Stimme? Und was ist
in dich gefahren, daß du nach dem Mundin dich gefahren, daß du nach dem Mund
mir redest? Was taumelst du so hinmir redest? Was taumelst du so hin
und her mit deinem Licht?und her mit deinem Licht?
ElektraElektra:
Es ist nichts anderes, Es ist nichts andres,
als daß ich endlich klug ward und zu denenals daß ich endlich klug ward und zu denen
mich halte, die die Stärkeren sind. Erlaubst du,mich halte, die die Stärkern sind. Erlaubst du,
daß ich voran dir leuchte?daß ich voran dir leuchte?
AegisthAegisth
(etwas zaudernd)(etwas zaudernd):
Bis zur Tür. Bis zur Tür.
Was tanzest du? Gib Obacht!Was tanzest du? Gib Obacht.
ElektraElektra:
(indem sie ihn wie in einem unheimlichen Tanz umkreist, sich plötzlich tief bückend)(indem sie ihn, wie in einem unheimlichen Tanz, umkreist sich plötzlich tief bückend):
Hier! die Stufen, Hier! die Stufen,
daß du nicht fällst.daß du nicht fällst.
AegisthAegisth
(an der Haustür)(an der Haustür):
Warum ist hier kein Licht? Warum ist hier kein Licht?
Wer sind die dort?Wer sind die dort?
ElektraElektra:
Die sind’s, die in Person Die sind’s, die in Person
dir aufzuwarten wünschen, Herr. Und ich,dir aufzuwarten wünschen, Herr. Und ich,
die so oft durch freche, unbescheidne Näh’die so oft durch freche unbescheidne Näh’
dich störte, will nun endlich lernen, michdich störte, will nun endlich lernen, mich
im rechten Augenblick zurückzuziehn.im rechten Augenblick zurückzuziehen.
(Aegisth geht in’s Haus.)
(Stille)
(Lärm drinnen)
(Aegisth erscheint an einem kleinen Fenster, reißt den Vorhang weg.)
AegisthAegisth
(schreiend)(geht ins Haus. Stille. Dann Lärm drinnen. Aegisth erscheint an einem kleinen Fenster, reißt den Vorhang weg, schreiend):
Helft! Mörder! Helft dem Herren! Mörder, Mörder! Helft! Mörder! helft dem Herren! Mörder,
Sie morden mich!Sie morden mich!
Hört mich niemand? HörtHört mich niemand? hört
mich niemand?mich niemand?
(Er wird weggezerrt.)(Er wird weggezerrt.)
ElektraElektra
(reckt sich auf)(reckt sich auf):
Agamemnon hört dich! Agamemnon hört dich!
(Noch einmal erscheint Aegisths Gesicht am Fenster.)(Noch einmal erscheint Aegisth’s Gesicht am Fenster.)
AegisthAegisth
Weh mir! Weh mir!
(Er wird fortgerissen.)(Er wird fortgerissen.)
Elektra:
(Elektra steht, furchtbar atmend, gegen das Haus gekehrt.)(steht, furchtbar atmend, gegen das Haus gekehrt).
(Die Frauen kommen von links herausgelaufen, Chrysothemis unter ihnen. Wie besinnungslos laufen sie gegen die Hoftür, dort machen sie plötzlich Halt, wenden sich.)Die Frauen kommen von links herausgelaufen, Chrysothemis unter ihnen. Wie besinnungslos laufen sie gegen die Hoftür. Dort machen sie plötzlich Halt, wenden sich.
ChrysothemisChrysothemis:
Elektra, Schwester! Komm mit uns! O kommElektra! Schwester! komm mit uns! o komm
mit uns! Es ist der Bruder drin im Haus!mit uns! es ist der Bruder drin im Haus!
Es ist Orest, der es getan hat!es ist Orest, der es getan hat!
(Getümmel im Hause, Stimmengewirr, aus dem sich ab und zu die Rufe des Chors: »Orest« bestimmter abheben)(Getümmel im Hause, Stimmengewirr, aus dem sich ab und zu die Rufe des Chors, »Orest« bestimmter abheben.)
Frauen, Männer
(Stimmen hinter der Scene)
(im Hause)
Orest! Orest! Orest! Orest! Orest!
Chrysothemis
Komm!Komm!
Er steht im Vorsaal, alle sind um ihn,Er steht im Vorsaal, alle sind um ihn,
und küssen seine Füße,und küssen seine Füße.
Frauen, Männer
(Chor hinter der Scene)
Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest!
(Das Kampfgetöse, der tötliche Kampf zwischen den zu Orest haltenden Sklaven und den Angehörigen des Aegisth, hat sich allmählich in die inneren Höfe gezogen, mit denen die Hoftür rechts communiziert.)(Das Kampfgetöse, der tötliche Kampf zwischen den zu Orest haltenden Sklaven und den Angehörigen des Aegisth, hat sich allmählich in die innern Höfe gezogen, mit denen die Hoftür rechts kommuniziert.)
