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Lieber Freund!
Die letzte Woche war durch Tristan, Lohengrin und das Leipziger Concert so anstrengend, daß ich nicht dazu kam, Deinen lieben Brief zu beantworten. In Leipzig war’s kolossal, Dirigent u. Componist haben riesiges Furore gemacht; gestern Mittwoch habe ich mit demselben Orchester im Krÿstallpalast in Leipzig Tod u. Verkl. in einem Wohltätigkeitsconcert für die Arbeitslosen wiederholt, wieder mit größtem Erfolge.
Es ist mir ein großer Kum̅er, daß der Bülowsche Königsmarsch mir gerade jetzt ankom̅t. Seit 2 Jahren habe ich nichts componirt u. hätte mit Vergnügen den Marsch instrumentirt noch vor einem halben Jahr. Seit 14 Tagen stecke ich aber im ersten Enthusiasmus u. ersten Schuß der zu componirenden Oper u. jetzt ist es mir total unmöglich, mich mit etwas anderem zu beschäftigen, da ich doch auch noch meinen Theaterdienst habe. Es tut mir schrecklich leid, aber Du siehst es doch selbst [1v] ein! Sobald möglich, mache ich es. Aber gerade jetzt unmöglich! Den Operntext erhältst Du zu Lesen, sobald ich ihn einmal entbehren u. nach München schicken kann. Vorläufig soll Dir Ritter erzählen, soviel er will. Die Sache soll gar kein Geheimnis sein, am allerwenigsten für Dich!
Soeben sende ich an Papa Kritiken, die er Dir auch lesen lassen soll! Bülow war auch zu mir voll Begeisterung über Macbeth. Ich habe einen recht ekelhaften Kehlkopfkatarrh u. darf nicht rauchen, sonst geht es mir aber gut.
Besten Dank für die 300 M.
Adieu! Hast Du gehört, daß Tod u. Verklärung auf dem Kölner Musikfest gemacht werden soll?
Herzlichen Gruß
Deines
getreuen
RStrauss.
W. 17. / 3. 92.