Chrysothemis
alle, die Alle, die
Aegisth von Herzen haßten, haben sichAegisth von Herzen haßten, haben sich
geworfen auf die andern, überall,geworfen auf die andern, überall
in allen Höfen liegen Tote, alle,in allen Höfen liegen Tote, alle,
die leben, sind mit Blut bespritzt und habendie leben, sind mit Blut bespritzt und haben
selbst Wunden, und doch strahlen alle, alleselbst Wunden, und doch strahlen alle, alle
umarmen sich und jauchzen. Tausend Fackelnumarmen sich und jauchzen, tausend Fackeln 
Frauen, Männer
(Chor hinter der Scene)
Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest! Orest!
(Draußen wachsender Lärm, der sich jedoch, wenn Elektra beginnt, mehr und mehr nach den äußeren Höfen rechts und im Hintergrunde verzogen hat. Die Frauen sind hinausgelaufen. Chrysothemis allein, von draußen fällt Licht herein.)(Draußen wachsender Lärm, der sich jedoch, wenn Elektra beginnt, mehr und mehr nach den äußeren Höfen rechts und im Hintergrunde verzogen hat. Die Frauen sind hinausgelaufen, Chrysothemis allein, von draußen fällt Licht herein.)
Chrysothemis
sind angezündet. Hörst du nicht? So hörstsind angezündet. Hörst du nicht? So hörst
du denn nicht?du denn nicht?
Frauen, Männer
(Chor hinter der Scene)
(schon entfernter)
Orest!
ElektraElektra
(auf der Schwelle kauernd)(auf der Schwelle kauernd):
Ob ich nicht höre? Ob ich die Ob ich nicht höre? ob ich die
Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir.Musik nicht höre? sie kommt doch aus mir.
Die Tausende, die Fackeln tragen,Die Tausende, die Fackeln tragen
und deren Tritte, deren uferloseund deren Tritte, deren uferlose
Myriaden Tritte überall die ErdeMyriaden Tritte überall die Erde
dumpf dröhnen machen, alle wartendumpf dröhnen machen, alle warten
auf mich: ich weiß doch, daß sie alle warten,auf mich: ich weiß doch, daß sie alle warten,
weil ich den Reigen führen muß – und ichweil ich den Reigen führen muß, und ich
kann nicht, der Ozean, der ungeheure,kann nicht, der Ozean, der ungeheure,
der zwanzigfache Ozean begräbtder zwanzigfache Ozean begräbt
mir jedes Glied mit seiner Wucht, ich kann michmir jedes Glied mit seiner Wucht, ich kann mich
nicht heben.nicht heben!
ChrysothemisChrysothemis
(fast schreiend vor Erregung)(fast schreiend vor Erregung):
Hörst du denn nicht? Sie tragen ihn, Hörst du denn nicht, sie tragen ihn,
sie tragen ihn auf ihren Händen!sie tragen ihn auf ihren Händen.
ElektraElektra
(springt auf)(springt auf, vor sich hin, ohne auf Chrysothemis zu achten):
(vor sich hin, ohne auf Chrysothemis zu achten)
Wir Wir
sind bei den Göttern, wir Vollbringenden.sind bei den Göttern, wir Vollbringenden.
(begeistert)(Begeistert.)
Sie fahren dahin wie die Schärfe des SchwertsSie fahren dahin wie die Schärfe des Schwerts
durch uns, die Götter, aber ihredurch uns, die Götter, aber ihre
Herrlichkeit ist nicht zu viel für uns!Herrlichkeit ist nicht zuviel für uns!
ChrysothemisChrysothemis
Allen sind die Gesichter verwandelt. Allen Allen sind die Gesichter verwandelt, allen
schimmern die Augen und die alten Wangenschimmern die Augen und die alten Wangen
vor Tränen. Alle weinen. Hörst du’s nicht?vor Tränen! Alle weinen, hörst du’s nicht?
ElektraElektra:
Ich habe Finsternis gesät und ernteIch habe Finsternis gesät und ernte
Lust über Lust.Lust über Lust.
Ich war ein schwarzer LeichnamIch war ein schwarzer Leichnam
unter Lebenden, und diese Stundeunter Lebenden und diese Stunde
bin ich das Feuer des Lebens, und meine Flammebin ich das Feuer des Lebens und meine Flamme
verbrennt die Finsternis der Welt.verbrennt die Finsternis der Welt.
Mein Gesicht muß weißer seinMein Gesicht muß weißer sein
als das weißglüh’nde Gesicht des Monds.als das weißglühende Gesicht des Monds.
Wenn einer auf mich sieht,Wenn einer auf mich sieht,
muß er den Tod empfangen oder mußmuß er den Tod empfangen oder muß
vergehn vor Lust.vergehen vor Lust.
Seht ihr denn mein Gesicht?Seht ihr denn mein Gesicht?
Seht ihr das Licht, das von mir ausgeht?Seht ihr das Licht, das von mir ausgeht?
ChrysothemisChrysothemis:
Gut sind die Götter, gut!Gut sind die Götter! Gut!
Es fängt ein Leben für dich und mich und alle Menschen an.Es fängt ein Leben für dich und mich und alle Menschen an.
Die überschwänglich guten Götter sind’s, die das gegeben haben.Die überschwänglich guten Götter sinds, die das gegeben haben.
Wer hat uns je geliebt?Wer hat uns je geliebt?
Wer hat uns je geliebt?Wer hat uns je geliebt?
ChrysothemisChrysothemis:
Nun ist der Bruder da und Liebe Nun ist der Bruder da und Liebe
fließt über uns wie Oel und Mÿrrhen. Liebefließt über uns wie Öl und Myrrhen, Liebe
ist alles, wer kann leben ohne Liebe?ist Alles! wer kann leben ohne Liebe?
ElektraElektra
(feurig):
Ai! (feurig) Liebe tötet, aber keiner fährt dahinAi! Liebe tötet! aber keiner fährt dahin
und hat die Liebe nicht gekannt!und hat die Liebe nicht gekannt!
ChrysothemisChrysothemis:
Elektra,Elektra!
ich muß bei meinem Bruder stehn!Ich muß bei meinem Bruder stehn!
(Sie läuft hinaus.)(Chrysothemis läuft hinaus.)
(Elektra schreitet von der Schwelle herunter. Sie hat den Kopf zurückgeworfen wie eine Mänade. Sie wirft die Kniee, sie reckt die Arme aus: es ist ein namenloser Tanz, in welchem sie nach vorwärts schreitet.)Elektra schreitet von der Schwelle herunter. Sie hat den Kopf zurückgeworfen wie eine Mänade. Sie wirft die Knie, sie reckt die Arme aus, es ist ein namenloser Tanz, in welchem sie nach vorwärts schreitet.
(Chrysothemis erscheint wieder an der Tür, hinter ihr Fackeln, Gedräng, Gesichter von Männern und Frauen.)
ChrysothemisChrysothemis
(erscheint wieder an der Tür, hinter ihr Fackeln, Gedräng, Gesichter von Männern und Frauen):
Elektra! Elektra!
(Elektra bleibt stehen, sieht starr auf sie hin.)
ElektraElektra
(bleibt stehen, sieht starr auf sie hin):
Schweig und tanze! Alle müssen Schweig, und tanze. Alle müssen
herbei! Hier schließt euch an! Ich trage die Lastherbei! hier schließt euch an! Ich trage die Last
des Glückes, und ich tanze vor euch her.des Glückes, und ich tanze vor euch her.
Wer glücklich ist, wie wir, dem ziemt nur eins:Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins:
schweigen und tanzen …schweigen und tanzen!
(Sie tut noch einige Schritte des angespanntesten Triumphes – Elektra stürzt zusammen. Chrysothemis zu ihr. Elektra liegt starr. Chrysothemis läuft an die Tür des Hauses, schlägt daran.)(Sie tut noch einige Schritte des angespanntesten Triumphes und stürzt zusammen.)
ChrysothemisChrysothemis
(zu ihr. Elektra liegt starr. Chrysothemis läuft an die Tür des Hauses, schlägt daran):
Orest! Orest! Orest! Orest!
(Stille)(Stille. Vorhang).
(Vorhang)
verantwortlich für diesen Datensatz: Adrian Kech, Sebastian Bolz

Quellennachweis

Edierter Gesangstext
Richard Strauss: Elektra op. 58, vorgelegt von Alexander Erhard, redaktionell überarbeitet, eingeleitet und um einen Kritischen Bericht ergänzt von Sebastian Bolz und Adrian Kech, Wien: Verlag Dr. Richard Strauss 2020 (= Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe, I/4)
Textvorlage bei Komposition
Hugo von Hofmannsthal: Elektra, Tragödie in einem Aufzug, 5. Auflage, Berlin: S. Fischer 1904 (Richard-Strauss-Archiv, Signatur TrV_223_q00549, http://rsi-rsqv.de/q00549, Handexemplar Richard Strauss)
Textbuch
Elektra, Tragödie in einem Aufzuge von Hugo von Hofmannsthal, Musik von Richard Strauss, Berlin: Adolph Fürstner 1908 (Österreichische Nationalbibliothek, Signatur 221829‑B, http://data.onb.ac.at/rec/AC10477449)

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/t10442 (Version 2021‑09‑30).